25.05.2009
Herausgeber: netzeitung.de
'Karl Lagerfeld und Ich' - Autor Maillard und der Modemacher auf dem Buchcover
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Merci Karl» hieß ein französisches «Enthüllungsbuch» über Karl Lagerfeld, indem ein Ex-Assistent sich nur beschränkt dankbar zeigte. Nun liegt das Buch auf Deutsch vor, inklusive bizarrer Details auch aus dem Alltag des Designers.
Wohl kaum jemand in der internationalen Modewelt inszeniert sich so gekonnt als Kunstfigur wie Karl Lagerfeld. Nun sieht sich der 75-Jährige, der manchmal behauptet, fünf Jahre jünger zu sein, auch mit der deutschsprachigen Version des sogenannten Enthüllungsbuches «Karl Lagerfeld und ich» konfrontiert (2007 in Frankreich als «Merci Karl!» erschienen). Der Franzose Arnaud Maillard - lange Zeit rechte Hand des Designers - plaudert darin aus dem Nähkästchen. Ein Muss für Lagerfeld-Fans - und Feinde.
Das im Zusammenhang mit Lagerfeld viel benutzte Wort «Modezar» deutet schon an wie es im Umfeld von «Kaiser Karl» zugeht. Ja, der Couturier kann eitel, sehr launisch und despotisch sein. Der 37-jährige Maillard schildert den Narzissmus seines Ex-Chefs über viele Seiten im Detail. Er erzählt, wie schnell der Cola-Light-Süchtige (aber nur mit Kohlensäure und Eis!) Menschen fallenlassen kann, wie er herrscht, aber auch wie großzügig und freundlich er sein kann - trotz aller immer wieder zur Schau gestellten Unnahbarkeit.
«Das sind wirklich Sie?»Lagerfeld, der als Industriellen-Sohn («Glücksklee») sein ganzes Leben lang wohlhabend war, erscheint in «Lagerfeld und ich» als eine Art erwachsenes Kind, als jemand, der sich selbst als Puppe sieht. Im 10. der 13 chronologisch aufgebauten Kapitel erzählt Maillard etwa eine Begebenheit aus dem Jahr 2001.
Der Modeschöpfer habe ihm einen Umschlag gereicht: «Darin liegt ein etwas unscharfes Polaroidbild. Sieht aus wie Albert Einstein. Aber nein, wenn man genauer hinschaut, erkennt man... natürlich, das ist Karl! Ohne Brille, ohne Zopf, ohne Schminke. Seine struppigen grauen Haare stehen in alle Richtungen vom Kopf ab. Er ähnelt eher einem verrückten Wissenschaftler als einer Ikone der Modewelt. Ich pruste vor Lachen. «Das sind wirklich Sie?» - «Aber ja, mein Lieber. Es ist jeden Morgen das Gleiche. Was glaubst du, wie lange man da Hand anlegen muss, bis die Marionette sich sehen lassen kann!»»
Die Gabe zum GeldmachenFür Maillard ist Lagerfeld, bei dem er spätestens mit dem Buch in Ungnade fiel, nach wie vor ein Idol - ein Genie, das aus fast allem Geld machen kann. Besonders eindrucksvoll stellt er das am Beispiel der H&M-Kollektion dar, die Lagerfelds Entourage im Jahr 2004 entwarf. So ganz nebenbei wird so das millionenschwere Mode-Business anschaulich erklärt, inklusive Glossar am Schluss. Auch als Talkshow-Gast und Schnellsprecher ist Lagerfeld unschlagbar.
Der Kolumnist Harald Martenstein («Zeit Magazin») beschrieb ihn vor ein paar Jahren mal als «einen dürren, lederhäutigen Mann mit Pferdeschwanz», der «wirr» rede, «dies aber auf geistig anregende Weise». Sein typisches Verhalten: «Mit dem Gesichtsausdruck eines Leguans» geradeaus starren und dabei verächtlich den «Schildkrötenhals» zucken lassen. Dieser, aber auch viele andere Berichte lassen Lagerfeld immer weniger als Menschen denn als Karikatur seiner selbst, als Marke, erscheinen. Auch Maillards Buch ist eigentlich mehr Markenwerbung als Abrechnung. Es passt bestens in den Mythos und das Bild, das der Designer sowieso höchst professionell von sich zeichnet. Lagerfeld könnte Maillard, wenn er diese Regung denn kennt, einfach nur dankbar sein. (nz/Gregor Tholl, dpa)
Arnaud Maillard: Karl Lagerfeld und ich. 15 Jahre an der Seite des Modezaren, 256 S., Euro 9,95 Wilhelm Heyne Verlag, München.