Die neue Lust auf Bio:
Schöner leben in A+++
24. Apr 2008 14:58, ergänzt 14:59
 |  Die 'grüne' Madonna auf der 'Vanity Fair' | Foto: Promo |
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Lohas, neue Ökos und grüne Yuppies: «Öko 2.0» vereint Glamour und ein gutes Gewissen, dazu locken neue Absatzmärkte. Doch was in den USA funktioniert, könnte in Deutschland floppen, glaubt
Kerstin Rottmann.
Geiz ist geil, aber Bio ist besser – so kurz und prägnant könnte man die Hoffnungen der deutschen Wirtschaft auf neue Absätzmärkte beschreiben. Die neue Lizenz zum Gelddrucken verbirgt sich dabei hinter einer Abkürzung, die schon so manchen Marketingstrategen zunächst in die Verzweifelung getrieben haben dürfte. «Lohas» heißt die neu ausgemachte Konsumentengruppe, Menschen also, die einen «Lifestyle aus Health und Sustainability» pflegen.
Zu deutsch heißt das etwa «sich ausrichten auf ein Leben in Gesundheit und Nachhaltigkeit». Aha, aber Sie verstehen trotzdem nur Bahnhof? Genau, dachte sich da auch eine Firma mit dem viel versprechenden Namen «Zukunftsinstitut GmbH» und entwarf den «Crash Kurs Lohas». In nur 60 Minuten, so verspricht es der Werbetext, werden die Käufer der CD mit einer 76-seitigen animierten Powerpoint-Präsentation «fit» gemacht für die neue «Powerzielgruppe». Wer dann noch die abschließend gestellten 20 Testfragen richtig beantwortet, der weiß endlich, wie der neue «Green Lifestyle» fürs Marketing genutzt werden kann. Öko ist schließlich in, und bekanntlich stets ein bisschen teurer ausgepreist. Da lohnt es sich also, mit den «Lohas» ins Geschäft zu kommen.
Kalifornien als Vorreiter
Ein Trend, der, wie auch die sperrige Abkürzung «Loha», aus den USA kommt. Längst wissen nicht nur die Leser diverser Klatschblätter, dass besonders die Promis in Kalifornien besonders umweltbewusst leben. Dort wimmelt es angeblich nur so von Hybridautos und Öko-Supermarktketten, Yoga-Lehrern und Natur-Kosmetik-Shops. Leonardo DiCaprio etwa haust neuerdings im Öko-Bambus-Apartment, während George Clooney vorzugsweise im Lexus Prius durch Hollywood düst und Uma Thurman zum Shoppen gerne Birkenstock-Sandalen trägt. Und das Magazin «Vanity Fair» veröffentlicht im Mai erneut eine «Green Issue» mit dem Schwerpunkt Öko, mit Madonna als Titelmodel. Soviel Glamour und gutes Gewissen war nie. Ganz anders Deutschland. Hier wird viel geschrieben über die neue Öko-Elite, aber wenig gelebt.
Ökostrom und Windeln
MEHR IM INTERNET: Neue Ökos im Netz |
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Anders gefragt: Ja wo sind sie denn, die urbanen Trendsetter, die ihre Kuyichi-Jeans mit einem T-Shirt von Katherine Hamnett und dem obligatorischen Flatterschal von American Apparel lässig kombinieren? Außerhalb der Großstadt Berlin dürften diese Labels wohl kaum eine signifikante Bedeutung haben. Sicher, auch die von großen Verlagshäusern gestarteten Internet-Communities wie Ivyworld oder Utopia preisen zwar fair produzierte Mode oder schöne Baumhäuser an, auch dürfen TV-Stars wie Sandra Maischberger dort den «Ökowindeltest» machen. Doch im deutschen Alltagsleben ist der «Loha-Glamour» bisher nicht so recht so angekommen, trotz sich fleißig als Ökostrom-Nutzer outender Stars wie Tobi Schlegel, Daniel Brühl oder Ursula Karven.Das, so analysiert Peter Unfried in seinem Buch «Öko. Al Gore der neue Kühlschrank und ich» liegt natürlich auch an der seit Jahrzehnten ja durchaus florierenden deutschen Umweltbewegung: Jute statt Plastik, AKW – nee. Ironie des Schicksals: Es sind jene «Nicaragua-Style»-Ökos der späten Achtziger, die bis heute all die potentiell schicken neuen «KarmaKonsumenten» verschrecken.
Wie verschrumpelte Möhren...
«Ökos», so schreibt Unfried, selbst stellvertretender Chefredakteur der linksalternativen «taz», «seien nicht nur schlecht angezogen gewesen, sondern hätten bleich und generell ungesund ausgesehen», eben fast so «unsinnlich wie die verschrumpelten Möhren, die sie für ein Vermögen verkauften». Gut, ein Vermögen lässt sich auch heutzutage im Bioladen lassen, auch wenn die mittlerweile gerne «Bio Company» heißen und zu hell-bunten Lifestyle-Supermärkten mutiert sind. Dennoch tut sich auch Unfried bei seiner amüsant protokollierten Verwandlung in einen umweltbewussteren Zeitgenossen zunächst schwer. Dabei hakt es vielleicht nur an der medialen Vermittlung? In einem Land, in dem «Kunde König» stets mehr für's Motoren- als für's Speiseöl ausgeben will, muss die Umstellung auf Ökologie und Nachhaltigkeit halt einfach anders verkauft werden. «Vorsprung durch Technik» könnte auch hier der Slogan lauten. Autor Unfried etwa begeistert sich auch erst dann nachhaltig für den Klimaschutz, als er – typisch deutsch – mit einem Wunderwerk an Automobil konfrontiert wird - einem Audi nämlich, der nur drei Liter pro Kilometer braucht. Fortan wird jede Fahrt für Unfried zum Erlebnis. Den Blick fest aufs Armaturenbrett und die Spritverbrauchsanzeige geheftet, fährt der Autor auch mental in ein neues Leben.
Schneller, weiter, verbrauchsärmer
Fortan rüstet er – und das tun wir Deutschen ja bekanntlich alle gerne – die hauseigene technische Gerätschaft auf und steigert gleichzeitig die eigene Öko-Effizienz. Ein Kühlschrank der Energiesparklasse A +++ etwa sorgt für's nächste Wow im Hause Unfried, denn neben dem guten Gewissen freut man sich auch über die fortan niedrigere Stromrechnung. Geiz ist geil, und bald auch öko?! Ja, vielleicht ist das der Ansatz, an dem in Deutschland, dem Paradies der Discounterkultur, die ökologische Umgestaltung vermittelbar werden kann. Kleinere Distinktionserfolge und Shopping-Freuden sind dabei natürlich nach wie vor möglich.
Unfried etwa verweist auf seinen Bruder Martin, der als «Ökosex»-Aktivist mit einer gleichnamigen Kolumne in der «taz» zum Umdenken aufruft. Der ziehe in Fernseh-Diskussionen schon mal Fotos aus der Tasche und knalle sie wie in einem legendären TV-Werbespot auf den Tisch: «Mein Dreiliter-Lupo, mein Photovoltaik-Dach, mein holländisches Dreierfahrrad, mit dem ich die Kinder in die Schule fahre.» Was, Sie kennen diese tollen Dreierfahrräder etwa noch nicht? Hallo, Ihr Loha-Powerzielgruppen-Beschwörer - bitte übernehmt Ihr das! Peter Unfried: Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich. Dumont Verlag