19.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Beth Ditto
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Kate Moss feiert mit ihr, die Designer räumen ihr die besten Plätze frei und Karl Lagerfeld nennt sie seine neue Muse: Sängerin Beth Ditto von The Gossip ist das neue It-Girl der Fashion-Victims. Ziemlich zynisch findet das Kerstin Rottmann .
Rund hundert Kilo bringt sie auf die Waage und das bei einer Körpergröße von unter 1,55 Metern: Nein, Beth Ditto ist nicht gerade das, was Normalbürger von einer Stil-Ikone erwarten würden. Dennoch ist die 28-Jährige derzeit das heißeste Ticket in der Mode- und Musikbranche. Mit ihrer Band The Gossip veröffentlicht die Sängerin, die einst im Kirchenchor sang, gerade ihr neues Album «Music for The Men».
Und wann immer die stark übergewichtige US-Amerikanerin die Modenschau eines Designers besuchen will, kann sie sich einer Platzierung in der ersten Reihe gewiss sein. So etwa im März dieses Jahres, als Ditto bei den Pariser Schauen von Alexander McQueen oder Jeremy Scott zwischen bleistiftdünnen Moderedakteurinnen saß, die dem Ziel der Kleidergröße 0 reichlich nahe sein dürften. Umgerechnet auf deutsche Maße ist das die Konfektionsgröße 32, während Ditto, die ihre barocken Formen gern in knallenge Outfits presst, wohl eher bei Größe 46 liegen dürfte. Dennoch reißen sich Designer wie etwa Karl Lagerfeld um Dittos Präsenz.
Ja zum ExhibitionismusSie sei «so ganz anders», ließ der mitteilsame Chanel-Designer verlauten, längst gilt die Gossip-Frontfrau als seine neue Muse. Höchste Weihen der Lifestyle-Presse erhielt die Sängerin im Februar von der neuen britischen Szene-Zeitschrift «Love», die die nackte Ditto 2009 auf ihr erstes Cover hob. Eine Pose, die die zeigefreudige Künstlerin nachher des öfteren wiederholt hat, wenn auch mit etwas mehr Stoff am voluminösen Körper. Soviel Exhibitionismus kommt im Showbusiness an.
Auch Model Kate Moss zeigt sich gerne und oft mit der feierfreudigen Musikerin, die 2006 auf der Liste der «coolsten Menschen» der britischen Musikzeitschrift NME auftauchte und seitdem einen einzigartigen Siegeszug auch in den Feuilletons angetreten hat. «Beth Ditto ist die Natalie Imbruglia des Pop», höhnte einzig noch der «Guardian» und spielte darauf an, dass die Band es schaffe, mit einem einzigen Hit («Standing in The Way of Control»/2005) so lange im Geschäft zu bleiben. Wenig später strich das Blatt die Segel und gab der «unkonventionellen» Sil-Ikone eine eigene Kolumne.
Ja zum AchselhaarUnter dem Titel «Was würde Beth Ditto tun?» gibt die 28-Jährige nun beispielsweise Tipps für den Friseurbesuch. Dass sie lesbisch ist, weder Deodorant benutzt und sich auch nicht die Achselhaare entfernt, dürfte allerdings die wenigsten ihrer Leserinnen mit der Kolumnistin gemein haben.
Ohnehin drängt sich bei näherer Betrachtung des grassierenden Ditto-Kults doch schnell ein übler Beigeschmack auf. Ein «Feigenblatt» sei die 28-Jährige, empörte sich unlängst der britische GQ-Jorunalist Alex Blimes in seinem Blog, benutzt von einer Modeindustrie, die sich so gegen den Vorwurf wehre, nur dünne Menschen und Models zu promoten.
Seht her, wie tolerant wir sind! - das sei der Subtext, den die vielen Texte und Fotos über Ditto transportieren würden. Tatsächlich jedoch folgt der Hype um eine schon krankhaft übergewichtige Frau demselben Prinzip, das die Modeindustrie seit Jahren perfektioniert - das der Extreme. Nicht eine Frau, die fülliger ist - so wie etwa Model Sophie Dahl, die vor neun Jahren kurz als Sensation galt - sondern schlicht fett ist, wird als Gegenpol zu den überdurchschnittlich dünnen Models der Branche aufgebaut. Wie sehr der Trend allen Beteuerungen gegen «Magermodels» zum Trotz zu immer schlankeren Körpern geht, verdeutlichte jüngst die britische «Vogue»-Chefin Alexandra Shuleman, die in einem Brief beklagte, mit welchen Problemen ihre Redaktion zu kämpfen habe.
Noch nicht einmal die Berufsmodels würden mittlerweile in die kleinen Größen der Modehäuser passen, beklagte Shuleman in dem via die «Times» publik gemachten Schreiben an die Häuser Chanel, Versace und Prada. Bizarrer Höhepunkt einer bizarren Entwicklung - ihre Mitarbeiter, so Shuleman weiter, müssten mittlerweile die Models auf den Modefotos mittels Computernachbearbeitung künstlich «verdicken», damit die Bilder nicht so erschreckend aussähen. Wie ernst es die Modeindustrie mit ihrer neuen Stil-Ikone meint, zeigt denn auch, welche Firma sich auf Dauer dem modischen Talenten von Beth Ditto angenommen hat.
Demnächst wird die junge Frau aus Arkansas nämlich selbst als Designerin aktiv. Aber nicht für die sie hofierenden Häuser Chanel, Versace oder Prada, sondern schlicht und einfach für die britische Modekette «Evans», die bisher mit biederer Damenmode für übergewichtige Damen auf sich aufmerksam machte. Auf der Website von «Evans» wird Mode in den Größen 14 - 32 beworben - sprich, es geht ab der deutschen Größe 42 los. Glamour sieht auch in Zukunft anders aus.
Das neue Album von The Gossip «Music for Men» erscheint am 19. Juni.