netzeitung.deSonnenbrillen: Ohne Tönung läuft diesen Sommer nichts

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Bulgari Sonnenbrillen (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Bulgari Sonnenbrillen
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Rahmenlos, hellgetönt und zart verspiegelt sind die neuen Sonnenbrillen - Glamour-Leichtmodelle für Balztänze im Sonnenschein.

Eigentlich ist die Sonnenbrille ein schnöder Gebrauchsgegenstand, ein Sommer-Standard. Wären da nicht berühmte Vorbilder wie die coole Macho-Brille des New Yorker Privatdetektivs Shaft, die bei keiner Prügelei verrutscht oder die dunkle, große Golightly-Brille aus «Frühstück bei Tiffany», die Hollys Verletzlichkeit verbirgt und als Selbstbehauptung tarnt.

Hinter solchen Brillen wird man zur Ikone - das wusste auch die millionenschwere Kunst-Mäzenin Peggy Guggenheim. Fotografieren ließ sie sich mit einem XXL-Modell, überdimensional wie ihre Perlenkette, darüber thront nur noch die Kunst. Demonstration von Macht und Provokation, Ausdruck einer Frau, die sich alle Freiheiten leisten konnte, auch sexuell. Auf die Frage, wieviele Ehemänner sie gehabt habe, lautete ihre Antwort: «Meinen Sie meine eigenen oder die von andern Frauen?»
Sex, Sport, Freiheit, Luxus
Sonnenbrillen sind Sehhilfen, aber viel mehr als das: Sie sind ein Showeffekt. «Demonstrative Verschwendung ist ein Ausdruck unseres natürlichen Drangs zum sexuellen Imponiergehabe», schreibt der US-Zoologe Richard Conniff in seinem faszinierend-amüsanten Buch «Magnaten und Primaten – Über das Imponiergehabe der Reichen».

Frauen - wie zum Beispiel Jennifer Lopez - tragen Kleider, die gegen alle Regeln der Schwerkraft und Anatomie verstoßen und nur mit Klebstoff halten, während Männer in Heißluftballons die Welt umsegeln, schreibt Conniff. Dem männlichen Breitschwanzkolibri genügt es nicht, dass sein Gefieder bunter ist als eine Brosche. 40 Sturzflüge pro Stunde führt er vor, um Weibchen und Rivalen zu beeindrucken. Die Flügel erzeugen dabei einen metallischen Klang - wie die Klingel an einem Kinderfahrrad.

Brilletragen ist einfacher – und weckt auf einen Blick ein ganzes Bündel selektionsrelevanter Assoziationen: Sexappeal, Sportlichkeit, Freiheit, Luxus und Genuss. Mit der richtigen Gravur im Bügel ist die Sonnenbrille außerdem ein zuverlässiges Erkennungszeichen für die Elite - verschafft Sekunden-Gewissheit, wer dazugehört und wer nicht.

Luxuslabel aus Italien
Deshalb kümmert sich auch die Haute Couture verstärkt um die Visitenkarte im Gesicht. Stella McCartney bringt ihre erste Kollektion im April heraus – produziert wird natürlich in Italien. Dort sitzen die vier wichtigsten Brillen-Hersteller: Gruppo Marcolin, Luxottica (Chanel, Bulgari, Ray-Ban, Killer Loop, Versace), De Rigo (Etro, La Perla) und Safilo (Gucci, Dior, Pierre Cardin, Armani).

Allein 52 Prozent der weltweiten Lizenzen auf dem Brillen-Markt werden in Italien produziert. Vor allem für Luxuslabel ist die eigene Sonnenbrillen-Kollektion ein lukratives Zusatzgeschäft. Sogar Porsche, Jaguar und Montblanc entwerfen eigene Linien. «Es ist ein Spezialmarkt, der noch nicht gesättigt ist», sagt Safilo-Präsident Vittorio Tabacchi und fügt hinzu: «Die Mode hat ihre Aufmerksamkeit dem Gesicht zugewandt und auf alles, was darauf und rundherum getragen wird.»

Rosa Blick in dunklen Zeiten
In diesem Jahr sind es vor allem bunte Scheiben. Vivienne Westwood entwarf eine futuristische Schildbrille in Pink. Wo sonst nichts rosig ist, kann es wenigstens der Blick sein – durch dezent getönte, leichte Bohrbrillen mit Acetat-, Aluminium- oder Titanbügel oder durch weiche, ovale Retro-Hornbrillen in Brombeer, Blau und Braun. Das Design von Rodenstock, Prada Sport, Versace, Diesel, Escada, Joop oder Dolce & Gabbana bedient sich stilistisch bei den 60ern, 70ern und 80ern. Meist sind es Unisex-Modelle – Einheitslook für Mann und Frau.

Porsche, Calvin Klein, Armani und Gucci haben sich vom Ray-Ban-Klassiker - der tropfenförmigen Pilotenbrille mit Goldglanz-Fassung - inspirieren lassen. Angesagt ist immer noch das Schild-Design: große, durchgehende Scheibengläser mit filigranen Fassungen, eng anliegend, beinahe wie Gletscher- oder Skibrillen, die kaum noch einen Strahl Licht ungefiltert an die Augen lassen – diesmal in modischem Pastell. Ohne Tönung läuft im Sommer nichts.

Pornoherrlicher Disco-Glamour
Die Farben der Gläser sind nicht mehr so schrill wie im vergangenen Jahr, aber weiterhin auffallend. Helles Blau, Orange, Minze geben den Ton an, aber auch Cognac, Oliv, Violett und Rosé, leicht verspiegelt - ein kühler Glamour-Look. Die Farben erinnern an die Disco-Ära, an Drogen, Schlaghosen, Tanzwettbewerbe und Trockeneis. Sie verleihen dem Träger einen Hauch Pornoherrlichkeit und Produzentenweisheit am Pool wie in «Boogie Nights», «Saturday Night Fever» oder «Studio 54».
Neuer Trend Farbverläufe
Verlaufsfarben sind der Trend der Saison, mal dezent gelb-oliv wie bei Rodenstocks sportlicher Brille mit hohen, kantigen Gläsern, mal seifenbunt schillernd wie bei Salvatore Ferragamo. Manche Sonnenbrille in Rauchgrau oder Hellgrün ist fast so transparent wie eine Lesebrille – eher Schmuck als Schutz, zumindest bei Billigbrillen ohne CE-Zeichen. Das Zertifikat garantiert, dass das schädliche, kurzwellige UV-B-Licht gefiltert wird. Dabei kommt es übrigens weniger auf die modische Tönung als auf das Glas an.
Schweißerschmuck
Was Schweißer bei der Arbeit brauchen, hat Oakley zum Trendprodukt gemacht: Grelle Iridiumgläser und sehr schmale, ergonomische Polycarbonat-Rahmen sind das Markenzeichen der Kult-Firma aus Kalifornien. Sie hat sich auf Sportbrillen spezialisiert, die auch Anni Friesinger oder Michael Jordan tragen. Ihr Hauptquartier gleicht einer futuristischen Festung, auf dem Dach weht eine Totenkopf-Flagge. 600 Patente stammen aus der Design-Zentrale. 60 Prozent des Umsatzes verdient Oakley mit Brillen. Der letzte Hype war ein Modell ohne Bügel.
Trend-Götter aus Kalifornien
«OvertheTop» heißt die Brille und sitzt nicht auf den Ohren, sondern wird über den Schädel geschnallt, vom Stirn- bis zum Hinterhauptbein. Mit dem spacigen «Headgear» wird jeder Träger auf der Piste zum starräugigen Außerirdischen. Oakley will auffallen um jeden Preis, und das spricht nicht nur Kick-, Surf- und Snowboarder an. In diesem Jahr brachten die Kalifornier für rund 300 Euro «Switch», die erste Brille aus Magnesium, auf den Markt, ultraleichtes Material, das bisher vor allem im Weltall getragen wird.
Nobel as nobel can
Aber auch exklusive Brillen sind ein profitabler Markt. Valentino hat eine limitierte Edition von 2000 goldenen Sonnenbrillen aufgelegt. In jeden Rahmen wurden von Hand 150 Swarovski-Kristalle einsetzt. Cartier verkauft für etwa 620 Euro Schmuckbrillen mit Saphir- und Amethystbesatz. Auch Fendi entwirft funkelnden Sonnenschutz mit juwelenbesetzten Rahmen. Damit es in den Liegestühlen in Aspen, St. Moritz oder Cannes schön glitzert.
Lästige Nachahmer abschütteln
Reiche Menschen, schreibt US-Zoologe Conniff, bestreiten in der Regel, dass es einen Wettbewerb untereinander gibt. Dabei sei der Imponierdrang völlig natürlich. Tiere lieben selbst in Gefahr spektakuläre Auftritte: Antilopen vollführen, von hungrigen Geparden gejagt, akrobatische Luftsprünge anstatt einfach davonzurennen, und selbst bescheidene Guppy-Fischchen wedeln vor der Nase ihres Jägers hin und her, bevor sie in die Tiefe schießen: Das lockt Weibchen an und schlägt Rivalen in die Flucht.

Tiere folgen Ritualen, um andere zu beeindrucken, Menschen entwickeln immer neue Codes, schreibt der Zoologe. Bei reichen Menschen sei statt plumpem Prahlen subtile Extravaganz gefragt, eine Mischung aus Verbergen und Präsentieren. Diskrete Zeichen zu setzen, sei schon deshalb notwendig, um lästige Nachahmer abzuschütteln, die teuer erkaufte Signale billig kopieren. «Wir sind alle Würmer», hat Winston Churchill einmal gesagt und lächelnd hinzugefügt: «Aber ich glaube, ich bin ein Glühwurm.»