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Michael Mittermeier: «Angela
Merkel muss man einfach beleidigen»

03. Jun 2004 10:04
Michael Mittermaier
Nach langer Pause legt Comedian Michael Mittermeier seine CD «Paranoid» vor. Mit der Netzeitung sprach er über Brezeln und Bush, die Fratze der deutschen Politik und die Chancen von «Anke Late Night».

Sein Programm «Zapped» war ein Riesenerfolg, der dazu gehörige Tonträger verkaufte sich für eine Comedy-CD sensationelle 250.000 Mal. Auch sein Programm «Back to Life» lief vor über 500.000 Zuschauern prächtig und bescherte Comedian Michael Mittermeier neben einer goldenen Schallplatte nahezu alle wichtigen Preise und Auszeichnungen. Im vergangenen Jahr nahm sich der 38-jährige Ex-Student der Amerikanistik eine Auszeit von Bühne und Bildschirm. Ein halbes Jahr lang lebte der gebürtige Bayer in New York und trat dort auch als Stand-Up-Comedian auf. Mitgebracht hat er sein jüngstes Werk «Paranoid» und neue Themen.

Netzeitung: Willkommen zurück, Herr Mittermeier! Was haben Sie bei Ihren Auftritten in New York gelernt - sind die Amerikaner etwa witziger als die Deutschen?

Mehr in der Netzeitung:
Michael Mittermaier: Ach, ich find Vergleiche ja immer öd'. Da heißt es dann immer, die Deutschen haben keinen Humor, alle anderen aber schon. Das stimmt aber nicht. Eigentlich geht es nur darum: Du stehst in einer Stadt, auf einer Bühne, und da sitzen Leute, und die lachen dann oder nicht - weil man halt gut ist oder eben nicht. Mitgenommen habe ich auf jeden Fall, dass mein Humor internationaler Humor sein kann. Die haben nämlich alle sehr gelacht, und es war eine echt geile Erfahrung.

Netzeitung: Ihr neues Programm trägt den Titel «Paranoid» und ist laut PR-Text 'politischer' als sonst. Was sollte denn neben «Arschgeweihen» und Bikinizonen-Enthaarung noch von den Genfer Konventionen abgedeckt werden?

Michael Mittermeier
Mittermeier: Mir geht es ja nicht um die Tagespolitik. Ich mach' Comedy, das soll unterhalten, aber auch den Geist ein bisschen fordern. Bei mir im Publikum gibt's Leute, die lachen nur ab. Andere gehen raus und sagen, ich hab' mir was mitgenommen. Das finde ich schön. Allerdings war's mir diesmal wichtiger als sonst, auch Aussagen zu treffen: Wo steh ich? Was wähle ich? Was finde ich Scheiße?

Netzeitung: Zum Beispiel?

Mittermeier: Na, wir haben zum Beispiel eine Nummer drin über den Waffenüberfluss in Amerika. Eine Nummer ist über menschlichen Rassismus - Thema Schwule und Homo-Ehe - so wie das von den Konservativen heutzutage noch immer hingestellt wird - tschuldigung, aber ich finde das echt peinlich!

Netzeitung: Sie finden auch harte Worte für Deutschlands Polit-Prominenz. Guido Westerwelles Akne taucht auf, Roland Kochs «Karfenfresse» und Angela Merkel taugt bei Ihnen noch nicht mal zur Diktatorin, weil: «Das Auge wählt doch mit!» Kann man Berufpolitikern nur noch brachial beikommen?

Michael Mittermeier
Mittermeier: Also, wenn ich Frau Merkel nehme, eine Frau, die sich vor laufende Kameras stellt und sagt: 'Der Irakkrieg war gerechtfertigt, und Schuld hat eigentlich die Friedensbewegung, weil sie zu weich zu Hussein war' - also da habe ich keine Skrupel, die zu beleidigen. Die muss man einfach hart angehen. Sicher sagt da manch einer, das kann man doch anders machen. Ich sage: Das ist mir egal.

Netzeitung: Immerhin hat sie uns mit Horst Köhler nun einen neuen Bundespräsidenten beschert.

Mittermeier: Also ich kenn' den nicht. Und das ist auch genau das Problem: Man sieht einen Mann, der nur lächelt. Bei dem hat man das Gefühl, der weiß auch nicht, was er da gerade tut. Ich hätte es spannender gefunden, da jemanden hinzustellen, den alle kennen. In diesen Tagen in Deutschland so einen parteipolitischen Scheiß aufzuführen, frei nach dem Motto: Wer hat den größten Sack, das find' ich schlimm. Selbst Angela Merkel läuft schon wie ein Mann rum: 'Willst du meinen sehen, der ist länger als deiner!'

Netzeitung: War das jetzt ein Plädoyer für die Direktwahl des Bundespräsidenten?

Michael Mittermeier
Mittermeier: Ja, ich wäre im Moment für die Direktwahl. Ich weiß, ich weiß, da gab es ja so Dinge, warum nicht und blablabla. Die Union bricht sich immer so einen ab mit den Gewerkschaften und Volkes Stimme. Mal ganz ehrlich, liebe Union, dann hab mal ein Ohr für die Bürger! Ich jedenfalls habe keine Angst, dass da ein rechter Sack hinkommt, das wird nicht passieren.

Netzeitung: Neben dem Bundespräsident werden nun ja auch Comedystars gewählt, und zwar per Castingshow. Mal bei Sat.1 reingeschaut?

Mittermeier: Oh ja! Aber der Satz ist falsch - es werden keine Comedystars gecastet, weil die nie Stars werden. Das sind halt irgendwelche Leute, die machen «Karaoke-Comedy». Ich seh' da nur Leute, die was machen, was nicht lustig ist und kein Niveau hat. Das ist schade. Die fünf Kandidaten bei meinem Freund und Produzenten Thomas Hermanns in der Talentshow «Hot Shots» waren alle besser. Und warum? Weil es Leute sind, die auf die Bühne wollen, weil sie was zu sagen haben und nicht, weil sie berühmt werden wollen.

Netzeitung: Ihnen hingegen gelingen Sätze wie: «Bist Du deppert - are you bushed?»

Mittermeier (schmunzelt): Ja, der war irgendwann so da. Und kickt die Leute auch echt gut an.

Netzeitung: Spätestens nach den Folterbildern aus dem Irak könnte man sich fragen, ob man über George W. Bush noch lachen kann?

Mittermeier: Traurig ist ja vor allem, dass ein echt beschränkter Typ, der keine Ahnung hat, die größte Macht der Welt in Kriege reinhetzt. Was haben die Amerikaner denn erwartet, dass die da plötzlich Demokratie machen? Da mache ich als Comedian natürlich auch Nummern drüber. Vieles ist und bleibt nämlich einfach lächerlich. Da ist ein Mann, der noch nicht mal Brezeln essen kann, ohne daran zu ersticken, oder Fahrrad zu fahren, ohne dass er halb stirbt - so einen kann man doch keinen Krieg führen lassen!

Netzeitung: Von Harald Schmidt ist trotz Bildschirmabstinenz immerhin der Satz überliefert, dass ihn die Bilder aus Abu Ghraib an die Benetton-Reklame erinnern. Fehlt Ihnen Schmidt und seine Show?

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Mittermeier: Tja, das war tatsächlich wieder mal eine grandiose Pointe, ein echter Schmidt. Das ist so, als wenn Gauguin wieder auferstehen und ein Bild malen würde. Schmidt ist der Beste. Viele von uns werden ihm lange nachweinen. Aber das Schöne ist: Er tut wieder das, was am besten ist. Er geht auf Tournee, auf die Bühne.

Netzeitung: Statt an Schmidt arbeiten sich die deutschen Feuilletons nun an seiner Nachfolgerin Anke Engelke ab. Was muss sich bei «Anke Late Night» ändern?

Mittermeier: Da kann ich nur eins sagen: Lasst sie erst mal machen. Ein paar Wochen, ein paar Monate, dann reden wir alle weiter. Diese Chance sollten wir ihr geben. Alles andere verkneife ich mir - es reden eh zuviele Nullnasen darüber. Da muss ich lesen: Jenny Elvers spricht über Anke Engelke - was soll das denn jetzt heißen?

Netzeitung: Selbst Promi-Frisör Gerhard Meir will ja angeblich wissen, wie es besser geht.

Mittermeier: Da kann ich nur eins sagen: Wenn Frisöre anfangen zu reden, sollte man sie einfach im Wasser versenken.

Das Gespräch führte Kerstin Rottmann

 
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