Nackt und doch angezogen
Der Erfinder Louis Réard wusste, dass er gesellschaftlichen Sprengstoff geschaffen hatte: An diesem Mittwoch vor 60 Jahren präsentierte er der erstaunten Weltöffentlichkeit den ersten Bikini - benannt nach dem Pazifik-Atoll, an dem die USA vier Tage zuvor eine Atombombe getestet hatten. Der knappe Zweiteiler, gezeigt von einer Striptease-Tänzerin in einem Pariser Schwimmbad, ließ Moralisten in aller Welt vor Zorn und Scham erröten. Die Pariser Models hatten sich geweigert, die wenige Quadratzentimeter großen Stoff-Dreiecke anzuziehen, die nur durch Schnüre verbunden waren.
1946 waren die winzigen Textil-Dreiecke noch ein Skandal: «Plötzlich kam Micheline Bernardini mit dem Bikini-Badeanzug hervor, und alles hielt den Atem an. Es war so unerwartet, als wenn wir auf einen anderen Planeten gebracht worden wären», notierte damals ein Journalist. Keine zwei Wochen nach dem weltweiten Publicity-Erfolg beantragte der Maschinenbau-Ingenieur Réard Marken- und Patentschutz für das Modestück mit dem geringen Textilbedarf.
Sogar das liberale Frankreich tat sich bis zu Brigitte Bardots öffentlichen Bikini-Bekenntnissen mit dem Bikini schwer: Noch 1948 ließ der Bürgermeister von Biarritz per öffentlicher Bekanntmachung das Tragen der Zweiteiler an den Stränden der Stadt untersagen. Der Spagat zwischen «nackt» und doch «angezogen» erhitzte die Gemüter zu sehr.
Bikini-Schöpfer Réard starb 1984 in der Schweiz. Der wirtschaftliche Erfolg währte für ihn nur wenige Jahre, dann wurde seine Kreation weltweit hemmungslos kopiert.(dpa)

