Nam June Paik: 

netzeitung.deKein Fernsehen in Wuppertal

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Was ein Magnet so alles anrichten kann: TV-Arbeit von Paik (Foto: paikstudios.com<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Was ein Magnet so alles anrichten kann: TV-Arbeit von Paik
Foto: paikstudios.com
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nam June Paik war nicht nur der «Vater der Videokunst», sondern ein veritabler Hacker mit Hang zum Mystischen. Derbe Witze schloss seine Kunst nicht aus.


Von Ulrich Gutmair

Die Medien, das stellte Walter Ruttmann schon vor über achtzig Jahren fest, überschwemmen uns ständig mit Material, «demgegenüber die alten Erledigungsmethoden versagen.» Angesichts des stetigen Informationsflusses wisse der Blick mit den starren Formen der Malerei nichts mehr anzufangen.

Es werde sich daher bald ein «ganz neuer, bisher nur latent vorhandener Typus von Künstler herausstellen, der etwa in der Mitte von Malerei und Musik steht», glaubte Ruttmann. Er sollte Recht behalten. Der jetzt verstorbene Nam June Paik war einer dieser Künstler, der - von der Musik herkommend - sich bald den neuen visuellen Technologien von Fernsehen und Video widmete.

Den Sohn eines Stahlfabrikanten aus Seoul verschlug es mit 18 nach Tokio, als der Koreakrieg ausbrach. Er studierte Ästhetik, Musikwissenschaft und Philosophie und schloss mit einer Arbeit über Arnold Schönberg ab. Schon 1956 zog er nach Deutschland, um in München weiter zu studieren, bald darauf arbeitete er mit Karlheinz Stockhausen zusammen am Kölner Studio für Elektronische Musik des WDR, später mit John Cage und Joseph Beuys. Deutschland blieb er auch später verbunden, seit 1978 war er als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie tätig.

Die Physische Musik des Fernsehens
Bekannt wurde Paik durch seine Video-Installationen, in denen sich Monitor auf Monitor türmte, am prägnantesten (und wahrscheinlich am größenwahnsinnigsten) in der Arbeit «The more the better» von 1988 zu sehen. Die Drei-Kanal-Videoinstallation sah aus wie eine postmoderne Version des Turms von Babel und bestand aus 1003 Monitoren, die auf einer 60 Fuß hohen Stahlkonstruktion montiert waren.

Aus späteren Jahren bleiben recht kitschig anmutende Videoskulpturen in Erinnerung, deren Witz womöglich gerade darin bestand, besonders disneyhaft zu wirken. Schließlich stand Paik lange Jahre der Fluxus-Bewegung nahe, deren Namensgeber George Maciunas sie einmal als «Fusion von Spike Jones, Gags, Spielen, Vaudeville, Cage und Duchamp» beschrieben hatte.

Seine frühen Arbeiten mit Fernsehern hatte Paik ganz in diesem Sinn als «physische Musik» bezeichnet, die seinem «Fluxus Champion Test» ähnlich sei, der darin bestehe, dass der Rekordhalter im Am-Längsten-Pissen mit seiner Nationalhymne geehrt werde. (Der erste Champion brachte es auf 59,7 Sekunden und war Amerikaner.)

Die Hardware des Fernsehens
Paik gilt als der Vater der Videokunst, der «den Bildschirm ins Museum brachte». Diese mediengerechte Verknappung der Strategien des Koreaners unterschlägt aber einen wesentlichen Punkt: Denn das Verdienst Paiks besteht gerade nicht darin, den Bildschirm als Bildschirm ins Museum transportiert zu haben - da wäre er dank der Allgegenwart der audiovisuellen Medien sowieso früher oder später gelandet, und zwar wie heute längst üblich als bloßes Abspielgerät für vorproduzierte Inhalte.

Und auch wenn Paiks frühe Videotapes stilbildend geworden sind, weil seine schnellen Schnitte aus dem Zusammenhang gerissenes Material in ganz neue und überraschende Kontexte brachten, markieren seine frühesten Arbeiten mit dem Fernsehen und dem Fernsehgerät revolutionäre Momente, an denen Medienkunst erst entstand: Denn der junge Paik war kein Filmemacher und auch kein VJ, er war ein Hacker, der in die Hardware des Fernsehapparates eingriff, um das aus den Sendeanstalten top-down übermittelte Bild zu stören und zu verändern.
Ein heller Punkt
In Paiks «Exposition of Music - Electronic Television» von 1963, zu sehen in Wuppertal, stattete er unter anderem einen Raum mit einem Dutzend Fernsehgeräten aus, auf den abends das Erste Deutsche Fernsehen nicht wirklich zu sehen war, weil Paik an jedem Gerät eine spezifische Manipulation vorgenommen hatte. Der «Zen TV» etwa zeigte nur eine senkrechte weiße Linie. An ein anderes Gerät war ein Mikrofon angeschlossen, dessen Input ein «Feuerwerk von Lichtpunkten» erzeugte, wie sich der Fluxuskünstler Tomas Schmit erinnerte.

«Am weitesten geht der Kuba TV», protokollierte Schmit. «Er ist an ein Tonbandgerät angeschlossen, das ihm (und uns) Musik einspeist: Parameter der Musik bestimmen Parameter des Bildes. Schließlich (im Obergeschoß) der One Point TV, der mit einem Radio verbunden ist; er zeigt in der Mitte des Bildschirms einen hellen Punkt, dessen Größe sich nach der jeweiligen Lautstärke des Radioprogramms richtet.»

Fernsehen und Sex
Paiks Arbeiten wollten laut eigener Angabe der Hegelianischen Behauptung widersprechen, Kunst sei die Erscheinung der Idee. Er widmete sich Schaltkreisen und Phasen und schloss Dioden falsch herum an, um etwas Neues auf dem Schirm zu erzeugen, etwas, das gerade nicht im Sinne des Erfinders war, und nur durch Experimente geschaffen werden konnte, die kein bestimmtes Ergebnis voraussetzten.

Der Angriff auf den «Fetischismus der Idee» paarte sich dabei mit der Begeisterung, Fernsehen nicht mehr passiv ertragen zu müssen, sondern es zu verändern: «Die Schönheit eines verzerrten Kennedy ist eine andere als die Schönheit eines Football-Helden», schrieb Paik in einer Broschüre zur Ausstellung in Wuppertal.

An anderer Stelle brachte er dezidiert sein Missfallen über die erzwungene Passivität der Zuschauer zum Ausdruck: «Fernsehen ist ebenso Massenmedium wie Sex. Vor Kinsey pflegte eine schöne Frau ihrem Nachbarn zuzuflüstern: 'Mein Mann spielt nur ein Stück auf dem Klavier ... und immer mit einem Finger ...' Kinsey löschte diese Frustration aus, machte aus der Häresie Orthodoxie. Fernsehkultur befindet sich in diesem Augenblick im vorkinseyanischen Stadium. Wie die Ehefrau (vorher) nur eine Sexmaschine für ihren Ehemann war, so ist das Publikum (gegenwärtig) nur der Pawlow'sche Hund für die Sendeanstalten. Die grenzenlosen Möglichkeiten von Fernsehen wie die Zwei-Wege-Kommunikation, Zuschauerbeteiligung, 'elektronische Demokratie durch sofortiges Referendum' (John Cage) ... werden weitgehend ignoriert oder heiklerweise unterdrückt.»

Ein kurzer Blick in die Ewigkeit
Am 8. Januar 1972 stellte der selbsternannte «Kulturterrorist» an seine Genossen von der Zeitschrift «Radical Software» eine vorausschauende Frage, die das Dilemma der Globalisierung auf den Punkt brachte, noch bevor sie so recht in Gang gekommen war: «Wenn Kommunikationssatelliten globales TV in vollem Umfang ermöglichen, wird CBS dann hungrigen Bengalis Werbespots für Katzenfutter senden?»

Das Hacken der elektronischen Medien war für Paik vor diesem Hintergrund aber nicht nur ein politischer Akt, sondern immer mit dem Wunsch verknüpft, auch die subjektiven Grenzen der Wahrnehmung zu sprengen. Der Anblick des parallelen Dahinfließens der unterschiedlichen Bewegungen auf den 13 Fernsehern von Wuppertal verhieß Paik nicht weniger, als dem alten Traum der Mystiker nahe zu kommen: Der stetig in eine Richtung fließenden Zeit ein Schnippchen zu schlagen und der Ewigkeit gewahr zu werden.