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Die Suche nach Madeleine McCann: 

Die trügerische Illusion der Sicherheit

02. Mai 2008 14:25
Seit einem Jahr vermisst: Madeleine McCann
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«Maddie» ist verschwunden, und das schon seit einem Jahr. Längst ist das Bild des Mädchens Teil der weltweiten Populärkultur geworden. Dennoch berührt ihr Anblick noch immer jeden, der eigene Kinder hat – denn er erinnert an die Risiken jedes elterlichen Daseins, findet Kerstin Rottmann.

Gesehen haben wollen sie viele. Touristen in Marokko meldeten sich, andere Augenzeugen berichteten von Begegnungen in Portugal. Dazu Fotos, unscharf zumeist, Schnappschüsse, verwackelte Rückenansichten von Frauen, Kindern, Frauen mit Kindern. Unlängst sorgten in Großbritannien gar Fotos aus der Großstadt London für Aufruhr, die den Fackellauf für die olympischen Spiele abbildeten. Irgendwo in der Menge war SIE zu sehen – das wohl noch immer meistgesuchte Kind in der westlichen Hemisphäre, die kleine Madeleine McCann. Doch auch diese Sichtung verlief im Sande, wie so oft. Hängen blieb diesmal nur ein ganz besonders übler Beigeschmack: Das Gesicht der mittlerweile Fünfjährigen war laut einer Internet-Nachrichtenseite nämlich per Photoshop in die Bilder eingearbeitet, und dann von einem jener «Leserreporter», auf die in Zeiten des Web 2.0 so viele Medienhäuser setzten, an einen britischen TV-Sender verschickt worden.

Kein Wunder. Längst ist das viel publizierte Gesicht des kleinen Mädchens mit den Kulleraugen Teil der weltweiten Populärkultur geworden – viel beschaut, viel kommentiert, irgendwie auch große Unterhaltung und doch letztlich schrecklich folgenlos bleibend für jeden, der sich damit beschäftigt. Ob nun die neueste Klatschgeschichte über Madonna oder eine Spur im Fall der kleinen Madeleine – «Maddie» ist eine jener Mediengeschichten geworden, über die jeder eine Meinung hat. Am kommenden Samstag dürfte der Rummel um das vermisste Kind noch einmal richtig anziehen.

Beweise? Fehlanzeige.

Genau ein Jahr ist es dann her, dass die älteste, damals vierjährige Tochter des britischen Mediziner-Ehepaares Gerry und Kate McCann aus einer Ferienanlage in Portugal verschwand. Es folgte eine der größten Suchaktionen aller Zeiten, reich an Irrungen, Wirrungen und Ungereimtheiten, in der zuletzt gar die Eltern selbst unter Verdacht gerieten. Eine echte Spur aber? Fehlanzeige, auch wenn mittlerweile schon einmal das komplette Ermittlerteam in Portugal ausgetauscht wurde. Nun, zum Jahrestag, melden sie sich alle noch einmal zu Wort. Die Eltern, die einen Gedenkgottesdienst in Liverpool planen und dort Kerzen für ihr verschwundenes Kind anzünden wollen. Der entlassene Polizeichef aus Portugal, der wieder den Verdacht auf die Eltern und insbesondere Mutter Kate lenken will. Die sei eine «kaltblütige Schauspielerin», gab Goncalo Amaral gegenüber Journalisten zu Protokoll. Beweise hierfür?

Der Hass auf die Mutter

Kate McCann neben einem Fahndungsfoto in der Zeitung 'News of the World'
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Fehlanzeige, wieder Mal. Immerhin kündigte der geschasste Ermittler bei der Gelegenheit auch an, ein Buch über den mysteriösen Kriminalfall zu planen. Sich schriftlich äußern wollen sich bald auch die Eltern, wie ihr Sprecher Clarence Mitchell nun mitteilte, und mit den Erlösen aus den Bucherkäufen ihren Fond für die Suche nach Madeleine unterstützen. Während die britischen Medien prompt über das Geld nachdenken, dass das Ehepaar aus dem mittelenglischen Rotheley damit verdienen könnte (mutmaßlich bis zu einer Million Pfund) gibt Großmutter Susan Healy im Interview mit dem «Telegraph» eine ganz anderer Erklärung für den Drang der Eltern nach Öffentlichkeit. «Ich weiß, dass sie (Tochter Kate, d. Red.) denkt, sie hätte Maddie im Stich gelassen. Deshalb versucht sie alles zu geben, um sie wiederzufinden. Nur so wird sie mit dem Gedanken fertig.» Viel ist schon geschrieben worden über Kate McCann, ein Großteil davon war von Häme, Missgunst und stereotyper Vorverurteilung geprägt. Zu schön, zu blond, zu kühl, zu gebildet, zu gut situiert, zu gut vernetzt – Vorwürfe gab es viele gegen die ehrgeizige Ärztin, der bisher alles in ihrem Leben ein bisschen besser zu gelingen schien als vielen anderen Frauen.

Nur ihre Trauer über die verschwundene Tochter, die war so gar nichts nach Meinung vieler Beobachter. Warum weint sie nicht, war eine der viel diskutierten Fragen, nicht nur in der englischen Boulevardpresse. Die Meldung, dass ihr die Ermittler sogar geraten hätten, sich möglichst wenig emotional zu zeigen, um einen eventuellen Kidnapper um seine Machtgefühle zu bringen, macht den entstandenen Imageverlust nicht mehr wett. Aber vielleicht ist die Missgunst, die den McCanns entgegenschlug, ja nur eine ganz normale menschliche Reaktion. Denn was die Familie da erlebt hat, betrifft letztlich alle Menschen mit Kindern. Wer kennt sie nicht, die Gefühle von Angst und Ohnmacht, wenn es um die Sicherheit und das körperliche Wohlergehen der eigenen Kinder geht?

Einfach mal für sich sein...

Gerry und Kate McCann während einer Pressekonferenz
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Gerade Eltern kleiner Kinder sind besonders empfänglich für alle Katastrophenszenarien dieser Welt. Was gibt es nicht alles an Bedrohlichkeiten! Angefangen von Unfällen über Krankheiten bis hin zu den ultimativen Horrorszenarien von entführten, vergewaltigten oder getöteten Kindern - die Liste an Gefahren ist lang und erschreckend. Für die große Mehrheit aller Eltern bleiben diese Ängste gottseidank ihr Leben lang nur hypothetisch. Die Verantwortung aber, die wir alle für unsere Kinder haben, die lässt sich angesichts der Medienpräsenz solcher Fälle eben nicht mehr so leicht wegdenken wie sonst. Wer kann sich nicht mit den Eltern dreier kleiner, als sehr aktiv beschriebener Kinder identifizieren, die auf einer Urlaubsreise abends noch in Ruhe mit Freunden zusammensitzen wollen? Den Wunsch nach «Erwachsenenzeit» hegen alle Eltern – die meisten geben dem auch regelmäßig nach und versuchen sich dabei so gut wie möglich abzusichern.

Eines jener bei Eltern so beliebten Babyfons haben die McCanns an jenem Abend des 3. Mai 2007 übrigens nicht benutzt. Geholfen hätte es ihnen wohl auch nicht viel mehr als die regelmäßigen Kontrollgänge, die wechselnde Teilnehmer der fröhlichen Runde in die Apartments der schlafenden Kinder unternommen haben sollen. Ob Babyfon, Babysitter, die netten Nachbarn, ja sogar die Großeltern – letztlich sind alle Netze, die sich Eltern eben so weben, wenn sie einmal für sich sein wollen, löchrig. Auch dies lehrt uns der Fall Madeleine McCann, und es ist keine angenehme Lehre.

 
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