Nam June Paik:
Kein Fernsehen in Wuppertal
31.01.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Von Ulrich Gutmair
Die Medien, das stellte Walter Ruttmann schon vor über achtzig Jahren fest, überschwemmen uns ständig mit Material, «demgegenüber die alten Erledigungsmethoden versagen.» Angesichts des stetigen Informationsflusses wisse der Blick mit den starren Formen der Malerei nichts mehr anzufangen.
Es werde sich daher bald ein «ganz neuer, bisher nur latent vorhandener Typus von Künstler herausstellen, der etwa in der Mitte von Malerei und Musik steht», glaubte Ruttmann. Er sollte Recht behalten. Der jetzt verstorbene Nam June Paik war einer dieser Künstler, der - von der Musik herkommend - sich bald den neuen visuellen Technologien von Fernsehen und Video widmete.
Den Sohn eines Stahlfabrikanten aus Seoul verschlug es mit 18 nach Tokio, als der Koreakrieg ausbrach. Er studierte Ästhetik, Musikwissenschaft und Philosophie und schloss mit einer Arbeit über Arnold Schönberg ab. Schon 1956 zog er nach Deutschland, um in München weiter zu studieren, bald darauf arbeitete er mit Karlheinz Stockhausen zusammen am Kölner Studio für Elektronische Musik des WDR, später mit John Cage und Joseph Beuys. Deutschland blieb er auch später verbunden, seit 1978 war er als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie tätig.
Seine frühen Arbeiten mit Fernsehern hatte Paik ganz in diesem Sinn als «physische Musik» bezeichnet, die seinem «Fluxus Champion Test» ähnlich sei, der darin bestehe, dass der Rekordhalter im Am-Längsten-Pissen mit seiner Nationalhymne geehrt werde. (Der erste Champion brachte es auf 59,7 Sekunden und war Amerikaner.)
«Am weitesten geht der Kuba TV», protokollierte Schmit. «Er ist an ein Tonbandgerät angeschlossen, das ihm (und uns) Musik einspeist: Parameter der Musik bestimmen Parameter des Bildes. Schließlich (im Obergeschoß) der One Point TV, der mit einem Radio verbunden ist; er zeigt in der Mitte des Bildschirms einen hellen Punkt, dessen Größe sich nach der jeweiligen Lautstärke des Radioprogramms richtet.»
Der Angriff auf den «Fetischismus der Idee» paarte sich dabei mit der Begeisterung, Fernsehen nicht mehr passiv ertragen zu müssen, sondern es zu verändern: «Die Schönheit eines verzerrten Kennedy ist eine andere als die Schönheit eines Football-Helden», schrieb Paik in einer Broschüre zur Ausstellung in Wuppertal.
An anderer Stelle brachte er dezidiert sein Missfallen über die erzwungene Passivität der Zuschauer zum Ausdruck: «Fernsehen ist ebenso Massenmedium wie Sex. Vor Kinsey pflegte eine schöne Frau ihrem Nachbarn zuzuflüstern: 'Mein Mann spielt nur ein Stück auf dem Klavier ... und immer mit einem Finger ...' Kinsey löschte diese Frustration aus, machte aus der Häresie Orthodoxie. Fernsehkultur befindet sich in diesem Augenblick im vorkinseyanischen Stadium. Wie die Ehefrau (vorher) nur eine Sexmaschine für ihren Ehemann war, so ist das Publikum (gegenwärtig) nur der Pawlow'sche Hund für die Sendeanstalten. Die grenzenlosen Möglichkeiten von Fernsehen wie die Zwei-Wege-Kommunikation, Zuschauerbeteiligung, 'elektronische Demokratie durch sofortiges Referendum' (John Cage) ... werden weitgehend ignoriert oder heiklerweise unterdrückt.»
Das Hacken der elektronischen Medien war für Paik vor diesem Hintergrund aber nicht nur ein politischer Akt, sondern immer mit dem Wunsch verknüpft, auch die subjektiven Grenzen der Wahrnehmung zu sprengen. Der Anblick des parallelen Dahinfließens der unterschiedlichen Bewegungen auf den 13 Fernsehern von Wuppertal verhieß Paik nicht weniger, als dem alten Traum der Mystiker nahe zu kommen: Der stetig in eine Richtung fließenden Zeit ein Schnippchen zu schlagen und der Ewigkeit gewahr zu werden.

