«Ruhm und Glück» - Reality-TV im Irak
09. Aug 2006 07:42
 |  Szene aus 'Saya Wa Surmaya' | Foto: AP |
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Eine andere Realität, ohne Entführungen und Explosionen, bietet der irakischen Bevölkerung die TV-Show «Saya Wa Surmaya». Allerdings müssen die Produzenten sich an die Regeln halten.
Von Rawya RagehIn einem beigen Anzug, an seiner Brille herumfingernd, verkündet der Nachrichtensprecher, dass es eine Explosion gegeben habe: «Die Mikrowelle ist vor Sohas Gesicht explodiert, als sie ihre Lieblingspizza zubereitet hat», sagt er.
Jon Stewart tritt zur Seite, und Ali Fadhel kommt herein, aufsteigender Stern der Ulknachrichten, zumindest hofft er das. Im Augenblick ist der 24-Jährige ein beliebter Teilnehmer in der populären irakischen Reality-TV-Show «Saya Wa Surmaya» (Ruhm und Geld/ Glück)Die Sendung stellt irakische Männer und Frauen vor, die sich Aufgaben stellen, um einen Vertrag mit dem Sender Al-Sharqiya zu gewinnen, der das Programm ausstrahlt. Fadhel hat sich in erfundenen Nachrichten versucht.
Talente entdecken
«Saya Wa Surmaya» zeigt eine andere Realität abseits des irakischen Alltags - ohne Entführungen, ohne Explosionen, mal abgesehen vom skurrilen Kochunfall.«Die Jugend erfährt heutzutage so wenig Untertsützung», sagt Programmchef Mustafa Kadhem. «Wir glauben, wir können dabei helfen, ein paar Talente zu entdecken.»
Nicht zur reinen Unterhaltung
Reality-TV hielt im Jahr 2003 Einzug in der arabischen Welt mit Sendungen, die «Big Brother» ähnelten, denen aber noch Elemente der Gesangs-Castingshows hinzu gefügt wurden. Das sorgte allerdings für Verstimmung bei den Konservativen, die es als Frevel ansahen, dass Männer und Frauen unter einem Dach singen und tanzen. Al-Sharqiya stellte Iraks erste Reality-TV-Show ein Jahr später vor. Doch ging es dabei nicht um die reine Unterhaltung. «Construction Contract» (Bauvertrag) ging um den Wiederaufbau bei der US-Invasion 2003 zerstörter Häuser.
«Saya Wa Surmaya» startete in diesem Jahr mit monatlich wechselnden Themen. Einmal winkte als Gewinn ein zinsloses Darlehen, um ein eigenes Geschäft zu gründen. Die jüngste Staffel, «Jugend Projekt», ist ein Talentwettbewerb.
Träume entdecken
«Die Idee ist, den Leuten dabei zu helfen, zu erkennen, was ihre Träume sind und sie dabei zu begleiten», so Kadhem. Zu Beginn von «Jugend Projekt» suchte der Sender mit einer Anzeige junge Menschen, die an bildender Kunst interessiert seien. Mehr als 70 stellten sich vor, acht wurden ausgewählt, davon sind vier Frauen. Im Juli ging die Show auf Sendung und zeigte die zwischen 17 und 30 Jahre alten Finalisten in einem Set, das an ein Wohnzimmer mit offener Küche erinnert. Dort müssen sie verschiedene künstlerische Aufgaben erledigen, sei es Fotografieren, ein Drehbuch schreiben, Regie führen oder Schauspielern. Das Ganze wird dann von professionellen Künstlern bewertet.
Keine Umarmung
Die Zuschauer entscheiden schließlich über die Website, wer gehen muss. Der Gewinner erhält 3000 Dollar und bekommt einen leitenden Posten beim Sender.
 |  'Ruhm oder Glück' im Fernsehen | Foto: AP |
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Entsprechend dem Geschmack des islamischen Publikums schlafen die Teilnehmer nicht am Set, wie es bei westlichen Reality-Shows häufig der Fall ist. Doch sie essen zusammen und sitzen auch gemeinsam auf dem Sofa. Bisher hat die Show damit keine Kritik von religiöser Seite auf sich gezogen.
Ikea und Sinatra
Wenn ein Finalist abgewählt wird, gibt es kein emotionales Umarmen oder Küssen wie zum Beispiel bei der «Star Academy». Stattdessen schütteln sich die Männer und Frauen die Hände, die weiter gekommen sind. Trotzdem sind westliche Produktionsmethoden evident - von der Ikea-Ausstattung bis zur Werbung für die Show, die mit Frank Sinatras «My Way» unterlegt ist.
Es sieht vielleicht einfach aus, doch sagen die Produzenten, dass es hart sei, solch eine Show im Irak umzusetzen. 80 Prozent des Drehs passiert im Studio. Die wenigen Außenszenen entstehen «in Arbeitervierteln, die als sicher gelten», sagt Kadhem. Mehr könne und wolle er zu den Orten nicht sagen.
Stanley Kubrick und ein Terrorist
Die angehenden Stars müssen für ihre Sicherheit selbst sorgen. Die 24-jährige Soha Sadeq schminkt sich erst bei Ankunft im Studio, um islamistischen Fanatikern keine Angriffsfläche zu bieten. Es sei besser, nicht aufzufallen, sagt sie. Fadhel, dessen Frau ihr erstes Kind erwartet, berichtet, er sei einmal auf dem Weg ins Studio an vier Anschlägen vorbei gekommen. «Ich muss mich künstlerisch ausdrücken», sagt er und zählt Stanley Kubrick, Jean-Pierre Jeunet und Oliver Stone als seine Idole auf. «Zwei Dinge könnten mich umbringen: ein Terrorist auf der Straße oder meine Kunst nicht auszuüben.« (AP)