29. Dez 2005 07:21
Die 68er träumten von einer sozialen Plastik und nahmen Drogen, deren Auswirkungen sie noch nicht beurteilen konnten. Zweiter Teil des Interviews mit Bernd Cailloux.
Durch die drei Freunde entsteht Wärme, die schafft Bewegung, also die Gruppe oder Firma Muße-Gesellschaft, und der muss man eine Form geben, das war das Modell, und darum geht’s immer noch. Das wahre Kapital ist eben nicht das Geld. Beuys ging ja gegen das deformierte Menschenbild des Materialismus an – also, der Mann kann jederzeit wiederkommen.Netzeitung: Wie weit war man denn 68 mit der sexuellen Befreiung?
Cailloux: Nicht sehr weit. Und das haben ja auch die Leute von der Kommune 1 selbst zugegeben: Das berühmte Foto mit den nackten Bewohnern vor der Wand, das war für die Presse gestellt. Uschi Obermaier war ein tolles Groupie, aber die Hippiemädchen waren natürlich alle erst mal sehr befangen.
Die hatten genug damit zu tun, auf sich zu achten und mit ihrer neuen bewusstseinsmäßigen Ausstattung klarzukommen. Also wurden auch in der K1 nicht jede Nacht die Bettpartner getauscht. Vielleicht war das bei den amerikanischen Hippies so, die bei San Francisco auf dem Land lebten. Aber auch darüber gab es damals hier keine verlässlichen Informationen.
In Deutschland kam die Befreiung der Sexualität eigentlich erst Anfang und Mitte der Siebziger. Da hatten die Leute Bücher wie «Die Funktion des Orgasmus» von Wilhelm Reich gelesen. Anfang 68 selbst war's hier noch relativ grau, und irgendwo am Horizont leuchtete etwas Rotes.
Und auch als es in den Siebzigern dann wirklich zu den massenhaft sexuellen Vollkontakten kam, dauerte das nicht besonders lang.
Es kamen dann ja sehr schnell Frau Schwarzer und die Feministinnen, und die haben gesagt, 'Mädels, hört auf sinnlos in der Gegend herumzuvögeln, laßt euch nicht ausbeuten von diesen pseudorebellischen Kerlen, die am Ende doch was nettes Bürgerliches heiraten werden.
Netzeitung: Der Drogenkonsum, den Sie ja ausführlich beschreiben, ist aber nicht ganz so konsequenzenlos geblieben. Der Ich-Erzähler Ihres Romans wird die Hepatitis, die er sich wohl über ein unsauberes Fixerbesteck eingefangen hat, nicht wieder los.
Cailloux: Wenn man sich in diese Zeit zurück versetzt, muss man auch einmal an die Wurzel bestimmter Dinge gehen. Dann sieht man, dass die Drogen, mit denen die Fünfzehn- bis Dreißigjährigen damals zu tun hatten, einfach noch nicht bekannt waren.
Es gab keine Warnungen. Niemand hat gesagt, 'shitrauchen gefährdet ihre geistige Gesundheit' oder 'Opium kann zu Mottenfraßnekrose führen' – das stand nirgendwo drauf. Man wusste auch nicht, dass nur ein Tropfen LSD die Gefühlswelten auf Dauer verwirren kann, weil das acid übersteigerte erotische und sexuelle Erlebnisse herbeizauberte – das war schön, aber nicht alltagstauglich.
Diese Drogen waren über die GIs oder Seeleute und Tramps ins Land gekommen und nun wurden sie von einer Art Underground-Elite aus Neugier ausprobiert. Die versprach sich davon eine existenzielle Erfahrung, eine tiefere Erkenntnis als die durchs Leben an der Oberfläche gewonnene, auch einen noch klareren Blick auf eine Gesellschaft, aus der man aussteigen wollte.
Dabei haben viele dann eine prekäre Grenze überschritten, denn bei den harten Drogen wurde es ja unerwarteterweise gefährlich. Nur ein Jahr später hätte man schon mehr gewusst. Um 1970 gab es die ersten Toten – Brian Jones, später Jimi Hendrix.
Netzeitung: Was ist denn heute von diesem Versuch der Erfahrungs- und Erlebniserweiterung übrig geblieben – Wellness?
Cailloux: Der gesamte esoterische Komplex stammt ja aus dieser Zeit und ist heute massenkompatibel geworden. Am Anfang gab es da noch eine Verbindung mit Drogen – denken Sie an die Zen-Studien von Alan Watts oder an Castaneda – die ist dann aber mehr und mehr verloren gegangen.
Der Gesundheitsgedanke hinter dem Wellness-Markt produziert heute eine gewisse Zurichtung, die auch politisch willkommen ist. Es zielt ja alles aufs Funktionieren innerhalb von Beruf und Gesellschaft. Auf der anderen Seite spielt aber auch das Lebensalter eine gewisse Rolle. Irgendwann erkennt man die Gesundheit als einen Wert. Dann braucht man sich nicht mehr dies und das reinzupfeifen wie mit zwanzig, wo einem noch alles egal ist.
Nun ist es aber auch nicht so, dass die Drogen heute einfach verschwunden sind. Der Konsum ist ja wohl kaum zurückgegangen. Es wird in einer Gesellschaft immer das Bedürfnis nach einem kontrollierten Verlust der Kontrolle geben. Und so bleiben uns die Drogen auch noch eine Weile erhalten.
Netzeitung: Man sollte dabei vielleicht auch den ökonomischen Aspekt nicht vergessen.
Cailloux: Ja natürlich. Aber, ob Sie es glauben oder nicht: In den ersten Jahren hat das Geld kaum eine Rolle gespielt. Man kam ganz leicht an alles ran. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, überhaupt einmal für Drogen bezahlt zu haben. Wahrscheinlich habe ich es getan, aber viel kann es nicht gewesen sein. Irgendwie war das Zeug for free. Jedenfalls waren Drogen damals billiger als Wellness heute.
Netzeitung: Vielleicht könnte man sagen, dass Sie an einer Archäologie dessen arbeiten, was man heute Pop nennt. Ist das nicht auch ein Gegenentwurf zur kürzlich in Deutschland so erfolgreichen Popliteratur?
Cailloux: Mir geht es um den Beginn des Popzeitalters. Also um die Quellen von dem, was die so genannte Popliteratur nur auf einer zweiten Ebene verhandelt. Immer geht es da um die Nennung von Marken, um Medien, um Clubs – das sind alles zweite Wirklichkeiten. Alles mögliche wird da relativ umstandslos eingeführt: man trinkt Champagner und frischt sich für die nächste halbe Stunde mit Koks auf.
Leute wie Stuckrad-Barre kriegen wohl erst dann etwas mit, wenn Sie selber eine Sucht am Hals haben. Da gibt es eine große Leichtfertigkeit. Und das war für mich auch ein Impuls zum Schreiben des Romans. Ich wollte an die Quellen zurück und ein bisschen zur Desillusionierung dieser Lebenshaltung beitragen, die in den Neunzigern unter dem Zeichen von Pop und New Economy so stark geworden ist.
Netzeitung: Was war denn nun das Partystroboskop – ein Erleuchtungs- oder ein Verblendungsinstrument?
Cailloux: Das Stroboskop war und ist noch immer nur ein Instrument der Lichtdekoration. Ein Detail im stark aufkommenden Showgeschäft. Das Jahrzehnt selbst aber – das war erleuchtend. Also die Zeit von Mitte 60 bis Mitte 70. Und natürlich: für manche gab es einen gewissen Verblendungsanteil.
Das hängt auch davon ab, über wen man spricht – ob es also um Langhans und Dutschke oder um Rabehl und Mahler geht. Die 68er waren eben keine homogene Gruppe. Übrigens glaube ich, dass es heute – im weißen Rauschen des überhellen Raums - eine stärkere Verblendung gibt als damals.
Heute schluckt doch der Markt sogar die Ideen, die auf Veränderung zielen. Heute dienen Musik und wildes Licht als Abwehrzauber gegen die rauhe, total ökonomisierte Gesellschaft, gegen das Gefühl der Vereinzelung – eine Illusion, klar.
Mich aber interessiert noch immer die den Roman antreibende Sehnsucht – diese unvergängliche Sehnsucht nach der großen gemeinschaftlichen und verändernden Tat. Ich hoffe, dass die Dreißigjährigen von heute das wieder spüren, und dass sie ein ähnliches Unbehagen empfinden, wie wir es damals hatten.
Bernd Cailloux: Das Geschäftsjahr 1968/69. Roman. edition suhrkamp 2005, 254 Seiten, 10 Euro
Mit Bernd Cailloux sprach Ronald Düker.