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Kampf dem Schönheits-Terror: 

Muschis, Models und die Marktwirtschaft

12. Mrz 2008 09:41
Barbara Meier und Lena Gercke
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Was haben Heidi Klums Casting-Show und Charlotte Roches Erotik-Roman «Feuchtgebiete» gemein? Nichts, könnte man meinen. Doch wer sehen will, was die Konsumgesellschaft mit weiblichen Körpern macht, der sollte sich beide mal anschauen, empfiehlt Kerstin Rottmann.


Ernst blickt die junge Frau in die Videokamera. Unauffällig sieht sie aus, so ungeschminkt. Die Haut ist leicht fahl und unrein, die Haare hängen herab. Nur eine Minute und 13 Sekunden später aber wird diese Frau ein Werbestar sein. Wie das geht, zeigt der Werbespot «Evolution of a Model» der Kosmetikfirma Dove, der auch auf YouTube platziert ist. Ohne jeden Kommentar, nur unterlegt von leiser Klaviermusik, wird im Zeitraffer gezeigt, wie die unbekannte Frau zunächst geschminkt und gestylt wird. Anschließend wird ihr Porträt noch in einem Bildbearbeitungs-Programm geschönt. Der Hals wird verlängert, das Gesicht geschmälert, die Augen werden vergrößert. Zum Schluss blickt die junge Frau den Betrachter noch einmal an – als perfektes, gleichwohl leeres Werbegesicht am Straßenrand, angebracht auf einer großen Plakatwand. «Kein Wunder, dass unsere Körperwahrnehmung gestört ist», heißt es dann auf schwarzem Untergrund, ehe der Film endet. Schnitt.

Kampf um den Werbevertrag

Ein ähnliches Spiel lässt sich derzeit auch im deutschen Fernsehen beobachten. Und während der Werbespot von Dove in seiner Youtube-Version von gerade mal 200.000 Nutzern gesehen wurde, zieht die ungleich glamourösere Version eines kompletten «Make Overs» wöchentlich fast zwei Millionen Zuschauer an. «Germany’s Next Topmodel» heißt die TV-Sendung, die derzeit in ihre dritte Staffel geht. Moderiert von Model Heidi Klum – derzeit werblich und kommerziell so präsent wie kaum ein anderer deutscher Star - , kämpfen dort 30 junge Frauen um einen Modelvertrag. Noch sind die Teilnehmerinnen ganz am Anfang ihrer (möglichen) Karriere als Werbefläche. Denn um nichts anderes geht es bei der Sendung, deren Titel eigentlich irreführend gewählt ist. Schließlich ist nicht die Laufstegpräsentation bei den großen Haute-Couture-Schauen für die jungen Frauen das Ziel, sondern eher die Arbeit als Katalogmodell oder für Werbekampagnen. Vorjahressiegerin Barbara Meier etwa bewirbt derzeit ein Shampoo, ihre Vorgängerin Lena Gercke durfte «Chefin» Heidi Klum als Katjes-Werbefigur ersetzten und isst nun im TV an einer roten Ampel Joghurt-Gums. Doch von solchen perfekt ausgeleuchteten Shootings sind Gisele, Elena, Steffi und die anderen derzeit noch weit entfernt.

Mängelliste zum Durchklicken

Das bekommen die Frauen durchaus zu spüren: Eine große deutsche Boulevardzeitung etwa kommentierte jüngst ein Bikini-Shooting der Teilnehmerinnen kritisch, und bemängelte hängende Pos, Cellulite und Babyspeck. Die dazugehörigen «Mängel»-Fotos gab es gleich dazu als Bilderschau zum Durchklicken. Doch, und das ist ja das Faszinierende der Show, wird das Unperfekte von Sendung zu Sendung weniger. Unmerklich verändern sich die jungen Frauen. Schlecht gefärbte Haare werden umgestylt, wuchernde Augenbrauen gestutzt, radikal ausgezupfte wiederum ersetzt. Und so langsam verlieren sich auch die Eigenarten und Persönlichkeiten der Frauen hin zu jenem cleanen Model-Einheitslook, den die Jury so schätzt.

Kandidatin Gina-Lisa etwa, die mit ihren weißblond gefärbten Haaren und der dunklen Bräune wie eine toughe Sonnenbank-Barbarella aus der Shopping-Mall wirkte, wird nun schrittweise auf natürlich getrimmt und darf «nicht mehr auf den Bräter» (O-Ton Heidi Klum). Die 21-jährige Fitness-Trainern, schon ganz Profi, verkündet gleichzeitig vor der Kamera, mit dieser Kritik selbstverständlich leben zu können und sich nur «verbessern» zu wollen. Doch die Beherrschung des Frauenkörpers durch Jury und Werbeästhetik geht sogar noch weiter. Auffälliger Schmuck und Piercings sind selbstverständlich ebenfalls ein No-Go. Dabei mussten – damals noch auf Anweisung von Model-Coach Bruce Darnell - sogar die Piercings entfernt werden, die an intimeren Stellen angebracht und für die Kameras und Fotografen gar nicht zu sehen sind. Es ist ein unheimliches Schauspiel der Fremdbestimmung, das der Privatsender da Woche für Woche in die deutschen Wohnzimmer sendet.

Analsex mit Schokodip

Proteste dagegen sind nicht zu erwarten. Schließlich sendet «Germany’s Next Topmodel» derzeit clever an möglichen medienwirksamen Kontroversen vorbei. Zu junge oder zu dünne Models (Achtung, Thema Magersucht!) etwa sucht man in der aktuellen dritten Staffel vergebens. Dennoch, und auch das ist eine gute Nachricht, gibt es noch ein Leben neben der Ästhetik der Konsumgesellschaft. «Feuchtgebiete» heißt der erste Roman von TV-Moderatorin Charlotte Roche, der heftig gegen weibliche Schönheitsideale rebelliert – und es damit immerhin direkt auf Platz zwei der deutschen Bestseller-Charts geschafft hat. Roches Heldin, die 18-jährige Helen, wünscht sich wohl nichts weniger als die Teilnahme an einer Casting-Show. Hätte sie die Wahl, so würde sie sich wohl lieber zwischen Analsex (mit Schokodip) oder der Selbstbefriedigung mit Avocadokernen entscheiden. Stattdessen erholt sie sich gerade im Krankenhaus von einer OP im Analbereich.

Schuld daran: die Intimrasur

Diesen unangenehmen Eingriff wiederum hat das «frühreife Früchtchen» Helen einer missglückten Intimrasur zu verdanken. Der erotische Roman, den die 29-jährige Ex-Viva-Frau Roche explizit auch als feministische Botschaft versteht, widmet sich auf immerhin 220 Seiten in aufreizender Breite der Erkundung des weiblichen Körpers. Weibliches Smegma, suppende Säfte im Slip und Sperma, dass die Heldin nach dem Geschlechtsakt zum späteren Genuss unter’m Fingernagel trocknen lässt – Roches Buch ist wahrlich ein einziges feministisch angehauchtes «Feuchtgebiet», das sich wohl auch nicht unter den vereinten Kräften der Klum’schen Stylingkräfte trockenlegen ließe. Und genau so aufrührerisch habe sie es auch gemeint, erklärte die Mutter einer fünfjährigen Tochter denn auch in einem ihrer zahlreichen Interviews zur Buchvermarktung.

Der Hygiene- und Intimrasurwahn zahlreicher Frauen «stinkt» ihr dabei ebenso wie die verbreitete Übertünchung der eigenen Gerüche durch Deos, Parfüms und Körperlotionen. «Die meisten sind entfremdet und denken, alles Natürliche stinkt und alles Körperliche duftet», heißt es etwa an einer Stelle. Nicht Parfüm, sondern Pheromone/ sexuelle Lockstoffe seien aber für guten Sex wichtig, doziert (S)expertin Helen. Provokante Thesen wie diese gibt es zuhauf in dem Buch, das auch eine einzige Kampfansage an die Konsumkultur und ihre käuflichen Verheißungen ist. «Ich kann tatsächlich von nichts an meinem Körper die Finger lassen. Ich finde für alles eine Verwendung», heißt es in dem Roman. Und so tippt sich die junge Helen vor einem Date denn auch kein Parfüm hinter’s Ohrläppchen, um die Männer so richtig heiß zu machen, sondern lieber ein wenig Scheidenflüssigkeit.

Schäbiger Glamour

Würde das Schule machen, dann hätten auch die Produzenten des besagten Dove-Werbespots ein echtes Problem – und zwar ein Verkaufsproblem. Denn ein bisschen etwas von ihren Kosmetikprodukten müssen auch die Verfechter der »Kampagne für natürliche Schönheit« noch verkaufen, um weiterhin subversiv erscheinende Werbespots zu produzieren. Einstweilen genügt Spöttern ein letzter Blick auf’s Finale des »YouTube«-Filmchens mit dem Model – deren perfektes Photoshop-Abbild ziert nämlich eine ziemlich schäbige Straße, wie ein letzter, ernüchternder Blick der Kamera zeigt, die sich langsam wieder von dem leeren Gesicht löst.

 
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