07. Feb 2007 07:12
Don Alphonso mag Krawall, aber noch lieber sind ihm mäandernde Geschichten von Frauen. Netzeitung.de sprach mit Deutschlands berüchtigstem Blogger.
Don Alphonso heißt eigentlich Rainer Meyer. Meyer ist 39 Jahre alt, lebt überwiegend in München und arbeitet als Journalist. Langweilig? Na gut: Don Alphonso ist sieben Jahre alt, lebt im Internet und bloggt. Bei «Rebellen ohne Markt» und in der «Blogbar» findet man ihn regelmäßig, manchmal besucht er auch andere Blogs und hinterlässt deutliche Spuren. Als Meyer alias Don Alphonso neulich in Berlin war, trafen wir uns im Café Eckstein am Prenzlauer Berg. Gläser gingen keine zu Bruch.
1 Wie soll ich Sie ansprechen? Mit Ihrem Bloggernamen Don Alphonso oder mit Ihrem richtigen Namen Rainer Meyer?
Don Alphonso ist der bekanntere und prägnantere Name. Nehmen wir doch den.
2 Aber von Ihren Freunden werden Sie nicht so angesprochen.
Im Internet spricht mich fast jeder so an, meine Freunde handhaben das unterschiedlich. Manchmal ist es komisch, so genannt zu werden. Aber nach sieben Jahren als Don Alphonso hat sich das mittlerweile eingeprägt. Die Schwierigkeit ist nur, immer wieder umzuschalten. Wenn ich mich mit Leuten treffe, die mich Don nennen, und meine Eltern zufällig dabei sind, dann sind sie immer noch irritiert.
3 Haben Sie als Kind oder Jugendlicher mal Tagebuch geführt?
Nie.
4 Man kann ja Blogs als Online-Tagebücher begreifen.
Nein, für mich ist das eine eigene Form des Publizierens. Eine Form, die sich vom Journalismus dadurch abhebt, dass sie sehr eigenbetont ist und bei der man – offen gesagt – die Sau rauslassen kann. Man hat nicht mehr die Grenzen des journalistischen Schreibens, kann kreativ all das ausprobieren, was man als Redakteur jedem Praktikanten sofort raus streichen würde. Denn der Journalist muss sich ja zurücknehmen, er berichtet, bleibt dabei aber in der Regel selbst unsichtbar.
5 Sie meinen, radikal subjektiv zu sein...
...ja, aber auch, dass man nicht jeden Tippfehler korrigieren muss, dass in den Texten bestimmte Punkte offen bleiben können, dass sie nicht perfekt strukturiert sein müssen. Wichtig ist, dass ein Charakter dahinter steht, der was zu erzählen hat. Dann funktionieren Blogs sehr gut.
6 Was würden Sie Leuten raten, die gerne mit dem Bloggen anfangen möchten?
Ich würde sagen: «Mach dir keine großen Gedanken, schreib einfach. Versuch einfach du selbst zu sein, erzähl schöne Geschichten und schau, ob es dir und anderen gefällt.» Einer begrenzten Anzahl von Leuten tolle Geschichten zu erzählen – das ist es, was gute Blogs ausmacht. Alles andere wird auf Dauer einfach langweilig.
7 Für einige der großen, gut besuchten Blogs stimmt das aber nicht.
Doch. Aber es gibt Ausnahmen wie «Spreeblick» und Basic «Thinking». Mit den meisten anderen tue ich mich schwer.
8 Das schöne an Blogs ist ja, dass hier nicht nur einer die Welt aus seiner Sicht schildert, sondern auch andere daran teilhaben lässt. Haben Sie einen Tipp, wie man als Blogger mit Kommentaren umgehen sollte?
Dumme Kommentare lösche ich relativ frühzeitig und mit großem Vergnügen. Es bringt nichts, sich auf Diskussionen einzulassen, die nur das Ziel haben, Leute persönlich anzugreifen. Jeder darf gerne schreiben, dass er mich für verrückt, selbstverliebt, paranoid hält – alles okay. Aber er soll es in seinem eigenen Blog schreiben und nicht in meinem.
Denn das ist mein Wohnzimmer. Wer sich dort nicht benimmt, erhält eine Warnung, und wenn er die nicht ernst nimmt, fliegt er raus. Ansonsten käme es nie zu guten Diskussionen, die ich mag und gerne sehe.
9 Welche Blogs lesen Sie gerne?
Jeden morgen besuche ich als erstes «Melancholie Modeste», das ist das beste literarische Blog Deutschlands. Sehr gut ist auch «Ich bin erkältet». Es gibt noch einige andere, meistens sind es Blogs von Frauen, die ich gern lese. Noch etwas haben sie gemeinsam: es sind keine Newsblogs und sie haben keine hohen Klickzahlen. Sie sind einfach nur phantastisch geschrieben, ich kann stundenlang in ihnen lesen, wie in einem guten Buch.
10 Wie viele LeserINNEN haben Sie? Bloggen ist doch überwiegend ein Jungsding, so ähnlich wie Sport- und Popjournalismus.
11 Weil Sie zwischen den Krawallblogs so mancher Männer einfach untergehen.Ich mag Krawall, aber noch lieber mag ich mäandernde Geschichten. Und die werden nie untergehen.
12 Was ist in einem Blog wichtiger: ein gutes Thema oder ein guter Stil?
Wenn ich partout Themen will, gehe ich zum Online-Auftritt einer Zeitung. Blogs sollten nicht versuchen, zu jedem Agenda-Setting der Medien noch ihren Senf dazu zu geben. Im Blog gefällt mir besser, wenn etwa eine Praktikantin der «taz» darüber schreibt, wie sie ihren ersten Winter in Berlin erlebt. Wie sieht der Alltag einer Anwältin in München aus? Wie fällt der Blick eines Softwareentwicklers aus Hamburg auf die Welt aus? Das ist spannend.
13 Das sind dann reale Figuren, die ihren realen Alltag schildern.
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wenn es nicht wahr ist, so ist es zumindest gut erfunden. Darum geht es.
Mit Don Alphonso spricht Maik Söhler. Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews.