39 Fragen:
Don Alphonso: Bloggen für Fortgeschrittene
Es gibt in Bayern die Alfons-Goppel-Stiftung, die Redakteure und Journalisten für CSU-nahe Jobs ausbildet. In meiner Studienzeit haben wir eine Radio-Comedy gemacht, uns dabei über die Stiftung lustig gemacht und den Chef, den ich gesprochen habe, ganz bayrisch Don Alphonso genannt. Der Name hat sich dann einfach gehalten.
15 Wie sind Sie selbst zum Bloggen gekommen?
Anfangs, im Jahr 2000, habe ich nur für die Webseite des Radiosenders geschrieben, über MP3, Napster und so was. Das war noch PHP-Nuke, also kein richtiges Blog, sah aber ähnlich aus. Man konnte auch kommentieren. 2001 kam die zusammen mit anderen betriebene Seite «Dotcomtod» hinzu, 2003 «Rebellen ohne Markt», noch ein Jahr später dann die «Blogbar».
16 Mittlerweile ist «Rebellen ohne Markt» seit fast 1200 Tagen online. Können Sie sich noch an den Anlass für das erste eigene Blog erinnern?
Das war einfach nur reine Neugier. Als Journalist kannte ich die Arbeit für Radio und Zeitungen sehr gut, und das Netz hat mich neugierig gemacht. Ich habe dann rumprobiert, was da geht und wie es geht. Der eigentliche Start war das Multi-User-Portal Dotcomtod über all den Ärger, den man mit der New Economy so hatte. Das war damals mein Fachgebiet.
Den Begriff Blog kannte ich da noch nicht. Erst 2002 habe ich beim Ego-Klicking bei Goggle ein Blog kennengelernt. Da hatte einer einen meiner Texte von Dotcomtod auf seine Seite gestellt. Ich habe gefragt, was das soll, schließlich ging es um meinen Text. Kai Pahl, der den Text genommen hatte, hat mir dann gemailt, in Blogs sei das so üblich. Erst da habe ich erfahren, dass es Blogs gibt und was genau das ist. Mit Kai Pahl habe ich dann später gemeinsam das Buch «Blogs» verfasst.
17 Und dann waren Sie gleich vom Bloggen angefixt.
Nein, ich fand das erstmal total öde und ich hatte ja Dotcomtod, also wozu noch bloggen? Aber das hat sich rasch geändert.
18 Sie haben neulich mal geschrieben, dass Sie gar nicht wissen wollen, wer Sie liest. Woher kommt dieses Desinteresse?
Was ist denn das, ein Blogleser? Das sind erstmal nur IP-Adressen, Zahlenkombinationen, die auf einen Server hinweisen. Ich google nicht nach, wer das sein könnte. Ich lasse meine Leser in Ruhe, sie lassen mich in Ruhe, so sieht gegenseitiger Respekt aus. Ich glaube, es gibt keine enge Bindung zwischen dem Blogger und dem Leser, so wie es keine enge Bindung zwischen dem Zeitungsleser und der Zeitung gibt – auch wenn die Medien es gerne anders hätten.
19 Ob Sie es wollen oder nicht: Es gibt nicht wenige Menschen, die Don Alphonso großartig finden und sich auch mit ihm identifizieren.
Es gibt den bösen Bergriff der Prätorianergarde. Um jeden bekannten Blogger herum gruppieren sich einige andere, die dort gerne kommentieren. So eine Prätorianergarde habe ich auch, sie ist durch Dotcomtod vielleicht härter und erfahrener als andere Prätorianergarden.
Das hat aber nichts mit Identifikation zu tun. Es ist doch Unsinn, sich mit Don Alphonso, also einer Kunstfigur, zu identifizieren. Das ist so, als würde man mit Harry Potter sein wollen.
20 Das wollen viele.
Nochmal: Ich habe den Don erfunden. Wer aber mich darin erkennen möchte, liegt falsch und sollte dahin gehen, wo Blogger ohne Kunstfiguren auskommen. Ich möchte jedenfalls nicht so sein wie Don Alphonso.
21 Weil Don Alphonso so ein Krawallmacher, ein bayerischer Watschnblogger ist?
Nein. Auch in meinem realen Leben bin ich ein führendes Mitglied im Verein für deutliche Aussprache. Die Blogosphäre neigt leider strukturell zur Feigheit und zur Süßigkeit, weil viele Blogger sich untereinander kennen und man sich nicht wehtun mag. Bei diesem Punkt bin ich anders: Wenn jemand Schrott schreibt oder sich mit Schrott einlässt, muss man das auch sagen und schreiben. Blogger sind keine Medienschaffenden, sie müssen sich nicht an die Vorgaben einer Chefredaktion oder irgendwelcher Werbekunden halten.
Das ist aber was anderes, als ein so genannter Hass- oder Motzblogger zu sein. Würde man wirklich gehasst, dann würde man auch geschnitten. Das ist in keinem meiner Blogs der Fall, im Gegenteil. Außerdem bringt Krawall allein gar nichts. Sie müssen schon auch Themen bringen. Was uns unterscheidet, ist, dass Don Alphonso literarisch Dinge ausprobieren kann, die sonst nicht funktionieren würden. Er erlaubt mir, mich zurückzuziehen.
22 Können Sie wirklich so genau zwischen der Kunstfigur und der realen Person unterscheiden?
23 Der Fall des jüngst an Holtzbrinck verkauften Studentenportals StudiVZ, mit dem Sie sich ausgiebig beschäftigt haben, zeigt zugleich die Macht und Grenzen eines Blogs auf. Sie und andere haben dieses Unternehmen mit Ihren Recherchen ganz schön erschüttert. Den Verkauf zu einem hohen Preis konnten Sie aber nicht verhindern.
Gemessen an den Vorstellungen war die Summe, die bisher bezahlt wurde, extrem niedrig. Das, was die Gründer mit einem Blick auf die Bewertung ähnlicher Firmen zu bekommen gehofft hatten, haben sie bei weitem nicht bekommen. Sie können das auch daran erkennen, dass man mir gegenüber anders reagiert hätte, wenn man mit dem Ergebnis zufrieden gewesen wäre.
24 Genießen Sie solche kleinen Momente der Macht?
Im Vergleich zu Dotcomtod sind das Kleinigkeiten. Wenn wir bei Dotcomtod was über Firmen geschrieben haben, dann waren die Unternehmen meistens an der Börse. Nach ein paar von diesen Einträgen hat bei Pixelpark die Luft gebrannt. Für die war es teilweise existenzbedrohend, was wir gemacht haben. Einige haben wir in den Abgrund geschrieben, und zwar völlig zu Recht, sie hätte ja eh nicht überlebt. Das war was anderes als der Umgang mit dieser kleinen Klitsche. Und noch was war anders. Bei Dotcomtod hat die Presse sehr genau beobachtet, was wir schreiben.
25 Haben Sie selbst Spaß daran oder ist das wieder nur die Kunstfigur, die sich freut?
Ich bin Journalist. Ich liefere Informationen, die ich habe. Es gibt keinen Grund, sie zurückzuhalten. Wenn ich kein positives Gefühl dabei hätte, würde ich das nicht machen. Für den Stil ist dann Don Alphonso zuständig.
26 Gefühl, Stil - ein bisschen Spaß gehört aber schon dazu.
Ja. Aber es ist nicht so wie bei einem Scharfschützen, der die nächste Kugel einlegt und überlegt, welches Körperteil nun dran kommt. Wichtig war das Verhalten von StudiVZ. Sie wussten, was ich hatte, und sie hätten sich dazu verhalten können. Das haben sie nicht getan oder sie haben geleugnet, was nicht zu leugnen war, und deswegen haben ich und andere den Druck erhöht. Es geht ja auch darum, darüber zu diskutieren, wie sich junge Unternehmen verhalten sollten. Da war StudiVZ ein schlechtes Vorbild.
Mit Don Alphonso spricht Maik Söhler. Lesen Sie morgen den dritten Teil des Interviews.
