28. Jun 2006 07:24
Sein Bestseller «Wir Deutschen» wird heiß diskutiert. Ein Auftritt im 'Presseclub' macht Wirbel. Die Netzeitung traf Matthias Matussek in Hamburg. Ein Interview in drei Akten.
Ort: «Spiegel»-Hochhaus Hamburg. Vierter Stock. Das Büro des Kulturchefs. Sachlich eingerichtet. Ein Schreibtisch mit Computer, Telefon, einem Handy, vielen Papierstapeln, Zeitungen, einer Fernbedienung sowie dem Buch «Wir Deutschen». Ein Ledersofa. Ein Fernseher läuft tot und stumm. Trotz Klimaanlage ist es schwül.Matussek (sitzt am Schreibtisch, telefoniert): Da kommst Du nicht an Deine Email ran, oder wie? Ja. Und wie heißt das Hotel? Ich kann es Dir ja auf beide Arten schicken. Ist Dir Fax lieber? Du gehst zum Deutschland-Spiel? Cool! Ja, fein, Du wirst sehen. Ich schicke es einfach los, und Du nimmst rein, was Dir passt. Wir sind ja eigentlich nicht groß auseinander. Nur, glaube ich, betonst Du die Spaßseite ein bisschen mehr, und ich sage, dass hinter diesem Flaggenschwenken auch ein bisschen das Kriegsspiel ist, das Abgrenzungs- und Streitspiel, was der Mensch ja braucht. Aber wir diagnostizieren beide, dass es ein relativ cooles, lockeres Land geworden ist. Oder? Schon? Ich drück' Dir die Daumen, Tschüss.
Matussek (zum Interviewer): Wir machen nämlich nun doch ein Patriotismusstück. Und Sie wissen, was das bedeutet?
Interviewer (sitzt auf der Ledercouch, schwitzt): Krieg! Schicken Sie Truppen nach München, zum Sitz der «Süddeutschen Zeitung»?
Matussek: Krieg führen die anderen. Die «Süddeutsche Zeitung» führt ja eine regelrechte Hetzkampagne gegen mich. Sie nehmen die haarsträubendsten Lügen, um mich zu besudeln. Warum machen die das? Da wird im Lokalteil behauptet, ich würde wild um mich schlagen. Hier, ich habe es mir herausgestrichen (nimmt eine «Süddeutsche»): «Im Vergleich zu dem wild um sich schlagenden Matussek». Nun bin ich also der wild um sich schlagende Matussek. Erstaunlich.
Interviewer: In der «Zeit» habe ich gleich drei Artikel gefunden, die sich mit Ihnen beschäftigen. (nimmt eine «Zeit» aus seinem Rucksack) Auf der Titelseite, über Patriotismus, «jene Spiegelfechter und Kampagnen-Ritter», damit sind Sie doch gemeint?
Matussek: Finden Sie «Spiegelfechter» nicht auch so entsetzlich altbacken? Das hat doch schon Strauß über «Spiegel»-Leute gesagt. Die fühlen sich irgendwie bedrängt. Als ob ich ihnen Patriotismus empfehlen würde. So ein Stuss. Die Straße selbst tut es, die Leser tun es. Ich habe in meinem Buch nur die Gebrauchsanleitung dazu geschrieben. Es gibt ein positives Identifikationsinteresse mit unserem Land. Es hat lange geschwelt. Ich habe alles kommen sehen.
Interviewer: Und hier, in der Kolumne von Harald Martenstein. Sie werden zwar nicht namentlich genannt, aber Ihr Buch...
Matussek: Mit Martenstein habe ich schon geredet. Er wirft meinem Lektorat einige Flüchtigkeitsfehler vor. Ein Filmtitel ist falsch. Das ist in der Neuauflage längst korrigiert. Sowas, das müssen Sie wissen, moniert einer, der mich vor zehn Jahren mal auf einer ganzen Seite im «Tagesspiegel» beschimpft hat, für einen Aufsatz, den ich gar nicht geschrieben hatte, wie sich dann herausstellte, sondern Diedrich Diederichsen.
Interviewer: Wie kann man Sie mit Diederichsen verwechseln?
Matussek: Frage ich mich auch. Er musste sich damals entschuldigen. Das hat ihn wohl gewurmt. Und wenn er behauptet, dass ich Nationalismus und Patriotismus in eins setze...
Interviewer: Er behauptet es ja nicht selbst, die Figur D. sagt es.
Matussek: Ja, D. = Deutschland, ist aber seine Erfindung. Er behauptet nun also, er liebe Deutschland und müsse es vor Liebhabern wie mir in Schutz nehmen. Plötzlich lieben die alle Deutschland. Ist Ihnen das schon mal aufgefallen? Wundersame Wandlung, nicht wahr?
Interviewer: Wie hat er reagiert, als Sie ihn anriefen. Sieht er es ein?
Matussek: Ja. Er hat mir zwar ein Zitat aus meinem Buch vorgelesen, wo ich tatsächlich von Nationalismus rede, aber ausdrücklich von einem Gegenentwurf zu jenem sattsam bekannten dumpfen wilhelminisch-aggressiven. Das hat er seinen Lesern einfach unterschlagen. Es sind diese Lautverschiebungen, diese Schwindeleien, die mich anöden.
Nehmen Sie Friedrich Küppersbusch, die ganz klassische Nummer. Ich hatte mich ja in einer Presseclub-Sendung gegen den «Vorwurf Nationalismus» verwahrt. Daraufhin schreibt Küppersbusch im «Stern», ich würde «auf das Stichwort Nationalismus» hin «losbelfern», und also sei ich wohl Nationalist. So machen die das. Um es klarzustellen, zum wiederholten Male: Nationalismus à la Wilhelm zwo: böse. Patriotismus dagegen: absolut wichtig und gut. Verstehen Sie?
Interviewer: Ich habe Ihr Buch gelesen.
Matussek: Die deutschen Feuilletons gehören zu den besten der Welt. Einige haben mich kritisiert, einige haben mich sehr gelobt, das alles ist in Ordnung. Aber es gibt so eine Rotte politisch-korrekter Affen, die machen Jagd auf mich. Meistens sind die Medienredaktionen beteiligt. Die schreiben dann, ich sei diktatorisch etc. Finden Sie, dass ich ein Diktator bin?
Interviewer: Nein, aber Sie sagen mir hier als allererstes, Sie hätten eigentlich gar keine Zeit für ein Interview - obwohl wir verabredet sind. Mit so etwas erzeugen Sie auch bei mir erst einmal keine Sympathien.
Matussek: Ich habe doch nur gesagt «Ich habe nicht so lange Zeit», wir haben Produktionstag, aber auch da stehe ich zu dem Termin...
Interviewer: Ich würde Sie gerne fragen, woher diese massive Kritik, diese Kampagne, wie Sie es nennen, kommt? Was glauben Sie?
Matussek: Was ist denn Ihre Meinung?
Interviewer: Eine Mischung vermutlich. Neid ist dabei, und dann tragen Sie bestimmt auch selbst Schuld.
Matussek: Hm, Schauen Sie, ich bin ja erst seit einem knappen Jahr wieder im Land, da habe ich doch gar nicht so viele Leute getroffen. Sie sind, glaube ich, der erste, der mich hier besucht für ein Interview.
Interviewer: Hier im schönen Hamburg?
Matussek: Hamburg ist eindeutig die schönste Stadt Deutschlands, wenn nicht sogar Europas, wenn nicht sogar der Welt. Obwohl: Rio...
Interviewer: In ihrem neuen Buch kommt Hamburg allerdings gar nicht vor. Das Buch ist schon sehr Berlin-lastig.
Matussek: Ja, weil Berlin die Geschichtsnarbe der Republik ist, da kannst Du mehr erzählen, als wenn Du hier nach Barmbek gehst. Aber in meinem anderen Deutschland-Reportage-Buch, «Palasthotel», ist Hamburg mein Unterschlupf vor diesem Berliner Wahnsinn.
Interviewer: Apropos Berlin. Sie haben doch am Hüttenweg studiert? Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften. Ich übrigens auch.
Matussek: Sehen Sie, prima Fachbereich.
Interviewer: Haben Sie abgeschlossen?
Matussek: Nein, ich wollte, aber dann kam der Journalismus dazwischen. Der Tagesjournalismus beim «Berliner Abend». Allerdings hatte ich schon ein Magisterthema vorbereitet, Jakob von Hoddis. Der hatte den Vorteil, dass er nur ungefähr 97 Gedichten geschrieben hat, bevor er spurlos verschwunden ist. Ein überschaubares Oeuvre also. Die siebziger Jahre am Hüttenweg waren toll, es war spannend, das Adorno-Seminar, da habe ich Leute wie Gundolf S. Freyermuth kennen gelernt.
Interviewer: Und was ist mit Adorno heute? Können Sie ihm noch etwas abgewinnen?
Matussek: Mich hat an Adorno immer die Genauigkeit der Kunstbetrachtung fasziniert und der Reflexionsreichtum. Die ganze Menschheits-Lage lässt sich an einem Bild von Klee erklären. Ohne Beschäftigung mit Adorno würde ich heute anders hinschauen, anders nachdenken und anders schreiben. Adorno hat verstanden, dass Leben und Kunst nicht zu trennen sind.
«Wer nie in eine Primaballerina verliebt war, hat keine Ahnung von Ballett». Das sind einfach gute Sätze. Er war ja auch der Meister der essayistischen Zuspitzung, und wenn Sie so wollen, der Einseitigkeit. Ich muss immer daran denken, was Botho Strauß gesagt hat: «Mit welcher Pracht damals gedacht wurde».
Das Telefon klingelt
Matussek : Hallo. Ja? Aha. Ich habe vorhin mit ... geredet, also wir wollen jetzt aktuell nichts machen. Sag mal kurz was anders, Bernd Neumann, den machst Du doch? Nach der Sommerpause? Ich habe ihm jetzt nämlich einen Brief geschrieben und schon anvisiert. Tschüss.
(spricht wieder zum Interviewer) Lassen Sie mich noch kurz beim Theater bleiben. Ich glaube, dass Theaterkritik ein unglaublich gutes Training für den Reporter ist, denn man lernt genau hinzugucken. Jede Bewegung, jeden Gesichtsausdruck, jede Geste. Es ist auf die Dauer sicher unbefriedigend, weil die Wirklichkeit, mit der man zu tun hat, die Abbildung eines Abbildes ist. Aber es ist eine gute Schule der Wahrnehmung. Und das Theater war damals sehr aufregend. Es war die Zeit, als Peymann das «Käthchen von Heilbronn» gemacht hat, Peter Stein in der «Schaubühne» die großen Antiken-Projekte realisiert hat - eine Wahnsinnszeit für einen Theaterkritiker.
Ich war damals mit einer Schauspielerin, Barbara Frey, verheiratet, habe als Kritiker ihren Intendanten verrissen, und der hat sie dann gefeuert. Da habe ich zum ersten Mal gespürt, wie wichtig die Machtfrage im Kunstbetrieb ist. (lacht) Die muss geklärt werden, bevor alles andere geklärt wird.
Interviewer: Muss die Machtfrage im Feuilleton auch geklärt werden?
Matussek (wird laut): Ach, jeder Hinz und Kuntz kann mich hier anpissen. Ich war kaum ein paar Wochen hier und hatte gerade Joachim Lottmann, der einer der großen Humoristen des Landes ist, zu seiner wunderschönen naiven Reise durch die Theater der Republik losgeschickt, da haut mir der Chef vom Feuilleton der «WamS» einen derartigen Knüppel in die Fresse. Ich sei ein Wahnsinniger und hätte keine Ahnung, und so weiter. Ich hab’ den dann mal getroffen. Der wollte mir die Hand schütteln nach einer Podiumsdiskussion. Das ist ein sehr unangenehmer junger Mensch. Verstehen Sie, jeder in diesem Bereich kann auf dich eindreschen, das ist wahnsinnig.
Interviewer: Es kann Sie doch nicht wirklich schädigen. Sie behalten die Macht.
Matussek: Welche Macht denn? Ich mag nicht beschimpft werden, das ist alles.
Interviewer: Brauchen Sie es nicht sogar, um mit Wonne zurückzuschimpfen?
Matussek: Kann ich doch nicht, in meiner Position.
Interviewer: Sie sollten ein Weblog führen.
Matussek: Das kann ich doch gar nicht.
Interviewer: Jemand richtet es Ihnen ein, und dann lassen Sie Dampf ab. Würden Großfeuilletonisten mehr bloggen, gäbe es vermutlich diese hässlichen «Kampagnen» in den Zeitungen nicht.
Das Handy klingelt.
Matussek (schaut auf das Display): Meine Frau. Ach mein Spatz... ja, nein, weißt Du, ich habe gerade Besuch, ich bin jetzt gerade sehr damit beschäftigt, Unsinn zu reden... ja, sowas wie Quatsch machen (lacht). Aha... Okay. Tschüss. Kuss.
Interviewer: Das ging jetzt aber sehr schnell!
Matussek: Mein Sohn.
Interviewer: Ach so, ich dachte Ihre Frau.
Matussek: Nein, der hat nur auf dem Telefon meiner Frau telefoniert.
Interviewer: Erlauben Sie mir eine Frage: Können Sie mir ein Bild von Ihrer Frau zeigen? Sie schreiben so herrlich verliebt über Sie in Ihrem Buch, das schreit geradezu nach bildlicher Darstellung!
Matussek: Ach, das wäre jetzt albern...das ist privat.
Interviewer: Wieso? Sie schreiben in Ihr Buch Liebeserklärungen. Tief in Ihrem Herzen sind Sie doch auch ein Popjournalist, Sie mischen ständig Öffentliches und Privates...
Matussek: Aber das hat, wenn ich es tue, hoffentlich einen dramaturgischen Sinn, im Falle unserer Ehe geht es auch um die Verbindung der beiden Deutschlands, da geht es im Grunde um Ost- oder West-Deutschland... (klickt auf seinem Computer herum). Hier, das war Sylvester an der Copacabana, da tragen alle weiß, das hat Tradition. Und hier. Sieht das nicht aus wie aus Fellinis «Roma»?
Interviewer: Ja, und das da ist hübsch. Aber am besten gefällt sie mir, wenn sie lacht. Sie gleicht dann einer Bekannten von mir. Können wir das haben?
Matussek ( zuckt mit den Achseln):
Matussek (lehnt sich zurück, schaut auf das Foto seiner Frau): Sie hatten sich beide so herzlich lieb,
Spitzbübin war sie, er war ein Dieb.
Wenn er Schelmenstreiche machte,
Sie warf sich aufs Bett und lachte.
Die Tage vergingen in Freud und Lust,
Des Nachts lag sie an seiner Brust.
Als man ins Gefängnis ihn brachte,
stand sie am Fenster und lachte.
Er ließ ihr sagen: O komm zu mir,
Ich sehne mich so sehr nach dir,
Ich rufe nach dir, ich schmachte -
Sie schüttelte das Haupt und lachte.
Um sechse des Morgens ward er gehenkt,
Um sieben ward er ins Grab gesenkt;
Sie aber schon um achte
Trank roten Wein und lachte
.
(lacht)... so sind Sie die Frauen.
Interviewer (klatscht): Bravo! Das war eine Probe. Sie haben ja von der Jury des Heine-Preises im «Spiegel» quasi verlangt, dass jeder ein Gedicht des Meisters auswendig können sollte.
Matussek: Zu Recht, oder? Es gibt einige Gedichte von Heine, die ich auswendig kann. Ich habe früher viele Gedichte auswendig gelernt. Als ich als Student in einer Schraubenfabrik gearbeitet habe, habe ich während der Nachtschicht Rilkes Sonette an Orpheus auf den Knien gehabt, um nicht blöde zu werden. Sie sind das zarteste, was man sich aus dem Fin de Siècle vorstellen kann: «Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung! O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr! Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor...» und vor mir diese stampfende, ölspuckende Maschine, in die ich diese Verse gebrüllt habe, wie eine Beschwörung. Wunderbar. Das waren 24 lange Sonette.
Interviewer: Ich habe die auch mal gelesen, aber keinen einzigen Vers behalten.
Matussek: Aber nur, weil Sie nicht wollten. In diesem Alter ist es leicht, diese Sonette auswendig zu lernen, weil sie so eine schöne Melodie haben. Das war mein erstes berührendes Spracherlebnis. Das, und die «Menschheitsdämmerung», die Anthologie von Pinthus.
Interviewer: Mich hat der Expressionismus nie so fasziniert. Intellektuell war das doch eher mau.
Matussek: Ich weiß nicht, immerhin haben diese Ideen dann das Jahrhundert mit vorbereitet. Die Rückkehr zum Primitivismus, diese Oh-Mensch Lyrik, die Großstadt-Sinfonien.
Interviewer: Johannes R. Becher, Expressionist, ist später Kulturminister in der DDR geworden.
Matussek: Ja, die sind alle schwer in ihren dogmatischen Karrieren gestrandet. Das passiert immer, wenn Künstler praktisch werden wollen. Dann werden sie dumm. Ich bereite gerade ein Stück über Benn und Brecht vor. Der eine ist links gescheitert, der andere rechts.
Interviewer: Ich habe ein wenig zu Jünger gearbeitet. Brecht hat mich nie so recht interessiert. Das Gemeine ist doch, dass die Rechten irgendwie spannender, abgründiger wirken. Das ist natürlich auch ein Klischee.
Matussek: Sicherlich ist das auch eine Pose, und doch...
Interviewer: Thomas Mann: Rechts der Abgrund, links nur das flache, seichte humanistische Wasser...
Matussek: Ja, ja. Thomas Mann hat in «Bruder Hitler» natürlich genial das Totalitäre im Künstler aufgespürt.
(Matussek = Matthias Matussek; Interviewer = Michael Angele)