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39 Fragen: 

Stefan Niggemeier: Sympathien für den Boulevard

29. Nov 2006 07:12
Mit dem festen Blick des Aufklärers: Stefan Niggemeier
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Hasst er die «Bild»-Zeitung? Träumt er schlecht von ihrem Chefredakteur? Und wie findet er die «Fotografiert Kai Diekmann»-Aktion wirklich? 39 Fragen an den Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier.



Fünf Jahre lang verantwortete er das Medienressort der «FAS». 2003 bekam er den Bert-Donnepp-Preis: Stefan Niggemeier (geb. 1969) zählt zu den renommiertesten deutschen Medienkritikern. Eine breitere Öffentlichkeit kennt ihn natürlich als Herausgeber eines «Fernsehlexikons» (zusammen mit Michael Reufsteck) - und eben als Gründer und Sprachrohr des Bildblogs.

Der eine oder andere Leser denkt wohl auch an seine harsche Kritik an der Netzeitung aus dem Sommer 2004. Was soll man sagen? Damals lebten John Peel, Marlon Brando, Russ Meyer und Peter Boenisch noch; es waren andere Zeiten. Unser Gespräch mit Stefan Niggemeier im Spätherbst 2006 fand im alten Berliner Zeitungsviertel statt.



1 Wir sind hier in der Axel-Springer-Passage. Haben Sie beklemmende Gefühle?

Nein.

2 Waren Sie schon mal hier?

Hier in der Passage nicht, im Springer-Hochhaus schon.

3 Was Herr Diekmann wohl jetzt gerade macht?

Tja. Er wird wohl in Hamburg sein und von einer Konferenz zur nächsten laufen. Ich denke da ehrlich nicht drüber nach, so schlimm ist es bei mir noch nicht.

4 Hassen Sie die «Bild»-Zeitung?

Nein. Das Wort «Hass» ist bestimmt falsch. Das ist keine Grundlage, auf der man sich journalistisch mit einer Zeitung auseinandersetzen kann. Hass würde einen vermutlich eher dazu bringen, sich zu überlegen, in welches «Bild»-Redaktionsfenster man einen Stein werfen und welchen «Bild»-Kiosk man anzünden soll. Und nicht, die Berichte der Zeitung täglich akribisch auseinander zu nehmen.

5 Welche Leidenschaft ist es dann, die Sie umtreibt?

Schwer zu beschreiben. Im Alltag ist es oft Fassungslosigkeit oder Wut, die ich bekomme, wenn ich die «Bild»-Zeitung lese und sehe, was sie schreibt und wie sie arbeitet. Auf die Gefahr hin, dass das zu pathetisch klingt: Meine Leidenschaft ist mein Beruf. Ich bin Journalist geworden, um – ganz naiv – die Welt zu verbessern. Um die Menschen über Dinge, die ich als schlecht, gefährlich oder falsch empfinde, aufzuklären.

Und «Bild» ist eine schlimme Zeitung. Ich glaube, von Günter Wallraff stammt der pathetische Satz, dass Deutschland ohne die «Bild»-Zeitung ein besseres Land wäre. Das klingt nach einer maßlosen Überschätzung der Zeitung, aber es stimmt. Fast zwölf Millionen Leute lesen sie täglich, und die Wirkung dieser Zeitung ist meiner Meinung nach fast ausschließlich negativ.

6 Ist das eine persönliche oder eine berufliche Leidenschaft?

Die Idee war eine journalistische. Ich habe immer schon kritisch über die «Bild»-Zeitung geschrieben und irgendwann gemerkt, dass ich mich in Tageszeitungen nicht in dem Maße mit ihr auseinandersetzen kann, wie ich es gerne würde. Aber in dem Moment, wo man daraus ein eigenes Medium macht und später sogar quasi ein Geschäft, bekommt die Auseinandersetzung auch etwas Persönliches. Persönlich ist zum Beispiel auch, dass ich mich früher immer machtlos gegenüber «Bild» gefühlt habe und heute nicht mehr.

7 Von der Leidenschaft zur Obsession ist es ja nicht weit. Träumen Sie manchmal von Kai Diekmann?

Nein, oh Gott, nein, zum Glück nicht. Aber ich merke, dass ich die Welt viel mehr durch die Augen der «Bild»-Zeitung wahrnehme, als mir gut tut. Das kann auf Dauer nicht gesund sein, insofern, ja, vielleicht hat es etwas von einer Obsession.

8 Die deutsche Pressegeschichte kennt ja viele solcher Obsessionen. Das linke Magazin «Konkret» war über Jahre ohne die neuesten Analysen der Texte Theo Sommers aus der «Zeit» gar nicht denkbar.

Insofern sind wir dann doch nicht obsessiv, weil wir uns davor hüten, reflexartig bei jeder scheinbaren Gelegenheit auf «Bild» einzuprügeln. Ich weiß, wie viele Bildblog-Einträge wir nicht geschrieben haben, weil wir uns dann doch journalistisch dem Gegenstand nähern und nach einer Recherche oder nüchternen Überlegung zum Ergebnis gekommen sind: Nein, das kann man «Bild» wirklich nicht vorwerfen.

Das wäre anders, wenn Obsession unsere Arbeit bestimmen würde. Da ist es gut, so etwas nicht alleine zu machen, und da ist es gut, locker zu bleiben und nicht jeden Beitrag mit zusammengebissenen Zähnen zu schreiben.

9 Läuft eigentlich die «Fotografiert-Kai-Diekmann-Aktion» noch?

Wir haben ein paar Bilder bekommen und werden demnächst auch einige zeigen. Es sind noch nicht sehr viele. Aber wir werden die Aktion fortführen, weil wir glauben, dass sie Zeit braucht. Unsere Leser haben sich zum Glück nicht massenhaft vor das Schlafzimmer Diekmanns gestellt, um ihn «abzuschießen». Insofern sind es natürlich fast immer Zufallsbegegnungen, aus denen die Fotos entstehen können. Und die ergeben sich nicht unbedingt von heute auf morgen.

10 Diese Aktion muss einem nicht gefallen, das sind «Bild»- Zeitungsmethoden, ist Unterhosenschnüffelei.

Ja, das ist eine Methode, die auch «Bild» anwendet. Aber warum soll Kai Diekmann der einzige Mensch in Deutschland sein, der sich nicht dauernd darum sorgen muss, dass gerade ein Kamerahandy auf ihn gerichtet ist?

Im Übrigen: Das wir uns in den vergangenen Wochen sehr mit der Person Kai Diekmann beschäftigt haben, ist kein Konzept. Es war nur ein Zufall, dass unsere Aktion «Fotografiert-Kai-Diekmann» und die Berichterstattung über seine Mitgliedschaft in einer Burschenschaft ohne Berührungsängste nach rechts außen zeitlich so nah beieinander lagen.

11 Sie würden es doch bestimmt ablehnen, Chefredakteur von «Bild» zu sein.

Ja. Weil ich es nicht will und weil ich es nicht kann.

12 Und wenn es nur für einen Tag wäre? Mit Thomas Gottschalk können Sie doch mithalten.

Auch dann nicht. Der Gedanke, dass man «Bild» an einem Tag ganz anders machen könnte, ist absurd. Die Leute, die dort arbeiten, arbeiten so, wie sie es gelernt haben. Mit «Bild»-Methoden. Nein, das hätte für mich keinen Reiz.

13 Lehnen Sie eigentlich Boulevardjournalismus generell ab?

Nein. Aber der Boulevardjournalismus, wie «Bild» ihn betriebt, ist ein System aus Druck, Rache, falschen Versprechungen, Wiedergutmachungs- Angeboten, Deals aller Art - das hat eine andere Qualität. Guter Boulevard schafft es, komplizierte Sachverhalte einfach zu erklären. Guter Boulevard verdreht sie nicht. Zum Boulevard gehört auch, die Themen zu behandeln, die die Leute lesen wollen, und nicht die Themen, von denen man glaubt, dass sie sie lesen müssten.

Es geht darum, es den Leuten leicht zu machen – mit einfacher Sprache, einer attraktiven Überschrift, einem guten Bild, wie auch immer – sich auf ein Thema einzulassen. Auch meiner Lieblingszeitung, dem britischen «Guardian», alles andere als eine Boulevardzeitung, gelingt das großartig. Bei Qualitätszeitungen in Deutschland fehlt dieses Selbstverständnis, den Leser erreichen zu wollen, häufig - das ist mir fremd, insofern habe ich größere Sympathien für den Boulevard.
14 Herr Niggemeier, können Sie mit dem Bildblog Geld verdienen?

Ja, im Moment verdienen wir allerdings sehr wenig. Ich habe aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass man auch mehr damit verdienen kann.

15 Wie hoch sind die Besucherzahlen derzeit?

40000 Besucher täglich, 2,2 Millionen Page Impressions pro Monat.

16 Bildblog lebt ja davon, dass die Leser Tipps geben. Nun gibt es zwar immer mehr Leser, aber die Einträge werden weniger.

Die Voraussetzung für Hinweise ist ja, dass die Leute auch die «Bild»-Zeitung lesen. Ich glaube, dass die Anzahl derer, die beides, also «Bild» und Bildblog lesen, gar nicht so sehr gewachsen ist. Viele Hinweise kommen zum Beispiel von Leuten, die professionell mit «Bild» zu tun haben, etwa in den Boulevardredaktionen beim Fernsehen arbeiten. Die waren sehr früh dabei. Vielleicht sind viele unserer Leser, die später hinzugekommen sind, eher passiv.

17 Die Kritik am Bildblog häuft sich. Ist Bildblog schwächer oder ist «Bild» besser geworden?

Das haben wir uns letztens auch gefragt: Kann es sein, dass «Bild» besser geworden ist? Und vor ein paar Wochen waren wir fast schon überzeugt, dass sie sich bestimmte offensichtliche Manipulationen kaum noch erlauben. Und dann kamen drei Tage, in denen «Bild» und «Bild.de» ein wahres Feuerwerk von Fehlern, Verdrehungen und Lügen abschossen. Ich weiß es ehrlich nicht, ob «Bild» besser geworden ist. Ich glaube nicht.

18 Und Bildblog schlechter?

Das glaube ich auch nicht. Wir sind professioneller geworden. Ich verstehe den öfter zu hörenden Vorwurf nicht, wir würden heute so viel Kleinkram aufschreiben. Wir haben früher viel mehr Kleinkram aufgeschrieben. Die Schwelle liegt heute höher. Dafür liefern wir heute oft auch Geschichten, die zeigen, wie Medien insgesamt funktionieren, also wer bei wem abschreibt, welche Karriere «Bild»-Themen und «Bild»-Interpretationen machen, welche Agenturmeldung wie den Weg durch die Medien gefunden hat.

19 «Bild» ist doch nicht die einzige Zeitung, die Meinung manipuliert. Wie wäre es mit einem «Spiegel»-Blog? Einem «FAZ»-Blog?

Alle Zeitungen machen Fehler, aber bei anderen hat das nicht unbedingt System. Einzig den «Spiegel» fände ich reizvoll als Objekt für eine gründliche Beobachtung. Da gibt es ein Watchblog namens spiegelkritik.de. Da passiert zwar noch nicht so viel, aber das ist kein Wunder: Vermutlich ist es schwer, den Fehlern und Einseitigkeiten des «Spiegel» auf die Spur zu kommen. Es ist ja viel mehr Stoff und die Manipulation ist viel subtiler. «Bild» ist dagegen der Holzhammer. Abgesehen davon wären noch Regional- und Lokalzeitungen ohne örtliche Konkurrenz interessant, um eine Gegenöffentlichkeit zu einem solchen Monopol herzustellen.

20 Wie könnte sich Bildblog weiterentwickeln?

Eine Überlegung ist es, sich die über 30 Regionalausgaben der «Bild» genauer anzusehen. Über die haben wir hier bislang keinen systematischen Überblick. Da in der Provinz tun sich sicher noch ganz andere Abgründe auf als in «Bild» Berlin oder Hamburg. Neulich hat die «taz» so einen Fall aufgedeckt: «Bild» Bremen verleumdete auf das widerlichste einen schwulen CDU-Politiker. Wenn ich manchmal einen schlechten Tag habe und mich frage, warum ich das alles mache, dann weiß ich bei solchen Fällen wieder, warum es wichtig ist, gegen diese Zeitung und ihre Auswüchse zu kämpfen.

21 Sagen Sie mal, sind Sie ein Missionar?

Im engeren Wortsinn ja: Wir wollen der Welt mitteilen: So ist «Bild» wirklich. Das ist unsere «Mission». Und vermutlich in einem weiteren Sinne auch. Natürlich ist das Wort mit all seinen Konnotationen heikel. Aber wenn ich realistisch bin und sehe, wie viel Zeit wir da rein stecken, dann muss das was Missionarisches haben.

22 Haben Sie als freier Medienjournalist und ehemaliger Medienredakteur überhaupt noch Spaß an Medien? Es soll ja Fleischer geben, die selbst nichts Tierisches mehr essen.

Ich habe immer noch Spaß daran, Medien kritisch zu begleiten.

23 Zu welcher Zeitung greifen Sie morgens zuerst?

Zur «Süddeutschen», weil ich die abonniert habe. Im Grunde fängt mein Zeitungslesetag schon am Abend vorher an, wenn die neuen Ausgaben online gehen. Dann lese ich die Medienseiten aus «Berliner Zeitung», «Tagesspiegel» und «taz». Am nächsten Tag auf jeden Fall noch «FAZ» und «Bild».

24 Lesen Sie häufig in Netzmedien?

Ja, aber nicht systematisch oder ritualisiert. Ich schaue regelmäßig bei «Spiegel Online» rein, versuche aber auch, die Online-Ableger von «Focus», «Stern» oder «Tagesschau» nicht aus den Augen zu verlieren, um nicht so einen typischen Tunnelblick zu bekommen, wie ihn, glaube ich, viele Kollegen haben, die mit «Online-Journalismus» allein «Spiegel Online» identifizieren. Ich lese diverse Fernsehnachrichtenseiten, in der «Netzeitung» manchmal das Altpapier, und dann noch eine Reihe Blogs. Ach ja, und natürlich «Bild-Online».

25 Welche Ansprüche haben Sie an Online-Medien?

Sie sollen die Möglichkeiten des Internet nutzen – nicht zuletzt all die, die den Printmedien nicht zur Verfügung stehen. Sie sollen schnell sein und viel verlinken, zu den Quellen einer Nachricht oder zu anderen Medien. Ich glaube, Online-Medien könnten es einem viel leichter machen, in unterschiedlicher Tiefe in Themen einzusteigen. Und sie könnten anders mit Fotos umgehen als Printmedien. Im Moment scheint sich das allerdings fast ausschließlich darauf zu beschränken, möglichst viele und beliebige Fotos in eine Bildergalerie zupacken, um die Klickzahlen künstlich zu steigern. Dieser Wahn wird sich hoffentlich bald erledigen.

26 Sie sprechen jetzt nur über die Form, nicht über die Inhalte.

Das Netz ist voller tausendfach kopierter Agenturmeldungen. Ich glaube, die Chance von Qualitäts-Online-Medien ist es, dem Analyse, fundierte Interpretation und Meinung entgegen zu setzen. «Spiegel Online» zeigt ganz gut, wie erfolgreich man sich mit meinungsstarken und lauten Stücken profilieren kann – und auch, wie schnell man mit der damit oft verbundenen Boulevardisierung Grenzen überschreitet.


27 Bildblog ist nicht so meinungsstark. Warum halten Sie sich so zurück?

Wir diskutieren immer wieder darüber, mit wie viel eigener Meinung wir auftreten sollen oder müssen. Unsere Haltung aber ist klar: Die «Bild»-Zeitung geht mit der Macht, die sie hat, nicht sehr verantwortungsvoll um.

28 Haltung ist etwas anderes als Meinung.

Klar. Aber wir sind uns einig, erstmal möglichst wenig Ideologiekritik zu betreiben. In 95 Prozent aller Bildblog-Einträge geht es um Dinge, die journalistisch objektiv falsch oder unzulässig sind, die gegen Rechte verstoßen oder ethische Grundsätze. Fälle also, bei denen es eigentlich keine Diskussion geben dürfte, dass das nicht in Ordnung ist. Ich glaube, das ist gut so, denn damit kommt man weg aus einer Nische oder linken Ecke, in der «Bild» ganz grundsätzlich diskutiert wird.

29 Droht da nicht die Gefahr, sich an Kleinigkeiten abzuarbeiten und das große Ganze aus den Augen zu verlieren?

Ich glaube, die Form des Blogs eignet sich gut dafür, konkrete tägliche Fälle aufzuarbeiten. Für das Grundsätzliche gibt es ja immer noch Tages- und Wochenzeitungen. Aber wir sind uns bewusst, dass das ein schmaler Grat ist. Wir haben ja verschiedene Rubriken wie «Kommerzielles», «Grob Fahrlässiges» und so weiter.

Darüber hinaus fallen uns und unseren Lesern immer wieder bemerkenswerte Elemente der «Bild»-Berichterstattung auf, die wir intern «Diskussionswürdiges» nennen – Kampagnen, die man beunruhigend oder gefährlich finden kann. Da diskutieren wir intern lange, in welchen Fällen wir diese Themen aufgreifen und dadurch unserer Meinung zu den Themen Ausdruck verleihen. Manchmal löst sich dieser Widerspruch von selbst auf, etwa wenn wir an konkreten Beispielen journalistisch einen Fehler belegen können, der für etwas Ideologisches steht.

30 Ein Beispiel?

Die Berichterstattung von «Bild» über den Libanonkrieg war meiner Meinung nach vom ersten Tag an einseitig. Wir griffen das Thema aber erst auf, als wir es an konkreten Beispielen belegen konnten: Aus Stellungnahmen des israelischen Militärs hat «Bild» einfach objektive Tatsachen gemacht. Die Zeitung berichtete konsequent über jeden toten Zivilisten in Israel, teilweise doppelt, verschwieg aber fast alle toten Zivilisten im Libanon.

31 In anderen Zeitungen war es genau umgekehrt.

Ich glaube nicht, aber selbst wenn: Das macht es doch nicht besser!

32 Eine Kritik an Bildblog zielt auf die fehlende Möglichkeit für den Leser, Beiträge zu kommentieren.

Kennen Sie «Heise.de»? Den Friedhof von Kommentaren, den Heise selbst inzwischen offenbar so zu verstecken versucht, dass Nicht-Kundige dort nicht versehentlich hineingeraten können. Ich fürchte, bei uns sähe das ähnlich aus. Sowohl, was die Zahl der Kommentare angeht, als auch möglicherweise die Inhalte. Ganz schnell würden die Leute bei uns über den Libanonkrieg diskutieren und nicht darüber, wie «Bild» darüber berichtet.

Am Anfang hatten wir ja Kommentare, und die ersten zwei oder drei beschäftigten sich auch wirklich mit der Zeitung, der vierte spricht dann zur Sache und danach tobten sich die Leute über alles Mögliche aus und führten ihre Kleinkriege. Abgesehen davon, hätten wir gar nicht die Möglichkeiten, diese Kommentare zu verfolgen und, wenn nötig, zu moderieren.

33 Gibt es nicht doch etwas Gutes, das Sie der «Bild»-Zeitung abgewinnen können?

Hm. Hm. Also. Da fällt mir wenig ein. Wenn Sie mit gut meinen, dass «Bild» «gut gemacht» ist, dass die Redakteure wissen, wie sie so berichten, dass das Publikum darauf anspringt und zum Beispiel seine Vorurteile bestätigt findet, wie sie Schlagzeilen formulieren, an denen man nicht vorbeigehen kann und so weiter - dann ja, dann sind viele Berichte in «Bild» gut gemacht.

34 Das meine ich nicht. Sondern das, was Ihnen gut an «Bild» gefällt.

Da fällt mir gerade nichts ein.

35 Gibt es Kontakte zwischen Bildblog und «Bild»?

Kaum. Als ich noch bei der «FAS» war, hat mir die Pressestelle auf Anfragen wenigstens noch mitgeteilt, dass ich keine Antwort kriege. Beim Bildblog bekommen wir meistens nicht einmal mehr diese Antwort. Hier und da kommt mal ein Leserbrief eines «Bild»-Mitarbeiters, der sich auf den Schlips getreten fühlt, und darum bittet, das vertraulich zu behandeln. Aber sonst ist da nichts, nicht mal informell.

36 Bedauern Sie das?

Ja, es wäre sehr nützlich, bei vielen Geschichten auch mal die Version von «Bild» zu hören. Als Journalist hilft es einem doch immer, auch die andere Seite zu hören. Und mit den Leuten, die es betrifft, reden zu können. Hinterher sind alle schlauer.

37 Und «Bild» wäre besser, der Bildblog würde überflüssig.

Nein, Bildbblog würde besser, weil wir umfassender informiert wären. Wieso würde «Bild» besser? Um einen etwas gewagtes Vergleich zu nehmen: Ein Ganove, der im Autoradio den Polizeifunk eingestellt hat, wird dadurch ja auch nicht besser.

38 Aber geschickter. Er wird seltener erwischt, weil er besser planen kann.

Das wäre dann ja nicht die bessere «Bild»-Zeitung, sondern die noch schlechtere «Bild»-Zeitung. Es kann ja nicht darum gehen, der «Bild» dabei zu helfen, ihre Kungeleien besser zu verbergen.

39 Ich möchte zum Schluss noch einmal die Machtfrage stellen. Als «Bild»-Redakteur könnten Sie der politischen und kulturellen Prominenz in Deutschland endlich mal richtig nahe kommen. Für freie Journalisten ein hoffnungsloses Unterfangen.

Och, so hoffnungslos ist das gar nicht. Ich sehe schon den Reiz und weiß noch genau, wie stolz ich war, als ich mal Anke Engelke getroffen habe. Aber ich fühle mich ganz wohl in der Rolle, ein Beobachter zu sein und eher ein wenig am Rande zu stehen. Nähe kann auch befangen machen.

Mit Stefan Niggemeier sprach Maik Söhler.

 

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