13. Dez 2006 07:12
Ja, sei gegrüßt Deutschland. Die Autorin Hatice Akyün über das Werben der türkischen Frauen, die Stadt Istanbul und einen mutigen Akt der Völkerverständigung.
Wären ihre Eltern in dem zentralanatolischen Dorf geblieben, in dem sie 1969 zur Welt gekommen war, so wäre sie heute vermutlich Analphabetin, sagt Hatice Akyün. Sie kam aber 1972 nach Deutschland, wurde in Duisburg-Marxloh groß, wo der geliebte kleiner Bruder heute mit seinem 3er-BMW herumkurvt, ihr Handys andreht, und besser deutsch kann, als er es spricht. Das Deutsch von Hatice Akyün ist dagegen so präzise, dass einem unbedachten Gesprächspartner schon ein Ausruf des Erstaunens entwischen kann. Für einen Job bei einen Gesellschaftsmagazin kam sie vor ein paar Jahren nach Berlin. 2005 veröffentlichte sie das Buch «Einmal Hans mit scharfer Soße. Leben in zwei Welten». Nun arbeitet Hatice Akyün an einem neuen Werk. Wir trafen uns in einer Kneipe in Mitte, wo sie auch wohnt.
1 Frau Akyün, Sie kommen eben von einer Lesereise in der Türkei. Versteht man dort das Frauenbild, das Sie von sich in Ihrem Buch zeichnen?
Das ist schon verständlich. Es ist sogar so, dass meine Freundinnen in der Türkei finden, ich sei noch viel zu wenig weiblich, und sollte wieder einmal etwas für mein Äußeres tun.
2 Es geht ja nicht nur um das Herausputzen, es geht schon in Richtung Vamp, der auch sexuelle Wünsche zeigt.
Das ist nicht türkisch, das stimmt. Ganz im Gegenteil, die türkische Frau spielt nur mit ihren Reizen, sie ziert sich. Dieses Zieren ist wichtig. Auf Türkisch heißt das «naz yapmak». Die Aussage meines Buches ist, dass ich eine Kombination bin. Ich bin türkisch erzogen worden, habe das traditionelle Leben vermittelt bekommen, aber in einem Land, das komplett anders ist, das emanzipatorisch denkt, dass ein anderes Frauenbild hat. Klar, ich hätte auch sagen können, ich werde nun ganz deutsch, werde Karrierefrau, die nur in Hosenanzügen in der Chefetage sitzt und auf die Weiblichkeit komplett verzichtet. Aber das will ich gar nicht. Ich liebe ja meine perfekt gezupften Augenbrauen.
3 Haben Sie auf Türkisch gelesen?
Nein, ich habe deutsch gelesen. Im Goethe-Institut in Ankara und in der deutsch-türkischen Buchhandlung in Istanbul. Es gibt drei Gymnasien in Istanbul, wo man auf Deutsch Abitur machen kann. Mit deutschen Lehrern, die auch auf meiner Lesung waren. Und Rückkehrer waren da. Aber auch Schüler und Studenten. Waren Sie schon einmal in Istanbul?
4 Nein, leider nicht.
Fahren Sie hin. Sofort. Istanbul ist für mich das New York der 70er, das London der 80er und das Berlin der 90er. Eine Stadt, in der eine unglaubliche Aufbruchstimmung herrscht. Jeder Stadtteil lebt und denkt anders. Beyoglu ist das «Mitte» von Istanbul. Clubkultur und Intellektuelle. Dann gibt es auch das Charlottenburg und den Rodeo Drive von Istanbul – das ist Nisantasi.
5 Ich lese gerade das Instanbul-Buch von Orhan Pamuk. Mich begeistert der «Hüzün», die kollektive Tristesse, die er im Istanbul seiner Jugend erinnert. Aber den gibt es wohl gar nicht mehr?
Kaum. Die Stadt hat eine wahnsinnige ökonomische Entwicklung genommen. Andererseits: Es herrscht immer noch die Verbindung zwischen dem östlichen und dem westlichen Lebensstil. Es gibt auf der einen Seite die Sub- und Clubkultur, daneben ist die Stadt aber immer noch geprägt von den vielen Menschen, die ihre Dörfer verlassen haben und nach Istanbul gekommen sind, um dort ihr Glück zu versuchen - und man sieht diese Menschen. In Berlin oder New York sind sie aus dem Stadtbild verschwunden – schade eigentlich. Denn mit diesen Menschen bekommt eine Stadt eine Seele.
6 Ist man stolz auf den Literaturnobelpreisträger?
Es gibt einen Stolz, der mit dem «Man ist wieder wer» vom Wunder von Bern vergleichbar ist. Allerdings ist es bei den Türken so: Jedes Mal, wenn wieder ein Stück dazukommt, die EU-Beitrittsgespräche, der dritte Platz bei der Weltmeisterschaft 2002 und jetzt der Nobelpreis, sagen sie «wir sind ENDLICH wer», und das ist noch einmal etwas anderes. Ja, Pamuk erfüllt die Türken mit Stolz.
7 Er ist in der Türkei aber nicht unumstritten.
Wegen des Interviews, das er im «Tagesanzeiger» geben hat (zum Völkermord an den Armeniern, NZ). Als ich in Istanbul war, wurde er auf der Titelseite der Zeitung «Milliyet» zitiert, mit dem Satz: «Ich möchte von meinem Land geliebt werden» – «Ülkemde sevilmek istiyorum». Pamuk ist für mich keiner, der ernsthaft Politik machen möchte, er ist ein Literat. Deshalb sagte er auch in dem «Milliyet»-Interview, dass er von dem Land geliebt werden möchte, in dem er seit 32 Jahren Schriftsteller ist.
Aber es imponiert mir trotzdem, dass er brisante politische Themen anspricht, weswegen er tatsächlich in der Türkei Anfeindungen nationalistischer, patriotischer und laizistischer Kreise ausgesetzt ist.
8 Sind Sie eine Islam-Kennerin?
Nein, eine Einladung zu Schäubles Islam-Konferenz hätte ich wegen gravierender Wissenslücken ablehnen müssen. Ich kenne nur den Straßenislam, den Islam, der sich vom Christentum meiner Freundinnen in der Praxis nicht so sehr unterscheidet. Die also gelegentlich sonntags in die Kirche gegangen sind, die Kommunion hatten, die nun Weihnachten nach Hause fahren. Ich dagegen bin in die Moschee gegangen, hab da meine Suren gelernt und fahre heute zum Zuckerfest nach Hause. Das war's dann auch.
9 Wenn Sie die Suren noch rezitieren können, können Sie immer noch mehr als der durchschnittliche Christ.
Das stimmt, und bei den Muslimen ist es eben so: wer als Moslem geboren ist, bleibt Moslem. Und wenn ich nach meiner Religionszugehörigkeit gefragt werde, sage ich: Ich bin Moslem.
10 Und die Beschneidung der Männer ist schon ein buchstäblich einschneidender Vorgang. Sie beschreiben es ja am Beispiel Ihres deutschen Ex-Freundes, der es für Sie und Ihre Familie gemacht hat.
Für mich hat er es nicht gemacht, eher für meine Familie, oder von mir aus auch für die Völkerverständigung. Wir hatten einen Deal: Er lässt sich beschneiden, dafür heiraten wir für seine katholische Mutter kirchlich. Es war aber nicht so, dass wir ihn zur Beschneidung gezwungen hätten. Mein Vater hätte auch nie kontrolliert, ob er es wirklich getan hat. Es machte ihn stolz, dass sein zukünftiger Schwiegersohn diesen Schritt oder sagen wir Schnitt auf sich nahm. Na ja, und dann fand es dieser Freund auch aus hygienischer Sicht ganz gut. Beschnitten oder nicht, mir persönlich war das egal.
11 Sagen Sie das nicht! Man hört so einiges.
Stimmt! Aber ich hörte, dass es in erster Linie wohl verzögernde Vorteile für den Mann habe. Aber das wäre nun wirklich nicht für die Ohren meines Vaters bestimmt gewesen.
12 Was genau ist die Vatersprache, ein Begriff, den sie öfter erwähnen?
Ich beneide manchmal meine deutschen Freunde, die 68er Eltern hatten, die mit ihren Kindern über alles sprechen konnten, die schon mit vier Jahren aufgeklärt wurden. Bei uns gab es diese Offenheit nicht. Es wird nie direkt etwas angesprochen. Nehmen Sie diese Heiratsgespräche. Mein Vater hat nie gefragt: Wann heiratest Du endlich? Es ging immer hinten herum, über die Mutter, die Schwestern. Ganz klassisch ist es auch, in der Vatersprache zu fragen: Wie alt bist du jetzt eigentlich? Natürlich weiß der Vater, wie alt die eigene Tochter ist. Aber er möchte so mitteilen, dass er die Tochter nicht mehr für die Jüngste hält.
Oft sind es auch gar nicht so ernste Themen, es geht darum, den anderen darauf aufmerksam zu machen, dass etwas stört, aber eben nicht direkt. Vatersprache gibt es natürlich auch zwischen Vätern und Söhnen.
13 Wie sind die Vater-Sohnverhältnisse? Rebellieren die Söhne gegen die Väter?
Das gibt es bestimmt. Ein sehr ernstes Problem mit türkischen Familien besteht allerdings darin, dass man für die Eltern nie richtig erwachsen wird. Ganz besonders die Mütter lassen es nicht zu, dass sich die Kinder abnabeln. Das habe ich ja auch gespürt in meiner Familie. Ich nenne das den türkischen Familienkommunismus.
14 Liebe Frau Akyün, täuscht der Eindruck, dass viele Türken wenig Respekt für die Deutschen aufbringen? Klar: Wer in Neukölln oder Wedding lebt, sieht dass die deutschen Familien kaputt sind, dass der Deutsche ein Säufer ist etc.
Nein, die Türken haben großen Respekt vor den Deutschen, weil sie fleißig sind...
15 ...ja sofern sie es eben sind.
Ich kann natürlich nicht für alle Türken sprechen. Aber die, die ich kenne, können sehr wohl differenzieren. Die wissen, dass der Deutsche in Marzahn nicht der Deutsche in Charlottenburg ist. Ich bin ja in einer Duisburger Zechensiedlung groß geworden, und da waren sehr konservative deutsche Familien. Mein Vater hat sie hoch geachtet und liebte ihre gepflegten Schrebergärten.
16 Das glaube ich sofort. Was ich sagen will: Ihr Vater hat ein ganz bestimmtes Bild des Deutschen, Fleiß, Ordnungssinn, die so genannten Sekundärtugenden... Aber vielleicht ist dieses Bild dem modernen Deutschland nicht mehr angemessen. Es funktioniert eben nicht mehr alles hier, aber dafür sind die Menschen auch keine Nazis mehr, um es platt zu sagen. Berlin hat einen schwulen Bürgermeister. Und ich weiß nicht, ob ihr Vater das gut findet.
Ich wüsste nicht einmal, wie ich meinem Vater in der Vatersprache «Schwulsein» erklären könnte. Er ist 1969 nach Deutschland gekommen und für ihn ist Deutschland auch nicht mehr das, was es damals war. Früher sind die jungen Leute in der Straßenbahn aufgestanden, um einem alten Menschen Platz zu machen. Heute treten ihm die Jungen in den Hintern. Wobei es eben auch die jungen Türken sind, die er nicht mehr versteht. Die erste Generation versteht die dritte nicht mehr. Ein türkischer Vater, der heute um die 60 ist und ein gleichaltriger deutscher Vater, schütteln beide den Kopf über die Jugend und wahrscheinlich auch über einen schwulen Bürgermeister.
17 Abgesehen davon, dass die beiden vielleicht besser über andere Dinge ihre Köpfe schütteln sollten; sie schütteln sie leider nicht gemeinsam.
Ich wünschte es mir.
18 Liest Ihr Vater die «Bild»-Zeitung?
Nein, das nicht, aber er schaut viel Fernsehen. Auch so ein typisch türkisches Ding, den ganzen Tag läuft bei uns zu Hause der Fernseher. Meist schaut er türkische Nachrichten oder türkische Soaps. Aber manchmal auch die Tagesschau. Mein Vater war ein großer Fan von Willy Brandt und wenn die blonde Ansagerin Hanni Vanheiden auf dem Schirm war, wurde er ganz ruhig und lächelte sie an. Und er mochte die Lottofee Karin Tietze-Ludwig, aber weil er ihren Namen nicht aussprechen konnte, nannte er sie einfach Susanne – weil sich das so ähnlich anhörte wie Zusatzzahl.
19 Was hat ihn an Willy Brandt fasziniert?
Das Charisma, die Ausstrahlung. Mein Vater sieht auch ein wenig wie ein alternder Schauspieler aus, grüne Augen, helle Haut, schade, dass ich kein Foto dabei habe. Die Kreuzritter sind bei ihm gut zu erkennen, er sieht überhaupt nicht türkisch aus. Von Politik verstand er damals wenig, er wusste, dass die SPD gut zu den Ausländern ist und die CDU schlecht. Vor kurzem hat er allerdings die FDP gewählt. Aber auch nur, und das ist wieder so typisch türkisch, weil der Kandidat in Duisburg-Marxloh türkischer Abstammung war. Man traut dann lieber so einem windigen FDP-Türken. Darüber haben wir schon heftig diskutiert.
20 Auch mit seiner Frau?
Nein. Sie reden schon, aber in erster Linie über die Kinder natürlich. Man darf sich das nun nicht als eine gleichberechtigte deutsche Beziehung vorstellen, wo man abends am Tisch sitzt und sagt: Das war auch wieder schlimm, was die Merkel heute gesagt hat. Aber, ach, den beiden geht es sehr gut, sie genießen ihr Leben. Mein Vater liebt «seine» Moschee, er hat seine Gebete und meine Mutter ihre Enkel und ihre Küche, das macht sie sehr glücklich.
21 Der CDU-Bürgermeisterkandidat Friedbert Pflüger wollte Sie zur Integrationsbeauftragten machen. Warum haben Sie sein Angebot abgelehnt?
Ganz unabhängig von politischen Parteien ist es wichtig, dass hinter den Ideen auch Substanz steckt. Meine Entscheidung hatte nichts damit zu tun, dass ich Herrn Pflüger bei den Wahlen keine Chance eingeräumt habe. Ich halte nichts von Repräsentationspolitik. Wenn ein Deutscher einen Job besser macht, sollte der ihn auch übernehmen.
Zudem bringt es nichts, als «Vorzeigetürkin» in einem Schattenkabinett zu sein, wenn es keine konkreten Konzepte gibt, um die Integration von Migranten in Berlin zu verbessern. Herr Pflüger machte den Vorschlag für ein deutsch-türkisches Gymnasium, das fand ich schon sehr interessant. Aber wie er das finanzieren wollte, welchen Rahmenplan er sich dabei vorgestellt hat, war nicht bekannt oder mit Verlaub gesagt: Es war nur eine Methode, um türkischstämmige Wähler für sich an die Urnen zu locken.
22 Dennoch, sagen Sie bitte kurz etwas Staatstragendes zur Integration.
Alles läuft über Bildung. Hat man es mit Unverbesserlichen zu tun, mit diesen Vätern, die sich absolut dagegen sträuben, muss der Staat mit gesetzlichen Mitteln eingreifen. Man muss noch in der Vorschule versuchen, den Kindern die Sprache beizubringen. Durch Pflichtkurse für Migrantenkinder. Sprache bedeutet Bildung, bedeutet, sich mit der Mehrheitsgesellschaft unterhalten zu können, bedeutet Zukunft, bedeutet, die Kinder können sich einmal abnabeln und ihren eigenen Weg gehen. So wie ich das gemacht habe, ich habe mich ja auch von meinen Eltern völlig abgenabelt. Sie sind traditionell geblieben, ich habe mich geöffnet.
23 Sprechen wir über Heimat. Sie mögen besonders einen Blick von der A 42 auf die Hochöfen von Duisburg. Mich interessiert immer, wie Ausländer die Stadt wahrnehmen, in der sie leben: Ihr Vater kennt ja jeden Winkel in Duisburg schreiben Sie, aber hat er auch so eine Lieblingsecke? Oder hat er ein funktionales Verhältnis zur Stadt?
Genau so, ein funktionales Verhältnis. Das gilt natürlich nicht für alle Türken. Aber nehmen wir die Generation meiner Eltern, Gastarbeiter, sie würden nie ein Land bereisen, um die Kultur und die Menschen kennen zu lernen. Sie lieben zwar die Türkei, ihre Heimat, aber dort würden sie auch nicht nach Kapadokien reisen, weil es dort etwas Schönes zu sehen gibt. Sie fahren dorthin, weil sie jemanden kennen.
24 Aber die beiden würden schon irgendwo hin fahren, um eine Aussicht zu genießen?
Nein. Natürlich sehen sie die Schönheit, aber nicht mal die Thermalbäder, in die sie früher gefahren sind, haben sie besucht, weil sie so schön sind, sondern weil es gut für ihre Knochen war. Es hat eben immer einen funktionalen Hintergrund.
25 Nicht immer. Sehr bewegend fand ich in Ihrem Buch die Schilderung der langen Autoreisen in die Türkei, durch den Balkan. Und dann gab es da dieses Hotel in Österreich, wo sie auf der Rückreise übernachtet haben. Da roch es doch so gut.
Das werde ich nie vergessen. In der Türkei waren wir ja nur in unserem anatolischen Dorf, dort schlachtete mein Großvater zur Freude unseres Besuches erst einmal ein Lamm. Das war eine ganz andere, archaische Welt. Auch wunderbar. Das andere war die westliche Welt: man aß im Restaurant, das Essen wurde einem gebracht, für die Kinder gab es Pommes, und es war das Größte. Die gab es damals in der Türkei nicht. Und natürlich war es für meine Eltern auch die Rückkehr in die westliche Welt. Mein Vater, stolz erfüllt, ein Teil auch des Westens zu sein.
26 Und das ist doch, man möchte sagen, ein erhabener Moment.
Aber dann auch wieder zurück zum Ursprung: Die ganze Familie übernachtete im Hotel in einem Zimmer. Und nicht etwa, weil es sich der Vater nicht leisten konnte. Er wollte einfach seine ganze Familie um sich haben. Ja, das Überschreiten der Grenze von Jugoslawien nach Österreich, das war damals zu Hause. Andersrum der Übertritt von Bulgarien in die Türkei: Auch das war zu Hause.
27 Frau Akyün, in Ihrem Buch zeichnen Sie ein sehr schönes Bild des türkischen Lebens. Kritiker sagen: ein zu schönes.
Das Buch habe ich 2005 geschrieben. Zu einer Zeit also, als die öffentliche Wahrnehmung der Türken durch Berichte über Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde sehr negativ war. Im Moment hat sich die Stimmung zum Glück ein wenig entspannt. Auch durch die ARD-Serie «Türkisch für Anfänger» oder Porträts über erfolgreiche Deutsch-Türken. Dennoch: Der Migrationshintergrund – ein schreckliches Wort – klebt schon sehr stark an einer Frau, die aus einer traditionell-türkischen Familie stammt. Es liegt daran, dass negative Beispiele deutsch-türkischer Familien in der Öffentlichkeit präsenter sind.
Ich muss ständig gegen Stigmatisierungen kämpfen, immer wieder betonen, dass ich keine Ausnahme bin, sondern dass es viele türkischstämmige Frauen in Deutschland gibt, die ein ähnliches Leben wie ich leben. Es gibt tausende türkischer Familien, deren Integration funktioniert hat und die längst als Deutsche in diesem Land leben. Ich bin kein Paradebeispiel.
28 Aber vielleicht eben doch eine Ausnahme. Zum Beispiel hängen sie nicht dem traditionellen Familienbild an wie ihre Schwestern.
Oder wie Eva Herman.
29 Touché! Dennoch: Die Berichterstattung über die Türken in Deutschland könnte noch besser sein. Wie kommt sie bei den Türken selbst an?
Schauen Sie, ich habe mich mein ganzes Leben lang nicht diskriminiert gefühlt. Habe mich nie als Ausländerin, sondern immer als Teil dieser Gesellschaft empfunden. Und nach dem 11. September hat sich der Blick auf Türken in Deutschland sehr verändert. Nun hatte ich das Gefühl, ich müsste mich ständig rechtfertigen. Als würde täglich eine leidende Türkin oder ein bärtig-grimmiger Islamist auf meinem Sofa sitzen. Ich bin nicht mal eine praktizierende Muslime, aber werde trotzdem ständig angesprochen auf Ehrenmord, Zwangsverheiratung, Islamisten, Kopftuch...
Natürlich gab es auch früher schon die so genannten Ehrenmorde. Aber darüber wurde nicht berichtet. Heute hat man ein Ventil dafür, den Islam. Man verbindet es mit der Religion. Und dadurch kann man natürlich noch mehr Ängste schüren.
30 Mal abgesehen davon, dass es vermutlich schon ein paar gute Gründe für die Ängste gibt: Das hängt auch mit dem Funktionieren von Medien zusammen. Angstkommunikation erzeugt viel Aufmerksamkeit. Das ist das Pech der Muslime im Moment, zynisch gesagt.
Absolut. Vor ein paar Wochen gingen ein paar türkischstämmige Freunde und ein paar deutsche Freunde essen. Die Unterschichtdebatte war gerade am Laufen, das Wort von Kurt Beck, der Mord an dem Kleinen Kevin. 'Ach, endlich sind mal nicht wir der Sündenbock', atmeten die türkischen Freunde auf.
31 Und bei den Amokläufern in der Schule habt Ihr ja auch Glück gehabt!
Ja, nach dem Amoklauf in Emsdetten rief mich ein Freund an: Hast Du gehört, in Berlin hat es auch jemand versucht. Ich fragte gleich als erstes: 'War's ein Türke?' Das ist unter Türken nun die erste Frage, denn man hat sofort die Befürchtung, dass irgend so ein Gestörter gleich wieder alle zwei Millionen Türken in Deutschland mit herunterzieht.
32 Bei Amokläufern scheint, anders als bei anderen Täterprofilen, die Gefahr relativ klein zu sein, dass es sich um einen Türken handelt, rein statistisch gesehen.
Das mag sein. In diesem Fall sollte man tatsächlich mal einen Psychologen fragen. Vielleicht liegt es auch an den familiären Strukturen bei türkischstämmigen Familien. Natürlich hocken auch deren Kinder vor der Playstation und spielen Ballerspiele, aber die Familie könnte tatsächlich eine Rolle spielen.
33 Die Familie hat eine überragende Bedeutung in der türkischen Gesellschaft und Kultur, soviel ist mir nun klar geworden.
Um es zu illustrieren: Ich habe vor einem Jahr über junge emanzipierte Frauen in Istanbul geschrieben, die nichts mit Deutschland zu tun haben. Die vielleicht ein Semester in Amerika studiert haben, dann zurück nach Istanbul gegangen sind. Sehr erfolgreiche Frauen um die dreißig, wahnsinnig gut aussehend, unglaublich weiblich, extrem erfolgreich, die Wirtschaftsmotoren des Landes. Und dennoch: an erster Stelle stand auch bei ihnen die Familie. 'Zu arbeiten habe ich gelernt wie eine Amerikanerin, leben möchte ich wie eine Türkin', sagte eine der Frauen.
34 Ist das auch Ihre Devise?
Ich bin ein Mensch, der unterschiedliche Lebensmodelle sehr gerne kombiniert, weil ich nicht nur eine Wahl haben möchte. Ich habe mich damals entschieden, nicht früh zu heiraten und mich zunächst einmal umzuschauen, was das Leben noch so bietet. Aber im Grunde meines Herzens bin auch ich ein sehr familienorientierter Mensch.
35 Und jetzt kriegen sie ja ein Kind.
Mit 37, für eine Türkin ist das uralt. Aber als Deutsche liege ich noch gut im Schnitt.
36 Ihre Eltern freuen sich bestimmt.
Ja, aber nicht weil das Kind nun ein Kind bekommt, sondern weil sie glauben, dass sie nun ruhig sterben können. Für die Türken geht es ja um emotionale Sicherheit im Alter. Für meine Mutter ist es wichtig, dass eines ihrer sechs Kinder an ihr Bett kommen und ihr das Glas Wasser bringen wird, wenn sie alt ist.
37 Werden Sie heiraten?
Nein. Mein Vater hetzt nun meine beiden Brüder auf mich. Im Ernst, das tut er natürlich nicht. Aber sie können es nicht verstehen. Und sogar wenn ich heiraten würde, könnten sie es nicht verstehen, denn die Reihenfolge stimmt nicht: man heiratet erst und kriegt dann ein Kind. Der Vater des Kindes möchte übrigens heiraten, hat jetzt schon alle seine Lebensversicherungen auf das Kind überschrieben, damit das Kind abgesichert ist.
38 Obwohl er Deutscher ist.
Nein, er ist Türke. Oder nein, er ist natürlich Deutscher - mit türkischer Herkunft.
39 Was? In Ihrem Buch werden Sie doch nicht Müde zu schreiben, dass sie kein Interesse an türkischen Männern haben. Deutsch muss er sein und groß und blond.
So war es ja auch. Bis ich mir die Frage gestellt habe: warum suchst du dir nicht einen, der so ist wie du? Nur ist er kein Hans mit scharfer Soße, sondern ein Erkan mit kalorienreduziertem Dressing. Mein Leben lang habe ich nach einem deutschen Mann gesucht, der deutsche Zuverlässigkeit und türkische Leidenschaft in sich vereint. Auf die Idee, nach einem türkischen Mann zu schauen, der deutsche Tugenden besitzt und trotzdem eine türkische Seele hat, bin ich gar nicht gekommen.
Wahrscheinlich dachte ich, dass es mich in männlicher Ausgabe gar nicht gibt. Mein Freund ist manchmal zwar sehr türkisch, in vielen Situationen aber deutscher als viele meiner deutschen Freunde. Eine sehr schöne Mischung, finde ich. Er ist in Berlin aufgewachsen. In Wilmersdorf. Er ist in den Kindergarten gegangen, hat in Berlin studiert, nur eine Schwester, die auch aufs Gymnasium gegangen ist. Sagen wir, er ist ein Schönwettertürke.
Mit Hatice Akyün sprach Michael Angele.