Her mit den kleinen Schreihälsen
23.01.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Tunnel U3 - was sich ganz übel nach einer Clublocation aus den frühen Tagen der Berliner Technoszene anhört, sollte am Montagabend Schauplatz sein für die Präsentation der neuen Single von Deutschlands erfolgreichster Teenieband. Zwischen kalten Betonwänden, schwarzen Stoffbahnen und zwei großen Leinwänden saßen Tokio Hotel, und es war so wie immer. Naja, fast.
Da half es auch nichts, als kurz bevor die Band die provisorische Bühne bestieg, dann doch ein kurzes Schreien zu hören war. «Das war doch eingespielt», so die gelangweilte Erklärung eines Berichterstatters.
Dafür bewahrheitete sich an diesem Abend mal wieder der Spruch: Jugendkultur ist, wenn Erwachsene es nicht verstehen. Bill Kaulitz' Haare waren das berühmte geplatzte Sofakissen, das allerdings so übertrieben, dass der stets heftig geschminkte 17-Jährige mit der hellen Stimme aussah wie eine fleischgewordene Manga-Figur. Hätte Pikachu neben im auf dem Sofa gesessen, es hätte nicht wirklich verwundert.
Diese Michael-Jacksonesque Ausgeburt des Showbusiness, die einzig für die Wahrnehmung von außen zu leben scheint, macht den Charme der Band aus, die mit ihrer neuen Single «Übers Ende der Welt» übrigens wieder das bereits mehrfach abgefrühstückte Thema des Ausbrechens aus Alltag und Erwartungen feiert.
Das Video gab es auch zu sehen: Die vier Jungs in grauen Arbeiteranzügen in einer an «Metropolis» oder auch «1984» erinnernden Stadt schleppen Eisenstangen, bis sie sich - durch die Musik - befreien. Krawummm, Farbexplosion und irgendwie auch ein bisschen Gesellschaftskritik, die allerdings zu hübsch verpackt daher kommt, als dass man sie ernst nehmen möchte. Rebellion sells! Möglicherweise deshalb wies Bill auch darauf hin, wie wichtig es ihm gewesen sei, dass das im Video «gut rüberkommt».
Wer wissen will, was die Band mit ihren zahlreichen Preisen anstellt, erfuhr, dass Gustav sich eigens dafür eine Vitrine gebaut hat und dass die Trophäen im Rotationsprinzip herumgereicht werden.
Er habe sich auch «tierisch gefreut», Nena zu treffen, berichtete Bill dann noch von dem Film «Arthur und die Minimoys», den er gerade zusammen mit der Sängerin synchronisiert hat. Wenn man so Leute treffe, die man sonst nur im Fernsehen sieht, dann «kann schon mal so nen Schrei kommen».
Aber ganz geheuer scheint es ihm dann doch nicht zu sein, denn Bill erzählte auch, dass er neuerdings sein Band- und Starleben per Kamera dokumentiere. Die Fotos wolle er sich ansehen, wenn er alt ist und rumzeigen, denn «irgendwann später glaubt mir das keiner mehr!»

