31. Mai 2001 07:44, ergänzt 12:21
Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard hat heftig die «Berliner Rede» von Bundespräsident Rau kritisiert. Sie sei «vollkommen überzogen».
BERLIN. Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard hat die derzeitige Gentechnik-Debatte und insbesondere die «Berliner Rede» von Bundespräsident Johannes Rau scharf kritisiert. Heftigkeit und Hochmut des Urteils mancher Politiker über Wissenschaftler seien erschreckend, sagte die Direktorin am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie dem Berliner «Tagesspiegel». «Dass sich einige Politiker so stark auf den Katholizismus berufen, finde ich intolerant. Ich denke nicht, dass die katholische Kirche das Recht hat, dogmatisch Ethiknormen festzulegen.»
Die Nobelpreisträgerin ist neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit auch Mitgebründerin von Artemisie Pharmazeuticals. Das Biotech-Unternehmen arbeitet an Arzneimitteln auf genetischer Basis. Sie warf Rau vor, in seiner Rede zur Gentechnik eine «ausgesprochen wissenschaftsfeindliche» und «extrem konservative» Haltung eingenommen zu haben. Die vom Bundespräsidenten geäußerte Befürchtung, nun sei der genetische Neuentwurf des Menschen möglich, sei «vollkommen überzogen», meinte Nüsslein-Volhard, die auch von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in den Nationalen Ethikrat berufen wurde.
Sie sprach sich gegen ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) aus, also des Gen-Tests beim Reagenzglas-Embryo. «Man sollte die Entscheidung den Frauen überlassen.» Wenn deutsche Forscher mit menschlichen embryonalen Stammzellen forschen wollten, sei dies legitim, meinte die Biologin. Allerdings werde das Potenzial dieser Zellen für die Medizin vermutlich überschätzt.