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«Ich bin eine Art seltsames Tier»:
Zum Tode von Ray Charles

11. Jun 2004 11:54
Ray Charles
Mit Ray Charles ist einer der bedeutendsten Sänger des Pop und des Jazz gestorben. Er war sich sicher, alles erreicht zu haben, wovon er träumte.

Schon wenn er nur diese Stimme gehabt hätte, wäre Ray Charles unsterblich. Lasziv, mal rau, mal scharf, mal zärtlich, die ideale Stimme zur klassischen Hammond-Orgel, die Charles ebenso virtuos spielte wie das E-Piano; eine Stimme, bei der noch die Luftgeräusche im gepressten Kehlkopf Musik waren. Ray Charles wusste schon in der Frühzeit der elektrischen Musik mit Mikrofon und Verstärker zur Einheit zu verschmelzen, um den größtmöglichen emotionalen Effekt zu erreichen. Als Komponist, aber vor allem als Interpret hat er «schwarze» Musik definiert und war über die Adaption zahlreicher Traditionals und Kompositionen anderer jahrzehntelang eine der wichtigsten Figuren des amerikanischen Mainstreams – und zugleich immer auch ein Avantgardist.

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Ray Charles Robinson kam am 23. September 1930 in Albany, Georgia, in ärmlichen Verhältnissen zur Welt und wuchs in Greenville, Florida, auf. Mit sieben Jahren war er durch eine Krankheit vollkommen erblindet. «Das nahm mir nichts und gab mir nichts», sagte er später in einem Interview. «Ich hatte mit drei begonnen, Musik zu machen». Die ersten Töne auf dem Klavier spielte er unter Anleitung eines örtlichen Boogie-Woogie-Pianisten, Gospel und Blues waren die Musik seiner Jugend, er saß stundenlang am Radio: «Meine Ohren waren wie ein Schwamm.»

Idol Nat King Cole

Auf der Blindenschule lernte er klassisches Piano, Orgel, Klarinette, Saxophon, Trompete und das Komponieren in Blindenschrift – neben mehr praktischen Fertigkeiten wie das Reparieren von Autos und Radios. Doch Ray Robinson hatte keine andere Ambition als die Musik. Sein Idol war Nat King Cole, und Ray Charles – der sich umbenannt hatte, um die Namensgleichheit mit dem Boxer «Sugar» Ray Robinson zu vermeiden – machte sich, bevor er 20 war, einen Namen als einer, der Coles eleganten Stil, sein perlendes Piano und die schmeichelnde Stimme brillant kopieren konnte. Er startete seine Karriere als Konzertkünstler, und bis ins Alter ging er die meiste Zeit des Jahres auf Tour, mit kurzen Unterbrechungen für die Aufnahmen zu seinen rund 60 Alben.

In Charles steckte mehr als die Fähigkeit, als Cole-Act einigermaßen anständig über die Runden zu kommen. Er selbst beschrieb es wie eine Erleuchtung, dass er darauf kam: Eines Morgens sei er aufgewacht und habe gewusst, er müsse sein eigenes Ding machen. Anfang der Fünfzigerjahre «erfand» Charles den Soul. Funky und bluesig wie die schwarze Variante des Rock'n'Roll, Rhythm & Blues, pathetisch und emotional wie die geistliche Gospelmusik, von der Charles musikalische Formen und den Chor übernahm. Er machte genau das Gegenteil dessen, was er zuvor gemacht hatte, und er vollzog den Übergang von der glatt wirkenden, etwas gefälligen Perfektion und Formenreinheit zum rauen Crossover mit großem Erfolg. Mehrere seiner Stücke schafften es an die Spitze der nur der Musik Schwarzer vorbehaltenen R&B-Charts und gelangten zugleich auch in den allgemeinen Pop-Hitlisten auf hohe Positionen.

Ein Kreis schließt sich

Ende der Fünfziger war Charles auch als Jazzer etabliert, er war auf dem Festival von Newport aufgetreten, hatte mit «What Did I Say» einen weit zum Funk und Latin Soul der Siebzigerjahre vorausweisenden Hit gelandet, in dem er und sein Damenchor so lustvoll stöhnen, dass er für viele Radiostationen Tabu war. Und er begann wieder etwas Neues: Er wandte sich der Country Music und amerikanischen Standards zu, die er in opulenten Arrangements mit Big Band und Streichern mit seiner unnachahmlichen Singweise ganz neu fasste. Sein größter Hit, «Georgia on My Mind», ist in Charles' Interpretation seit 1979 offizieller Song seines Geburtsstaates. Charles trat fortan kaum noch als Komponist in Erscheinung; seine Interpretationen indessen waren oft preiswürdig. So gewann er 1975 den Grammy mit seiner Version der Stevie-Wonder-Komposition «Living in the City». Ein Kreis hatte sich geschlossen – Wonders Stück erinnert mit seinem pulsierenden E-Piano unverhohlen an «What Did I Say», und der Jüngere nennt Charles als eines seiner Vorbilder.

Charles' hohes Ansehen und seine Vorbildfunktion erklären sich jedoch nicht nur musikalisch. Er war einer der ersten schwarzen Künstler, die sich nicht für ein weißes Publikum in die Rolle des exotischen, breit grinsenden «Onkel Tom» drängen ließen. Er bestand früh darauf, dass Schwarze in seinen Konzerten nicht in die hinteren Reihen des Auditoriums verbannt wurden, er trat auch als Geschäftsmann bei der eigenen Vermarktung gegenüber den weißen Plattenfirmenbossen mit großem Selbstbewusstsein auf. Bereits in den Fünfzigerjahren sicherte er sich das Recht an seinen eigenen Mastertapes und produzierte seine Musik selbst. Als er Mitte der Sechzigerjahre wegen seiner langjährigen Heroinsucht mit der Justiz in Konflikt geriet und ein Jahr pausieren musste, war er bereits als Klassiker etabliert, wenn ihm auch große Hits später nicht mehr gelingen sollten.

Platz auf dem Olymp

Charles trat mit vielen bedeutenen Jazz-, Rock- und Country-Musikern auf, und er prägte auch den «schwarzen» Sound vieler weißer Musiker, wie etwa Billy Joel und Joe Cocker. Dass es nie wirklich still um ihn wurde, lag vor allem an seinen Touren und an seinen Auftritten auf den Alben anderer Musiker. 1990 bekam er einen Grammy für sein Duett mit Chaka Khan auf Quincy Jones' «Back on the Block». Auf der Bühne präsentierte Charles auf Hunderten Konzerten in aller Welt die ganze Breite seines Repertoires.

Vor allem sein jugendliches Feuer und die spontane Emotionalität seines Gesangs begeisterten das Publikum. Er phrasierte scheinbar frei, zerhackte kieksend Textzeilen oder dehnte einzelne Worte weit über die Taktgrenzen, um sie in kurzen Raps, bluesigen Schreien, Lachen oder Schluchzern abrupt enden zu lassen. Viele Musikkritiker weisen ihm als Sänger einen Platz auf dem Olymp des Jazz an der Seite Louis Armstrongs zu. Seit den Achtzigerjahren wurde Ray Charles mit hohen und höchsten Ehrungen für seine Lebensleistung überhäuft.

«Ich singe, was ich fühle»

In den letzten Jahren wirkte Ray Charles erschöpft. Die Lebererkrankung, der er erlag, erwischte ihn nach der mühevollen Erholung von einer Hüftoperation, der eine neue Welttournee folgen sollte, aber er starb als glücklicher Mann. Seit Jahren schon hatte er in Interviews immer wieder betont, dass er dem Tod gelassen entgegenblicke. Der «Los Angeles Times» sagte er 1989: «Alles, worüber ich phantasiert habe, habe ich getan.»

«Ich glaube, ich bin eine Art seltsames Tier», sagte er laut «New York Times» in diesem Frühjahr dazu, dass sein Blues so wenig traurig ist wie seine Gospels religiös. «Es kommt für mich auf Songs an, in die ich mich einbringen kann. Das hat nichts mit den Songs zu tun. Vielleicht ist es ein toller Song, aber es muss etwas für mich darin sein. Um ehrlich zu sein: Ich singe, was ich fühle, was ich wirklich fühle. Das ist alles.»

Ray Charles hinterlässt zwei geschiedene Frauen, zwölf Kinder, zwanzig Enkel und fünf Urenkel – neben unzähligen Freunden und Fans. Einer von ihnen sagte einem Fernsehteam in New York: «Ehrlich gesagt, hat für mich der Tod von Ray Charles eine weit größere Bedeutung als der von Ronald Reagan.»

 
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