Michael Mittermeier: «Angela Merkel muss man einfach beleidigen»
03.06.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung: Willkommen zurück, Herr Mittermeier! Was haben Sie bei Ihren Auftritten in New York gelernt - sind die Amerikaner etwa witziger als die Deutschen?
Netzeitung: Ihr neues Programm trägt den Titel «Paranoid» und ist laut PR-Text 'politischer' als sonst. Was sollte denn neben «Arschgeweihen» und Bikinizonen-Enthaarung noch von den Genfer Konventionen abgedeckt werden?
Netzeitung: Zum Beispiel?
Mittermeier: Na, wir haben zum Beispiel eine Nummer drin über den Waffenüberfluss in Amerika. Eine Nummer ist über menschlichen Rassismus - Thema Schwule und Homo-Ehe - so wie das von den Konservativen heutzutage noch immer hingestellt wird - tschuldigung, aber ich finde das echt peinlich!
Netzeitung: Sie finden auch harte Worte für Deutschlands Polit-Prominenz. Guido Westerwelles Akne taucht auf, Roland Kochs «Karfenfresse» und Angela Merkel taugt bei Ihnen noch nicht mal zur Diktatorin, weil: «Das Auge wählt doch mit!» Kann man Berufpolitikern nur noch brachial beikommen?
Netzeitung: Immerhin hat sie uns mit Horst Köhler nun einen neuen Bundespräsidenten beschert.
Mittermeier: Also ich kenn' den nicht. Und das ist auch genau das Problem: Man sieht einen Mann, der nur lächelt. Bei dem hat man das Gefühl, der weiß auch nicht, was er da gerade tut. Ich hätte es spannender gefunden, da jemanden hinzustellen, den alle kennen. In diesen Tagen in Deutschland so einen parteipolitischen Scheiß aufzuführen, frei nach dem Motto: Wer hat den größten Sack, das find' ich schlimm. Selbst Angela Merkel läuft schon wie ein Mann rum: 'Willst du meinen sehen, der ist länger als deiner!'
Netzeitung: War das jetzt ein Plädoyer für die Direktwahl des Bundespräsidenten?
Netzeitung: Neben dem Bundespräsident werden nun ja auch Comedystars gewählt, und zwar per Castingshow. Mal bei Sat.1 reingeschaut?
Mittermeier: Oh ja! Aber der Satz ist falsch - es werden keine Comedystars gecastet, weil die nie Stars werden. Das sind halt irgendwelche Leute, die machen «Karaoke-Comedy». Ich seh' da nur Leute, die was machen, was nicht lustig ist und kein Niveau hat. Das ist schade. Die fünf Kandidaten bei meinem Freund und Produzenten Thomas Hermanns in der Talentshow «Hot Shots» waren alle besser. Und warum? Weil es Leute sind, die auf die Bühne wollen, weil sie was zu sagen haben und nicht, weil sie berühmt werden wollen.
Netzeitung: Ihnen hingegen gelingen Sätze wie: «Bist Du deppert - are you bushed?»
Netzeitung: Spätestens nach den Folterbildern aus dem Irak könnte man sich fragen, ob man über George W. Bush noch lachen kann?
Mittermeier: Traurig ist ja vor allem, dass ein echt beschränkter Typ, der keine Ahnung hat, die größte Macht der Welt in Kriege reinhetzt. Was haben die Amerikaner denn erwartet, dass die da plötzlich Demokratie machen? Da mache ich als Comedian natürlich auch Nummern drüber. Vieles ist und bleibt nämlich einfach lächerlich. Da ist ein Mann, der noch nicht mal Brezeln essen kann, ohne daran zu ersticken, oder Fahrrad zu fahren, ohne dass er halb stirbt - so einen kann man doch keinen Krieg führen lassen!
Netzeitung: Von Harald Schmidt ist trotz Bildschirmabstinenz immerhin der Satz überliefert, dass ihn die Bilder aus Abu Ghraib an die Benetton-Reklame erinnern. Fehlt Ihnen Schmidt und seine Show?
Netzeitung: Statt an Schmidt arbeiten sich die deutschen Feuilletons nun an seiner Nachfolgerin Anke Engelke ab. Was muss sich bei «Anke Late Night» ändern?
Mittermeier: Da kann ich nur eins sagen: Lasst sie erst mal machen. Ein paar Wochen, ein paar Monate, dann reden wir alle weiter. Diese Chance sollten wir ihr geben. Alles andere verkneife ich mir - es reden eh zuviele Nullnasen darüber. Da muss ich lesen: Jenny Elvers spricht über Anke Engelke - was soll das denn jetzt heißen?
Netzeitung: Selbst Promi-Frisör Gerhard Meir will ja angeblich wissen, wie es besser geht.
Mittermeier: Da kann ich nur eins sagen: Wenn Frisöre anfangen zu reden, sollte man sie einfach im Wasser versenken.
Das Gespräch führte Kerstin Rottmann

