28.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Dünn, dünner, Nicole Richie
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Auf einer Seite im Internet geht es nur um Stars und deren Essstörungen. Mager-Promis wie Nicole Richie oder die zerbrechlichen Olsen-Zwillinge werden dort wie Heilige verehrt.
«Nicole Richie erlitt Ohnmacht am Set», «Dehydration zwingt Richie zur Drehpause», «Richie wegen Unterzuckerung ins Krankenhaus eingeliefert»: Man sollte eigentlich annehmen, dass sich für Meldungen wie diese niemand mehr interessiert. Oder dass - wenn überhaupt - nur sehr mitleidige, mitfühlende Mitmenschen sich darum scheren. Ein Blick auf die Internetseite theskinnywebsite.com überzeugt schnell vom Gegenteil, denn dort äußern zahllose junge Frauen ihre Bewunderung für ultradünne Stars und Sternchen und stacheln sich gegenseitig zum Abnehmen an.
Um Hilfe zur Selbsthilfe geht es auf theskinnywebsite.com sicher nicht, die Internetpräsenz entpuppt sich vielmehr als Plattform der Essgestörten. In dieser virtuellen Welt werden prominente Frauen nach der Anzahl der Rippen bewertet, die sich unter ihrer zarten Rückenhaut abzeichnen.
«Mary-Kates (Olsen) Brust sieht knochig aus» oder «Anna Kournikova hat an den Oberarmen etwas zugelegt» heißt es beispielsweise auf der zweifelhaften Seite, deren (Un-)Sinn lediglich darin liegt, jede noch so kleine Gewichtsveränderung in der Welt von Richie und Co aufzuspüren, zu dokumentieren und per Forums-Funktion zu kommentieren.
Postings wie «Kirsten Dunst sieht ziemlich knochig aus» bekommen durch immerhin 37 User-Kommentare, in denen sich über die Hunger-Headline ausgelassen wird, weit mehr Aufmerksamkeit, als ihnen zusteht. Die wandelnden Gerippe ernten zwar auch öffentliche Kritik, ernten jedoch hauptsächlich Anerkennung. So schreibt User «Alicia» bewundernd über Dunsts erschreckend magere Silhouette: «Sie hat genau das richtige Level an Untergewichtigkeit... Perfekt.» Und die knochige Olsen-Brust, die nur noch von etwas Haut zusammengehalten werden scheint, kommentiert «Candy» mit: «Ich mag die Farbe ihrer Haare nicht, aber sie sieht gut aus. Sie ist dünn, was will sie mehr?».
Magere Zeiten in HollywoodDas Prinzip der Seite lautet - je dünner der Star, desto mehr Zuspruch oder Kritik bekommt er. Im Vergleich zu Dunst («ziemlich dünn»), konnte der Eintrag «Jenna Jameson ist schrecklich dünn» immerhin schon 60 Forums-Einträge mehr verbuchen.
Theskinnywebsite.com hat keinerlei Daseinsberechtigung, außer dass auf der Seite Hungern als einziger Lebensinhalt kultiviert wird - vorgelebt von denen, die ein scheinbar erstrebenswertes Leben führen. Neben Hunderten von Fotos dünner und extrem dünner weiblicher Prominenter, gibt es haufenweise Tipps zum Abnehmen, eine Vorher(-dick)/Nachher(-dünn)-Sparte und Rubriken mit obskuren Titeln wie «Celebrity-Cellulite» («Promi-Cellulite»), «Celebrity-Skeleton» («Promi-Skelett») oder «Celebrities Eating» («Promis essen»).
Hungern als Druck-VentilDoch die vornehmlich weiblichen User der Seite bewundern ihre kranken Vorbilder und vergessen, warum die Olsens dieser Welt eigentlich so dünn sind. Denn wer seit dem Kindergartenalter zur Höchstleistung getriezt wird, 24-Stunden am Tag unter der Überwachung der Paparazzi steht, von strengen Hollywood-Bossen und unbarmherzigen Filmkameras unter Druck gesetzt wird, muss den ständigen Druck irgendwie kompensieren, der will in dieser komplett kontrollierten Welt wenigstens sein eigenes Gewicht selbst kontrollieren können. Somit dient Hungern als Ventil, als Mini-Rebellion gegen die Regeln der Traumfabrik und Schutzschild gegen die Läster-Zungen der Boulevard-Presse. Eine Rebellion, die solange funktioniert, bis sie krankhaft wird - das nennt man dann Magersucht oder Bulimie.
Auch die Anerkennung, die eine schlankere Silhouette mit sich bringt, ist nicht zu unterschätzen. Früher war Nicole Richie einfach nur die stämmige Tochter von Sänger Lionel Richie und die Busen-Freundin von Paris Hilton. Seit sie jedoch schlank ist, feiert die US-Presse sie als It-Girl und Mode-Ikone. Das Rosenkranz-Tattoo, das Richies Knöchel ziert, war im Sommer 2005 die Nummer eins auf den Tattoo-Wunschlisten. Doch egal, wie viele Kilos noch von Richies dürrem Körper schwinden - Erfolg, beispielsweise als Schauspielerin, kann sie sich nicht erhungern.
Und vor allem sollte man nicht vergessen, dass der mit aktuellen Modeerscheinungen wie den «Skinny Jeans» oder dem momentan so angesagten «Size Zero»-Look einhergehende Mager-Trend letztendlich eben auch nur eine Mode ist. Und deren Haupteigenschaft ist, Gott sei Dank, die aller Modeerscheinungen: ihre Vergänglichkeit. (nz)