19.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Beth Ditto von The Gossip
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Barocke Fülle ist sicher noch nicht der neue Trend. Doch bekommen die bulimischen Stars des Showbusiness schwergewichtige Konkurrenz - von The Gossip bis Magic Numbers, wie Sophie Albers berichtet.
Die junge Frau schreit ins Mikro und trägt obenrum nur einen schwarzen BH. Nicht weiter schlimm eigentlich, schon gar nicht auf einem Punkrock-Konzert. Annie Lennox hat ihren sogar einst ausgezogen, allerdings hatte das Ex-Model Lennox auch eine knabenhafte Figur. Beth Ditto dagegen sieht aus wie eine fette Version von Kelly Osbourne. Und trotzdem hat die britische Musikbibel «NME» sie auf Platz eins der Cool List gehoben.
Ditto ist Frontfrau der Band The Gossip, versteht sich als Vertreterin der Riot-Grrrl-Bewegung und ist nur eine Vertreterin der dicken Stars, die sich zunehmend im Pop-Olymp breit machen - um in der Metapher zu bleiben. Seltsam daran ist eigentlich nur, dass wir uns so an die Modelmaß-Gestalten gewöhnt haben, dass es uns auffällt; positiv auffällt. Die Bloodhound Gang hatte mit einem Mann Ditto'schen Ausmaßes auf dem Cover von «Hefty Fine» noch schockieren wollen. Ditto dagegen präsentiert ihre Rettungsringe stolz auf der Bühne: einmal mehr big is beautiful. Und das Publikum ist dankbar.
Auch so einer, der das Dicksein zum Markenzeichen gemacht hat, ist Cee Loo Green von Gnarls Barkley. Der 32-Jährige singt auch gerne über seinen Umfang, und der Song «Crazy» hat immerhin monatelang die Charts beherrscht, dass es fast schon ebenso langweilig wurde wie der Blick auf die verhungerten Ärmchen von Victoria Beckham und Co.
Der verstorbene Rapper Notorious B.I.G. trug seine Figur gleich im Namen und hat soeben mit seinem Best-of-Album die Spitze der US-Charts gestürmt. Dabei ist er schon zehn Jahre tot. Und da wären auch noch Missy Elliott, die allerdings mit jeder Million mehr auf dem Konto ein bisschen dünner zu werden scheint, die schauspielernde Rapperin Queen Latifah oder auch Oscar-Gewinnerin Jennifer Hudson, gegen deren Stimme und Präsenz der modelnde Superstar Beyoncé Knowles in «Dreamgirls» keine Chance hatte. Allesamt Wuchtbrummen, allesamt erfolgreich - entgegen der zahlreichen Studien, die Dicksein als Visitenkarte des Verlierertums werten und jenseits jeder Attraktivität verbannt wissen wollen
Frage der StimmgewaltEiner der diese dicke Schönheit ebenfalls feiert ist Antony Hegarty, Sänger der mehrfach ausgezeichneten Band Antony and the Johnsons. Und Hegarty ist nicht nur rund, er ist auch noch das, was gemeinhin als Transe bezeichnet wird. Und mit einer der schönsten Stimmen des Popbusiness gesegnet.
Und nun kommt auch noch das neue Album der Briten The Magic Numbers auf den Markt. Als 2003 ihr gleichnamiges Debüt startete, hatten die PR-Leute offenbar noch gefürchtet, die der Band eigene Körperfülle würde dem Verkauf schaden. Also gab es die wuchtigen Mitglieder als Comicfiguren zu sehen, und in Talkshows mussten sie sich wegen ihres normalen Aussehens auch noch beleidigen lassen. Das ist nun hoffentlich vorbei. «Those The Brokes» zeigt die Band wie sie ist - wenn auch noch hinter einer Scheibe - und ihre Musik hat all die arroganten Modekritiker, die sich für Musikkritiker halten, Lügen gestraft.
Emanzipation vom AlltagDas zweite Album hat den unkitschigen Wohlfühl-Pop des ersten noch übertroffen. Und wenn alles gut geht, steht den Londonern noch eine lange Karriere bevor.
Bei seiner Musik gehe es um Emanzipation, hat Green von Gnarls Barkley einmal gesagt, die Emanzipation vom Alltag. Also dem ewigen Geschwätz der Idealmaße, an denen Mann wie Frau mehr oder weniger hart arbeiten und die auch in den Castingshows eingefordert werden. Und all den anderen Messlatten, an denen man sonst so seine Zeit verschwendet, anstatt gute Musik zu machen oder zu hören.
Das Schöne an Extremen ist immerhin, dass es sich beim Normalsterblichen meist irgendwo in der Mitte einpendelt. Also weder nach jedem Essen die Zahnbürste im Hals noch Chips zum Frühstück. Und dann wird alles gut.