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Wir sind Helden im Interview: 

«Man darf nicht den Schwanz einziehen»

28. Feb 2008 12:53
Wir sind Helden
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Wir sind Helden sind zurzeit mit ihrem ersten Buch auf Lesereise. Ricarda Landgrebe sprach mit den Bandmitgliedern Pola Roy und Mark Tavassol über verhasste Fragen, absurde Anglizismen und Lieblingsworte.

Mittwochabend im Berliner Kino Babylon-Kino. Alle Sitze sind belegt, sogar auf dem Fußboden haben sich Menschen zwischen sechs und 60 Jahren platziert und warten auf Wir sind Helden. Eine halbe Stunde nach geplantem Veranstaltungsbeginn stürmt die Band auf die Bühne. Judith Holofernes ruft: «Es tut uns so leid, aber wir hatten Probleme mit dem Ausdruck.»

Ausdruck, was für ein Ausdruck? Die vierköpfige Band drückt sich jetzt nicht nur durch ihre Lieder aus, sondern auch auf dem Papier. Zwischen den Buchdeckeln von «Informationen zu Toren und anderen Einzelteilen» erkären sie, wie es sich anfühlt als «angemessener Ersatz von Limp Bizkit» angekündigt zu werden oder warum man, egal wie groß man ist, im Tourbus nur klein darf. «Schön, dass ihr zu unserer Lesung gekommen seid. Doch, ganz ehrlich, wir spielen erstmal Musik.»

Holofernes hatte «eine Lesephobie»

Eigentlich sind sie ja aber «gekommen um zu lesen» und deshalb springen «die Helden» nach zwei Liedern vor die Bühne und nehmen am Lesepult Platz. Nach nur wenigen Sätzen bricht das Publikum in Gelächter aus. Das liegt jedoch nicht an der gerade gelesenen Textpassage, sondern an den privaten Bildern der Band, die per Diashow auf die Kinoleinwand projiziert werden. «Das ist genau das, was wir wollten. Ihr sollt über uns hinweg sehen.»

Immer wieder kommt es zu solchen Unterbrechungen und die Musiker berichten von amüsanten Episonden aus ihrem Leben. Auch solchen, die sie nicht aufgeschrieben haben. So berichtet die Sängerin beispielsweise von den schlaflosen Nächten ihrer Kindheit. «Drei Monate lang konnte ich abends nicht einschlafen. Das war in der Zeit als man langsam lesen können sollte. Ich hatte eine Lesephobie. Nun ja, jetzt sitze ich hier und lese aus einem Buch vor, an dem ich mitgeschrieben habe.»

Auch vor der Lesung im Babylon waren die Bandmitgleider ein wenig aufgeregt. «Das ist ja etwas völlig Neues für uns», so Schlagzeuger Pola Roy, der sich gemeinsam mit dem Bassisten Mark Tavassol die Zeit nahm, einige Fragen zu beantworten.

Netzeitung: Sie sind ja nun im wahrsten Sinne des Wortes Popliteraten.

Mark Tavassol: Stimmt, so hab ich das noch gar nicht gesehen. Für mich ist das aber auch noch gar nicht so richtig angekommen. Genauso wie der Musikerberuf in den ersten Jahren nicht wirklich präsent war. Ich bin natürlich sehr gespannt, was auf uns zukommt, aber ich denke wir werden nicht mehr Buchautoren als Musiker werden. Das ist sehr unwahrscheinlich. Wir harren der Dinge.

Pola Roy: Es ist wirklich eine neue Erfahrung zu schreiben. Wir haben natürlich alle schon mal Dinge aufgeschrieben aber es ist etwas anderes, wenn man plötzlich mit dem Bewusstsein schreibt, dass die eigenen Worte in einem Buch erscheinen, das veröffentlicht wird. Die Arbeit hat wahnsinnigen Spaß gemacht. Wir haben so gearbeitet, dass wir Sachen geschrieben haben, diese den anderen dann zugeschickt haben und die haben das dann kommentiert und dann kam wieder was zurück und so weiter. Aber eigentlich basiert das Buch auf dem Onlinetagebuch, das schon seit den Anfängen geschrieben wurde. Die konkrete Arbeit hat dann ungefähr ein Jahr gedauert.

Netzeitung: In dem Buch gibt es auch eine Passage, in der Sie über Interviews schreiben: «Die Promo-Arie ist definitiv nicht die Seite dieses Berufes, die die meiste Magie versprüht. Schnell vergisst man, wie man sich als Teenie unter der Bettdecke selbst interviewt hat.» Welche Frage können Sie nicht mehr hören?

Roy: Es ist tatsächlich die Frage nach dem Bandnamen, die nervt. Als wir eine Newcomerband waren und die ersten Interviews gegeben haben, war die Frage natürlich völlig klar. Wenn man dann aber nach der zweiten Platte einen hoch motivierten Journalisten vor sich sitzen hat, der auch total nett rüber kommt und man denkt, «Jawoll, jetzt können wir endlich über die Platte reden». Und dann sagt er, «Also, ich habe mir ja jetzt mal ernsthaft Gedanken gemacht. Wie seid ihr denn eigentlich zu eurem Bandnamen gekommen?». Dann ist man schon frustriert. Man hat die Frage schon so oft beantwortet und es gibt doch auch einfach Tausend interessantere Dinge, über die man reden kann.

Netzeitung: Welche Frage würden Sie denn gern einmal gestellt bekommen?

Roy: Hm, die ultimative Frage gibt es wahrscheinlich nicht. Und auch bei Interviews gibt es immer wieder gute Fragen. Grundsätzlich finde ich Fragen zum Entstehungsprozess sehr interessant. Also ich erkläre gern, wie wir Dinge gemacht haben.

Netzeitung: Auf welche Frage wissen Sie keine Antwort?

Tavassol: Wir versuchen immer auf alle Fragen eine Antwort zu finden. Aber was ich auch wichtig finde ist, dass egal ob man nun Schauspieler, Fußballer oder Musiker ist, bei seinen Leistungen und der eigenen Arbeit bleibt. Man sollte nicht anfangen Lösungen für eine Weltkrise vorzuschlagen. Es ist wichtig die eigene Meinung zu vertreten, denn man darf nicht den Schwanz einziehen und sagen: «Politik oder Wirtschaftsalternativen interessierren mich nicht». Trotzdem sollte man aufpassen, wie viel man wirklich zu brisanten und aktuellen Themen sagen will. Das finde ich wirklich wichtig und da kann man nicht jedem Fragenden gerecht werden oder jedem Journalisten den Gefallen tun und eine extrem brisante Antwort zu geben.

Netzeitung: Ist Schreiben die neue Erwerbsquelle für Musiker? Jens Friebe hat über 52 Wochenenden geschrieben und der Sänger von Franz Ferdinand erzählt in seinem Buch, was er auf Tour so alles gegessen hat.

Das Buch-Cover der Helden
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Roy: Wenn man nicht gerade Hape Kerkeling heißt, sind Bücher glaube ich nicht gerade die große Erwerbsquelle. Ich denke, dass es tatsächlich ein Zufall ist, dass Musiker gerade Bücher schreiben und in Deutschland ist es natürlich so, dass alle uns das nachgemacht haben und geahnt haben: «Die Helden schreiben ein Buch.» Das ist ganz klar. [lacht]

Tavassol: Es gibt einfach öfter Bücher von Musikern als von Zahnärzten. Das hat vermutlich auch etwas mit dem Menschenschlag zu tun.

Netzeitung: Sie sagen, dass «Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen» kein Fanbuch ist. Wer soll das Buch kaufen, wenn nicht Ihre Fans?

Roy: Natürlich ist es irgendwie schon ein Fanbuch. Also ein Buch für Leute, die uns und unsere Musik mögen. Gleichzeitig glauben wir in aller Bescheidenheit, dass man auch Eiblicke in das Musikgeschäft allgemein bekommen kann. Quasi am Beispiel von Wir sind Helden.

Netzeitung: In der Einleitung schreiben Sie: «Das geschriebene Wort ist zum Lernen da.» Was ist der Bildungsauftrag von «Wir sind Helden»?

Roy: Das Buch gibt einen guten Einblick in das Musikbusiness. Der Leser kann vielleicht nachvollziehen, was für ein Leben man als Band führt. Außerdem lernt er uns besser kennen.

Netzeitung: Das schlechteste Buch, das Sie bisher gelesen haben?

Tavassol: Bücher, die ich schlecht fand, habe ich nie zu Ende gelesen. Es wäre unfair jetzt zu sagen, dass die schlecht sind.

Netzeitung: Pola Roy, lesen Sie Ihrem kleinen Sohn Bücher vor?

Roy: Der hat Bilderbücher und das ist dann mehr so «Quak, quak, piep, piep und mäh, mäh». Aber er fängt jetzt an, Bücher anzuschleppen. Er hält die Bücher hin und dann muss man lesen.

Netzeitung: Was ist schwerer, einen Songtext oder ein Buch zu schreiben?

Tavassol: Ich glaube, es ist schwerer Songtexte zu schreiben. Das Buch gibt einem mehr Möglichkeiten sich durch eine Geschichte nachvollziehbar zu machen. Sicherlich ist es zeitaufwendiger ein Buch zu schreiben und viele Leute würden mir jetzt wiedersprechen und sagen, «Du spinnst! Songtexte zu schreiben ist doch viel einfacher», aber ich denke, dass gerade ein deutscher Songtext, der nicht Schlager ist und auch sonst keine Fremdschäm-Momente auslöst, nicht zu unterschätzen ist.

Netzeitung: Am Ende des Buches findet man ein Glossar mit absurden Anglizismen und anderen Seltsamkeiten. Was ist Ihr persönliches Musik-Unwort?

Roy: Ich finde es furchtbar, wenn in der Musikbranche von «Einheiten» gesprochen wird. Man sagt dann nicht mehr: «Die haben 10.000 Plattten verkauft, sondern die haben jetzt 10.000 Einheiten verkauft.» Das geht einfach so gar nicht.

Tavassol: Ein schönes Beispiel ist auch der sogenannte «GSA». Man meint damit «Germany, Switzerland, Austria» und da kommt es zu diesem Paradoxum, dass im deutschsprachigen Raum deutschsprachige Mitarbeiter über eine deutsche Platte quatschen und die Ausbreitung im deutschsprachigen Raum gemeint ist und die Leute sprechen von «GSA». Das ist halt einfach ein Angliszismus, wie er im Buche steht.

Netzeitung: Jetzt bitte «Nur ein Wort» [Titel eines Helden-Songs]. Ihr Liebstes?

Tavassol: Oh, ein schönes Wort ist «leicht», weil es zwei Bedeutungen hat und einfach phonetisch sehr schön ist.

Roy: Mensch Mark, das war jetzt aber mehr als nur ein Wort. Ich halte mich an die Regeln und sage nur «Freude».

Mit Pola Roy und Mark Tavassol sprach Ricarda Landgrebe

Wir sind Helden: «Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen. Ein Wir sind Helden-Tagebuch»; 416 Seiten, Fischer Taschenbuch Verlag.

 
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