Alles begann mit einer Maus
18. Nov 2003 07:58
 | 'Steamboat Willie' | Foto: Disney |
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Seit 75 Jahren ist Mickey Mouse Teil der westlichen Kultur. Anlässlich ihres Geburtstages hier die Geschichte ihres Erfolges.
Hätte Walt Disney nicht einen Rechtsstreit verloren, wäre er nicht mit seiner Frau Lillian Zug gefahren, hätte er nicht sein Auto verkauft und nicht daran geglaubt, dass sich mit Trickfilmen Visionen verwirklichen lassen und auch Geld verdient werden kann, hätte es einen der bekanntesten Bewohner dieser Welt nie gegeben, Mickey Mouse.Der 18. November 1928 gilt als Geburtstag der Figur, hatte sie doch an diesem Tag ihren ersten öffentlichen Auftritt. Im New Yorker Colony-Theatre wurde an diesem Sonntag «Steamboat Willie» gezeigt, der erste vertonte Zeichentrickfilm. Die Stimme der dort seine Freundin Minni beschützenden Maus war die von Walt Disney, und dessen Wunsch, diese auch alle hören zu lassen, hätte ihn fast ruiniert.
Bei den Tonaufnahmen hatten die Glasröhren des Verstärkers ihren Geist aufgegeben und das kleine Studio von Disney, seinem Bruder Roy und ihrem Partner Ub Iwerks stand damit wieder einmal vor der Pleite. Walt verkaufte sein Auto, um Stimme und Orchesterbegleitung produzieren zu können.
Zum Erfolg gezwungen
 | Oswald the Lucky Rabbit | Foto: Disney |
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Dabei hatten ihn bereits äußere Umstände gezwungen, überhaupt diese Figur zu entwickeln. Bisher verdienten die drei ihr Geld mit dem recht erfolgreichen «Oswald the Lucky Rabbit», doch nach einem Rechtsstreit verloren sie die Rechte daran an ihre ehemaligen Finanziers. Auf der Rückfahrt von diesem niederschlagenden Treffen, so die bis heute erzählte Geschichte, erdachte Walt sich im Zug die Comic-Maus Mortimer. Seine Frau Lillian fand den Namen zu aufgeblasen und schlug Mickey vor. Zwei Filme mit der Maus produzierte das kleine Studio, doch niemand wollte sie. Und gleichzeitig war auch für viele erkennbar, dass der Stummfilm das Publikum nicht mehr lange begeistern würde. Also machte sich Disney mit seinen Kompagnons an einen dritten Film.
Er versuchte alles, um aus seinen Ideen auch Erfolge zu machen. Obwohl «Steamboat Willie» nur im Vorprogramm lief, war es Disney gelungen, mehrere Kritiker ins Kino zu locken, die anschließend geradezu begeistert über die Maus schrieben. Nur zwei Jahre später, am 13. Januar 1930, erschien der erste Comic mit ihr in einer Tageszeitung, bald lasen weltweit Millionen Menschen die Geschichten.
Die goldenen Dreißiger
Es waren viele Zufälle, die dazu führten, dass das schwarze Gesicht mit den runden Ohren zu einem überall erkannten, universalen Symbol des zwanzigsten Jahrhunderst wurde. So litt Disneys Mitte der dreißiger Jahre unter dem Verbot, in Italien erworbene Lizenzgebühren in die USA zu transferieren. Also wurde mit dem Geld der Verlag Mondadori dafür bezahlt, 1936 in der Schweiz die erste deutschsprachige «Micky Maus Zeitung» herauszugeben. Das damit verdiente Geld konnte anschließend problemlos in die USA überwiesen werden.
Die Dreißiger waren Mickeys goldene Zeit. Maus-Clubs in den USA hatten Millionen Mitglieder, einen eigenen Verhaltenscode, geheime Handzeichen und ein spezielles Club-Lied, «Minnie's Yoo Hoo». Die Filme brachten ihren Machern viele Oscar-Nominierungen auch mehrere Oscars. 1940 dann erreichte der Erfolg seinen Höhepunkt mit Mickeys Auftritt als Zauberlehrling in dem Film «Fantasia». In Farbe und mit Stereo-Sound zeigte er Techniken der Animation, die damals bahnbrechend waren.Allein mit den Trickfilmen jedoch ließ sich nicht das große Geld verdienen, war doch ihre Produktion irrsinnig teuer. «Fantasia» zum Beispiel hatte enormen Erfolg, spielte jedoch seine Produktionskosten nicht ein. Disney hatte schon bei der Vermarktung des glücklichen Hasen erste Erfahrungen damit gemacht, eine Figur als Marke aufzubauen, bei Mickey wurde das zu einem enormen Geschäft. 1930 erschien das erste Lizenzprodukt, gegen eine Gebühr von 300 Dollar durfte ein Unternehmen Schulmappen mit der Maus bedrucken. Drei Jahre später war die Markenmacht schon so gewachsen, dass sie ein ganzes Unternehmen retten konnte. Die Uhrenfabrik Ingersoll-Waterbury widerstand der sicher drohenden Pleite dank der Lizenz zur Produktion von Mickey-Mouse-Uhren. Innerhalb weniger Jahre verdiente Disney mit solchen Geschäften Millionen.
Mickeys wilde Jugend
Dabei war sie am Anfang gar nicht nett, die Maus. Sie rauchte, trank und spielte anderen Streiche. So war der reichlich besoffene Nager 1931 auf einer in Deutschland veröffentlichten Postkarte zu sehen, die die Unterschrift trug: «Klein Micky Maus ist sehr vergnügt und trinkt, bis sie am Boden liegt.»
 | Der Schöpfer: Walt Disney | Foto: Disney |
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Auch wenn es später oft den Anschein hatte, war der Erfinder dieses heute wohl berühmtesten Bewohners der Erde nicht am Anstand interessiert. Doch war Disney sehr geschäftstüchtig und erkannte bald, dass mit familienfreundlichen und kindertauglichen Figuren und Filmen sehr viel Geld zu verdienen war. So spielt Mickeys ständige Begleiterin Minni bis heute die Rolle, die gerade opportun ist, Kumpel, Freundin, Geliebte, Ehefrau. Disney selbst sagte einmal: «Wenn es in die Story passte, ließen wir sie eben wir ein Paar rumlaufen und gleichzeitig viel älter werden. Wenn sie wieder jugendlich werden sollten, dann waren sie eben nur Freunde und Minni nur das Mädchen.»
Dem Erfolg des Paares tat das keinen Abbruch, ihre heile Welt begeistert bis heute Kinder und auch viele Erwachsene, die ein wenig vor den Problemen des Alltags fliehen möchten. Disneys kategorische Regeln, die er selbst zu Lebzeiten streng überwachte garantierten dieses gelobte Land: Keine wirkliche Gewalt, keine unlösbaren Konflikte, kein Sex.
Mickey und die Nazis
Disney galt Zeit seines Lebens als Perfektionist. Ward Kimbell, einer seiner Zeichner, sagte später einmal: «Er war gefürchtet und respektiert. Sein Studio führte er wie ein gutmütiger und väterlicher Diktator.» Echte Diktatoren waren ebenfalls begeistert von der Figur. So schrieb am 20. Dezember 1937 Joseph Goebbels in sein Tagebuch: «Ich schenke dem Führer zwölf Micky-Maus-Filme zu Weihnachten! Er freut sich sehr darüber. Ist ganz glücklich über diesen Schatz.»
 | Auch wenn die Maus sich veränderte, die Ohren blieben immer rund | Foto: Disney |
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Im Gegensatz zu einigen anderen Disney-Werken war die Maus unter den Nazis zumindest geduldet, auch wenn es üble Hetzschriften gegen sie gab. So erschien Mitte der dreißiger Jahre folgender Aufruf in einer Zeitung in Pommern: «Micky Maus ist das schändlichste Vorbild, das je erfunden wurde... Das gesunde Empfinden sagt jedem denkenden Heranwachsendem und jedem rechtschaffendem Jüngling, das dieses ekelhafte, schmutzige Ungeziefer, dieser größte Bakterienüberträger im ganzen Tierreich niemals ein vorbildliches Tier sein kann... Schluss mit der Verrohung der Völker durch die Juden! Nieder mit Micky Maus! Tragt das Hakenkreuz.»Für Disney war 1940/41 ein sehr schlechtes Jahr, brach doch das Geschäft mit Europa völlig zusammen. Die Maus blieb davon relativ unberührt und wurde auch aus der Kriegspropaganda des Konzerns weitgehend rausgehalten. Solche Rollen übernahm Donald Duck, zu Mickey passten sie nicht. Allerdings wurde die Markenmacht der Maus genutzt, um Kriegsanleihen zu verkaufen oder um auf Postern für mehr nationale Sicherheit zu werben.
Neue Aufgaben
Nach dem Krieg weitete der Disney-Konzern seine Aktivitäten mehr und mehr aus, produzierte richtige Spielfilme, Naturdokumentationen und Fernseh-Serien. Auch erwies sich der einmal geformte Charakter als so fest in den Gedächtnis der Leser geprägt, dass er kaum noch für neue Ideen genutzt werden konnte. Jede Änderung brachte haufenweise Briefe empörter Fans, die sich beschwerten, Mickey würde «so etwas» nie tun.Die Figur Mickey Mouse wurde immer unbedeutender für den Erfolg des Unternehmens, entwickelte sich jedoch gleichzeitig mehr und mehr zum Firmenlogo. Vor allem die Repräsentation gehört inzwischen zu ihren Aufgaben. Dies begann schon 1955, als sie der «Chef» von Disneyland wurde, wo sie bis heute die Besucher begrüßt und die Paraden anführt. Für Walt Disney war sie immer mehr als das, er sagte bei seiner ersten Fernsehshow: «Ich hoffe nur, dass wir eines nie vergessen: Dass dies alles von einer Maus angefangen wurde.»
Mickey Mouse wird am heutigen Dienstag 75 Jahre alt.
 | Mickey Mouse von 1928 bis heute | Foto: Ehapa |
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Für das Web ediert von Kai Biermann