«Schwanz-ab-Schwarzer» war einmal
03. Dez 2007 09:08
 |  Alice Schwarzer | Foto: dpa |
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Vor rund 30 Jahren wurde Alice Schwarzer zur «Emanzipations-Queen», seither kämpft sie gegen den «kleinen Unterschied». Deutschlands berühmteste Frauenrechtlerin wird 65.
Alice und Emma - diese beiden Namen gehören in Deutschland fest zusammen. Vor inzwischen fast 31 Jahren war die Geburtsstunde des feministischen Frauenmagazins «Emma», dessen «Mutter» Alice Schwarzer feiert nun am 3. Dezember ihren 65. Geburtstag. In der Öffentlichkeit ist Schwarzer nicht mehr so präsent wie früher, aber nach wie vor gilt sie als Ikone der Frauenbewegung in Deutschland. 1971 hörte die deutsche Öffentlichkeit erstmals von Alice Schwarzer: Damals ließ die in Paris lebende 28-jährige Journalistin nach französischem Vorbild im «Stern» 374 zum Teil prominente Frauen bekennen: «Ich habe abgetrieben». 1974 kehrte sie wieder nach Deutschland zurück und wurde ein Jahr später durch ihren Schlagabtausch mit der Antifeministin Esther Vilar schlagartig als «Emanzipations-Queen» bekannt. Schwarzers Buch «Der kleine Unterschied und seine Folgen», das den Alltag gewöhnlicher Frauen und die Rolle der Sexualität im Machtkampf der Geschlechter zeigte, wurde ein Riesenerfolg und löste eine heftige gesellschaftliche Kontroverse aus.
Fortan galt Schwarzer vereinfachend als «Männerhasserin» und wurde mit hämischer Polemik weit unter der Gürtellinie überschüttet. In ihrem Kampf gegen die Degradierung von Frauen zu bloßen Sexualobjekten, der unter anderem 1978 zu einer Klage gegen die Titelbilder des «Sterns» führte, wurde sie öffentlich als «frustrierte Tucke» oder «Nachteule mit dem Sex einer Straßenlaterne» beschimpft. Stellvertretend für die Gesamtheit der Frauen bezog Schwarzer die Prügel, die Teile einer verunsicherten Männergesellschaft beim vergeblichen Versuch austeilten, das Aufbrechen überkommener Strukturen zu verhindern. 1977 gründete Schwarzer die Zeitschrift «Emma», die nicht nur eine feministische Sicht der Welt zeigen sollte, sondern auch «ein Stück anderen, aufklärerischen Journalismus». Immer wieder sorgte die bis heute erfolgreiche Zeitschrift für Aufsehen, etwa mit einer Anti-Porno-Kampagne, in deren Verlauf es auch zu einem Prozess um die Bilder von Helmut Newton kam, die Schwarzer als sexistisch, faschistisch und rassistisch charakterisierte.
Vorbild für Anke Engelke und Charlotte Roche
36 Jahre nach ihrem ersten öffentlichen Erscheinen hat sich Schwarzers Auftreten erstaunlich gewandelt. Die inzwischen mit dem Bundesverdienstkreuz Geadelte wurde immer weniger als «Schwanz-ab-Schwarzer» gefürchtet, denn als Medienliebling herumgereicht. Wegen ihrer Schlagfertigkeit und Eloquenz wurde sie zum gern gesehenen Gast bei Talkshows, sie schäkerte mit Ex-Torwart Sepp Maier im TV-Rateteam von Joachim Fuchsberger und winkte beim Kölner Rosenmontagszug vom Wagen. Dafür musste sich Schwarzer Kritik aus den eigenen Reihen stellen: 1998 erschien eine nicht autorisierte Schwarzer-Biografie der «tageszeitung»-Chefredakteurin Bascha Mika, in der Weggefährtinnen Schwarzers mangelnde Kritikfähigkeit beklagen. Persönliche Kritik an ihrem Führungsstil werde als Generalangriff auf die Frauenbewegung missgedeutet, hieß es. Dabei sei Schwarzer ein «Macho im Rock» mit einem teilweise menschenverachtenden Umgang mit Mitarbeiterinnen. «Ich entbehre nicht autoritärer Züge», räumte die Kritisierte ein. Auch werde sie mit den Jahren empfindlicher gegen Kritik.
Schwarzer gegen Eva Hermann und das Kopftuch
In den vergangenen Jahren ist es ruhiger um die Frauenrechtlerin geworden, die sich aber weiter zu Wort meldet, wenn etwa Eva Herman umstrittene Thesen gegen die Emanzipation vom Stapel lässt. Zudem kämpft sie jetzt gegen das muslimische Kopftuch: So zog sie gegen die Lehrerin Fereshta Ludin zu Felde, die für ihr Recht auf Unterrichten mit Kopftuch bis vors Bundesverfassungsgericht ging. Dem höchsten deutschen Gericht warf Schwarzer damals in der «Emma» vor, dass es dieser «so brisanten Frage auf jeden Fall nicht» gewachsen sei.
Auch wenn Emanzipationsfragen bei den jungen Frauen heute wegen der bereits erkämpften Rechte nicht mehr den Stellenwert haben wie zu Schwarzers aktivsten Zeiten, zählt diese doch einige junge Prominente zu ihren Fans: So nannten die TV-Frauen Anke Engelke und Charlotte Roche sie als Vorbild. Und bei der Feier zu «Emmas» 30. Geburtstag vor einem Jahr warf Schwarzer sogar das Gerücht in den Raum, dass Engelke ihre Nachfolgerin als «Emma»-Chefin werden könnte - immerhin hat diese ihre Tochter Emma genannt. (Mirjam Mohr, AP)