06.05.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Mit einem kalkulierten Tabubruch eröffnet die neue «Körperwelten»-Schau in Berlin. Während Gunther von Hagens wortreich erklären lässt, warum seine Plastinate nun auch beim Sex zu sehen sind, freuen sich vor allem seine treuen «Körperspender» im Publikum, beobachtete Kerstin Rottmann .
Der Beginn des Lebens ist zart und watteartig, und doch - schon in der elften Schwangerschaftswoche lässt sich an dem Embryo in seinem Glasröhrchen schon ein Mensch erkennen.
Bereits die ersten Ausstellungsobjekte von Gunter von Hagens neu konzipierter Schau «Körperwelten» gehen unter die Haut. Zu sehen sind tote Embryonen und Kinder in allen Stadien des Lebens und mit diversen Missbildungen. Der erste Tabubbruch der viel diskutierten Ausstellung - und bei weitem nicht der Spektakulärste.
Lebensweisheiten von SchopenhauerDenn in «Der Zyklus des Lebens» - so heißt die neue rund 200 menschliche Präparate umfassene Schau des Heidelberger Präparators - präsentiert sich der mitterweile 64-Jährige «Plastinator» auch einen neuen, spektakulären Aufreger: Erstmals zeigt von Hagens zwei Tote beim Sex.
Schon vorab waren die Bilder des Pärchens (er liegt auf dem Rücken, sie sitzt, mit dem Kopf nach vorne auf ihm) exklusiv in der «Bild»-Zeitung zu sehen, einen Tag drauf lieferte das Blatt dann noch Statements empörter Politiker nach («ekelhaft»). Ein Mini-Aufreger, passend zur Pressekonferenz am heutigen Mittwoch im Berliner Postbahnhof, wo die Schau fortan zu sehen sein wird. Dort stellten sich inmitten schwarz verhangener Ausstellungswände, von denen neben den allbekannten Querschnitten der präparierten Leichen nun auch Lebensweisheiten von Mark Twain, Schopenhauer und Ursula Andress (ja, die Schauspielerin) über den Wert des Lebens und die Schönheit des Alterns informieren.
Denn ja, diese «Körperwelten»-Schau sei «völlig neu» konzipiert, freut sich Kuratorin Angelina Whalley, die neben dem - wie immer mit Beuys-Hut und Weste - Veranstalter und einem neuen Haus-Philosophen Prof. Franz Josef Wetz Werbung in eigener Sache betreiben kann. Der dynamische 51-jährige übernimmt den auch flott die Präsentation und weist schon einmal vorsichtshalber die «deklamatorische Empörung» zurück, die wohl wieder durch die Presse gehen werde. Allein das Wort «Totenruhe» sei ja schon ein demagogisches Produkt, so der braungebrannte Ethiker mit dem T-Shirt unterm Jackett, denn schließlich «verfällt da ja nur ein Leichnam unter der Erde».
Leiden am «Geist der DDR»Auch hätten alle Spender bereits vor ihrem Tod unterschrieben (natürlich mit Ausnahme der Embryonen), dass sie möglicherweise eben auch in einer so intimen Szenerie als Plastinat enden könnten, springt ihm Frau Whalley bei. Und überhaupt, die «Körperspender» - die sind an diesem Mittwochmittag reichlich erschienen. Zu erkennen sind sie an kleinen Plastikschildern am Revers, und ja, sie zeigen und äußern sich auch gern. «Bitte zeigen sie doch mal auf», so die Veranstalter, und prompt outet sich fast die Hälfte der Zuhörer als künftige Plastinate, während die Journalisten fast ein bisschen verschreckt um sich blicken.
Die meist unauffällig gekleideten «Körperspender» mittleren Alters sind es denn auch, die besonders beifällig nicken, als Gunther von Hagens erklärt «Für mich ist es wichtig, nicht zensiert zu werden», denn als «Ex-Ossi» habe er da schlimme Erfahrungen gemacht und selbst jetzt wehe in ihn Brandenburg ( wo er derzeit eine seiner Plastnations-Werkstätten betreibt) noch immer der «Geist der DDR» unheilvoll an. Großes Nicken und «Jaja»-Gemurmel an der Körperspenderfront, während Von Hagens zum wiederholten Male auf den Sexualaufklärer Oswald Kolle zurückkommt, dessen Werk er nun - sozusagen über den Tod hinaus?! - fortzusetzen gedenke.
Bitte Ausweis zeigen...Aber selbstverständlich seien sie, die Veranstalter sich ja auch der «großen Verantwortung» bewusst, die die Präsentation zweier kopulierender Toter nun mal beinhalte, schiebt Kuratorin Whalley hinterher. Von daher herrsche in dem extra abgetrennten Raum zum einen ein absolutes (mit Ausnahme von «Bild»?) Fotoverbot, zum anderen sei Kindern unter 16 Jahren der Eintritt nicht gestattet. Und tatsächlich prangen große Verbots-Schilder und die Aufforderungen, einen Lichtbildausweis bereit zu halten, vor dem sogenannten «Kabinett der Anatomie», das von Wachleuten abgeschirmt wird. Drinnen findet sich dann die ein bisschen wie in einem Edel-Puff inszenierte Liebesszene - das Pärchen kopuliert vor einer Spiegelwand, unter einem riesigen Kronleuchter und, nun ja, auch dieses Plastinat ist detailreich und anatomisch korrekt.
An der Wand informiert passend dazu noch eine der zahlreichen zwischen Banalität und Basiswissen gehaltene Schautafel darüber, dass sich der männliche Penis innerhalb der Frau biegsam wie ein Steuer-Knüppel bewegen könne - erstmals erforscht in einem Magnet-Tomographen und nun schlagend demonstriert vom «Körperwelten»-Macher. Klar, dass bei soviel kalkulierter Provokation wohl auch das Publikum nicht ausblieben dürfte.
26 Millionen Besucher können nicht irren - oder? So viele Menschen haben nach Angaben der Veranstalter bereits weltweit die Schau «Körperwelten» gesehen, allein in Berlin kamen zuletzt 1,3 Millionen Anatomie-Interessierte.
Von Donnerstag an ist «Der Zyklus des Lebens» auch der Öffentlichkeit zugänglich - für 17 Euro Eintrittsgeld.