High-End-Kollektion von der Stange: Tragbarer «Hiroshima-Chic» bei H&M14. Nov 2008 11:18  |  Großen Andrang gab es auch bei H&M auf der Fifth Avenue in New York | Foto: AP |
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Nach einer Viertelstunde war fast alles weg: Im Rahmen der nunmehr fünften Designerkooperation hängt bei H&M nun die Mode von Comme des Garçons. Carmen Böker hat sich in Berlin in den Tumult gestürzt.
Es wirkte nicht ganz so tumultuös wie in Tokio, aber Zerrereien um Trenchcoats kamen durchaus vor. Das Unternehmen Hennes und Mauritz hat im fünften Herbst eine High-End-Designerkollektion auf den Markt gebracht. In Japan war sie schon letzten Sonnabend zu haben, wofür sich wahre Fans bereits drei Tage vorher anstellten. Seit gestern gibt es die Modelle von Comme des Garçons auch hierzulande - falls ein Rücklauf stattgefunden hat. In einer Berliner Filiale war nach einer Viertelstunde fast alles weggeschnappt.
Comme des Garçons ist das Label von Rei Kawakubo, 66, die als Hohepriesterin der Avantgarde gilt und Entwerfen als «Übung im Leiden» ansieht. Für H&M war es vielleicht nicht sooo schmerzhaft, denn wie ihre Kooperations-Vorgänger Karl Lagerfeld (2004 der erste), Stella McCartney, Viktor & Rolf und Roberto Cavalli stellte Kawakubo ein «Best of» ihres Schaffens zusammen: Schwarze Oberbekleidung aus Gabardine und Wolle, klassisch wie eine Uniform und verrückt nur in wenigen asymmetrischen Details, ergänzt um artig Getupftes für die Dame und den Herrn, auch in Bordeauxrot und Marineblau. Die Preise liegen zwischen 19,90 Euro für T-Shirts und 299 Euro für ein Mantelkleid mit Gothic-Rüschen.
Tragbar, harmlos, zeitgemäß
Was man in die Finger bekam, wirkte tragbar, harmlos, zeitgemäß. Etwas Schlimmeres kann man der Designerin vermutlich kaum sagen. Schließlich hat die Autodidaktin genau das entgegengesetzte Ziel: die Erschaffung einer Anti-Mode. Kawakubo, die Kunst und Literatur studiert hat, gründete 1973 ihre Firma, 1981 zeigte sie ihre Mode erstmals bei den Pariser Schauen. Und zwar keine Angeber-Kostüme für Powerfrauen oder Abendfetzchen für Körperkult-Anhänger: Kawakubo ließ Frauen in formlosen, fadenscheinigen Gewändern darben, formulierte eine radikale Ästhetik der Armut. Das Publikum reagierte geschockt auf den «Hiroshima-Chic».Rei Kawakubo hat sich oft auf Schwarz beschränkt. Doch in der Monotonie dieser Farbe sind eine Vielzahl von Texturen und Tönen zu entdecken. Die als Schlampigkeit geziehenen Laufmaschen oder die unversäuberten Schnittkanten spiegeln ebenfalls die Geschmacksschule ihrer Heimat wider, die Unregelmäßigkeiten als individuelles Ergebnis eines Schaffensprozesses schätzt. Während also Unkundige über die Löcher meckern, schwärmt Kawakubo von den Schwierigkeiten, eine Schraube an der Strickmaschine zu lockern.
 |  Comme des Garçons für H&M | Foto: H&M |
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Einen ähnlichen Ost-West-Konflikt lösen auch die Silhouetten von Comme des Garçons aus. Sie werden aus geraden Einzelteilen zusammengefügt, so wie ein Kimono aus einer immer gleich breiten und langen Stoffbahn entsteht. Das Ergebnis ist keine die weiblichen Formen akzentuierende zweite Haut, sondern ein Stoffzylinder, der den Körper abstrakt verpackt. Auch Kissen werden eingesetzt, um Proportionen bucklig zu verzerren. Durch japanische Designer wie Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto ist Mode vor einem Vierteljahrhundert endgültig zur intellektuellen Angelegenheit geworden, zur Skulptur, die unabhängig von der Trägerin existiert. Diese Hingabe an eine höhere Idee vermag man nicht immer aufzubringen. Wie Suzy Menkes, die Modekritikerin des International Herald Tribune, einmal sagte: «Vom Kopf her fühle ich mich zu den Japanern hingezogen, aber die Franzosen können meinen Körper zum Anziehen haben.»Mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung».
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