Nach 45 endlosen Minuten Verspätung kommt Christina Aguilera endlich zum Interview-Termin. Sie trägt ein weißes, tief ausgeschnittenes Top, das oben mit einer Sicherheitsnadel zusammengehalten wird, eine orangefarbene Trainingshose und ist verdammt stark geschminkt – outfitmäßig bleibt sie trotz ihres Image-Wandels Geschmackssache. Eindeutig gelungen dagegen ist ihr neues Album «Stripped», mit dem sie ab dem 22. September durch Deutschland tourt. Netzeitung: Viel an haben Sie ja nicht in dem Video zu «Dirrrty». Werden wir Sie noch komplett nackt erleben?
Netzeitung: Jorge spielt auch mit. Läuft da wieder was? [Jorge Santos ist Tänzer in Aguileras Crew und war ihr Freund] Aguilera: Klar, wir sind wieder zusammen. Wussten Sie das nicht? Nein, Quatsch. Jorge war meine erste große Liebe, aber es ist vorbei. Wir sind aber immer noch gute Freunde. Er ist ein netter Kerl, und es ist kein Problem für uns, zusammenzuarbeiten. Netzeitung: Warum haben Sie sich überhaupt getrennt? Aguilera: Ich glaube, wir waren beide zu unreif für eine dauerhafte Beziehung. Wir müssen erst noch erwachsen werden. Er weiß noch nicht, was er mal mit seinem Leben anfangen will, deshalb war es ein Problem für ihn, sich komplett auf eine Beziehung einzulassen. Wir wissen ja alle: Männer brauchen viel länger, um erwachsen zu werden. Netzeitung: Und, haben Sie derzeit einen Freund? Aguilera: Nein, ich bin Single. Netzeitung: Und wie war es mit Justin Timberlake? Immerhin sind Sie gerade mehrere Monate zusammen auf US-Tour gewesen? Aguilera: Da war nichts und ist nichts! Justin ist ein Kumpel, mehr nicht. Auf diese Showbiz-Jungs stehe ich sowieso nicht. Ich bin nicht komplett dagegen, einen Hollywood-Boy zu daten. Aber ganz sicher nicht Justin! Netzeitung: Wer ist denn Ihr Typ? Aguilera: Ich mag diese superhübschen Hollywood-Model-Typen nicht. Und Kerle im Anzug finde ich auch fies. Am besten gefallen mir stinknormale Straßenjungs, die ein bisschen schräg und wild sind. Leider treffe ich nicht viele von denen, und wenn, haben die oft ein Problem mit mir. Netzeitung: Wieso? Aguilera: Viele von denen finden jemanden wie mich zum Kotzen. Die wollen mit Musikgeschäft, Promi-Dasein und Rampenlicht nichts zu tun haben. Das ist echt schwierig. Männer können außerdem oft nicht akzeptieren, dass die Frau erfolgreicher und reicher ist als sie selbst. Das hält deren Ego nicht aus. Netzeitung: Sie haben kürzlich gesagt, Sie fänden Frauen ohnehin sexier als Männer. Aguilera: Das ist doch auch so. Wir haben ein besseres Gefühl für unseren Körper, wir können besser flirten, wir sind einfach attraktiver. Ich will nicht ausschließen, dass es männliche Gegenbeispiele gibt. Aber ich finde es geiler, Frauen hinterherzugucken als Männern. Netzeitung: ?? Aguilera: Sorry, aber wenn Jungs versuchen, sexy zu wirken, geht das fast immer furchtbar schief. Sie verkrampfen und führen sich idiotisch auf, völlig egal, wie alt sie sind. Sie sind einfach peinlich! Netzeitung: Stört es Sie eigentlich, dass ständig über Ihre Outfits gelästert wird? Aguilera: Nein, mir gefallen die Sachen ja. Außerdem nehme ich mir ein Beispiel an Madonna. Würde man den Medien glauben, ist Madonna die schlechtangezogenste Person der letzten 20 Jahre. Und sehen Sie mal, was sie alles geschafft hat, wie viele Imagewechsel ihr gelungen sind. Madonna ist echt die Größte für mich. Netzeitung: Also wollen Sie mit Ihrem neuen Image auch provozieren? Aguilera: Mir ist es wichtig, offen und aufrichtig zu sein und zu sagen, dass Sex eine schöne Sache ist. Ich habe gerne Sex. Mir macht das Spaß. Und ich muss mich nicht schuldig fühlen deswegen. Sex ist eine sehr natürliche Beschäftigung. Gerade als Frau ist es wichtig, offen zu sein und zu sagen, wie man zu Sex steht. Ich finde es total ungerecht, dass ein Mädchen, das gerne mit verschiedenen Jungs schläft, als Schlampe bezeichnet wird, ein Junge, der viele Mädchen ins Bett kriegt, aber als Hengst und Held. Ich will den Leuten keinen Quatsch erzählen - nach dem Motto «Ich bin noch Jungfrau». Netzeitung: So wie Britney Spears... Aguilera: [grinst] Ich spreche gar nicht über jemand Bestimmtes. Aber manche Künstler sind leider so drauf, dass sie der Presse immer das erzählen, was diese gerade hören will. Netzeitung: Steckt der Teenie-Pop in einer Krise? Aguilera: Ich denke, dieser zuckersüße Kaugummi-Teenie-Pop hat seine beste Zeit hinter sich. «Genie in the bottle» kam gerade in der Phase raus, wo diese Musik extrem angesagt war. Ich erkenne nicht nur bei mir dieses musikalische Wachstum, diese Veränderung, sondern zum Beispiel auch bei Justin. Der hat mit den Neptunes zusammengearbeitet und eine richtig coole Platte gemacht. Ich versuche, Musik zu machen, die von meinem Herzen kommt. Die neue Platte hat so viele verschiedene Stilarten: Rock mit Linda Perry, R&B und Soul, Pop und HipHop – da ist für jeden was drauf. So bin ich auch selbst. Netzeitung: Stimmt es, dass Sie einen Nervenzusammenbruch hatten?
Netzeitung: Ist der Druck im Musikgeschäft zu groß? Aguilera: Das Business ist absolut hart und unnachgiebig. Aber den Druck mache ich mir selbst. Ich will härter arbeiten und mehr von mir geben. Ich musste mir den Raum und die Freiheit für diese Platte erst erkämpfen. Das war nicht leicht, zwischendurch habe ich mein Management gewechselt. Aber ich habe meine Ziele immer verfolgt. Ich wusste, wo ich hinwollte mit meiner Musik. Es kam nur darauf an, die richtigen Menschen für meine Ideen zu begeistern und mich von den falschen zu trennen. Netzeitung: Stimmt es, dass «I’m Okay» davon handelt, wie Ihr Vater Sie misshandelt hat? Aguilera: Meine Mutter. Er hat sie bedroht und geschlagen. Ich bin in einem Haus aufgewachsen, wo ständig Gewalt in der Luft lag. Es hat mir das Herz gebrochen, wie er meine Mutter behandelt hat, und ich finde es schlimm, dass so etwas zu jeder Sekunde überall auf der Welt wieder passiert. Ich hoffe, die Opfer wissen, dass sie nicht allein sind. Schrecklich ist es trotzdem. Netzeitung: Von wem handelt Ihr jüngster Hit «Beautiful»? Aguilera: Von mir. Das hört sich jetzt verdammt angeberisch an. Aber wenn du traurig bist und verletzt und unsicher, so wie ich das nun mal war, dann ist dieser Song ungeheuer stark und mutig. Er ist mein persönlicher Sandsack! Ich traue mich, endlich zu sagen, was ich von mir halte. Die einzigen Personen, denen ich Rechenschaft schuldig bin, sind Gott und ich selbst. Ich fühle mich stärker als je zuvor und bin glücklich, dass ich endlich Songs singen kann, die das auch zeigen. Netzeitung: Was machen Sie, wenn Sie einen Tag frei haben? Aguilera: Ich bin eine Nachteule und gehe abends gerne weg, in Clubs oder so. Morgens bin ich dagegen überhaupt nicht zu ertragen. Ich empfinde es eigentlich als Zumutung, vor dem Mittag überhaupt aufstehen zu müssen. Mit Christina Aguilera sprach Steffen Rüth 22. September, Hamburg 29. September, Berlin 30. September, Dresden 04. Oktober, Köln 06. Oktober, Stuttgart 14. Oktober, München 17. Oktober, Frankfurt/ M.
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