«Supertalent»-Sieger weg von der Stütze - oder?: Hartz IV wird zum Hit01. Dez 2008 10:36  |  Michael Hirte mit Mundharmonika nach dem Sieg am Samstag | Foto: dpa |
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Erst Thomas Godoj, nun Michael Hirte: Talentshows wie «DSDS» oder «Das Supertalent» verkaufen neben den Begabungen ihrer Teilnehmer auch deren soziale Abstiegsgeschichte. Was aber bleibt, wenn die Kameras aus sind?, fragt Kerstin Rottmann.
Einen besseren Werbetexter als das Leben hat auch RTL nicht: «Von der Fußgängerzone auf die große Bühne», schreibt der Sender in seiner Pressemitteilung zur gerade beendeten Staffel der Sendung «Das Supertalent». Ein Straßenmusiker namens Michael Hirte ist dort am Samstag von über 70 Prozent der Anrufer zum Sieger gekürt worden. Der 44-Jährige, ein arbeitsloser Hartz-IV-Empfänger, in Scheidung lebend und immer wieder von Krankheit und Unglück geplagt, spielte bis vor kurzen noch in der Potsdamer Fußgängerzone Mundharmonika, um ein bisschen Geld zu verdienen. Am Samstag, im Finale der RTL-Castingshow, trat Hirte gegen neun andere Teilnehmer an. Fünf von ihnen waren noch Kinder, aus zumeist behüteten Elternhäusern, wie «Teufelsgeier» Lucas Wecker, der mit seinem Vater zuhause Musik machte.
Dank an die Showbranche
Sie haben ihre Chancen wohl noch vor sich, bemühte sich auch die Jury immer wieder zu betonen. Beinah unisono hingegen fielen die Lobeshymnen von Dieter Bohlen, Bruce Darnell und Sylvie van der Vaart für den 44-jährigen Brandenburger aus. Immer wieder wurde das harte Schicksal Hirtes, kaum je sein Talent als Mundharmonikaspieler thematisierten. «Kein Mensch hat es so verdient zu gewinnen wie du», sagte Musikproduzent Bohlen etwa.
Hirte habe trotz aller Schicksalsschläge nie aufgegeben, er mache den Menschen Mut, so Bohlen, der in Hirtes Einstellung offenbar eine gewisse Nähe zu den Tipps in seinem Ratgeberbuch «Der Bohlenweg» sah. Ganz unverhohlen sagte der Juror gar in die Kamera: «Bitte ruft alle an für ihn!» Ein wenig beschlich den TV-Zuschauer da der Gedanke, dass fortan soziale Abstiegsgeschichten wie es sie zu hunderttausenden in Deutschland gibt, mittlerweile symbolisch in Fernsehshows gelindert werden sollen. Lkw-Fahrer Hirte lag nach einem Unfall lange im Koma, seiner eigentlichen Arbeit kann er wegen eines kaputten Beins und eines erblindeten Auges nicht mehr nachgehen. Der Staat kann und will ihm da nicht helfen - wohl aber die Unterhaltungsindustrie. Danke RTL, danke «Supertalent»!
Was bleibt?
 |  Thomas Godoj und Michael Hirte | Foto: AP/dpa |
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Nun also kann sich Deutschlands derzeit wohl bekanntester Hartz-IV-Empfänger über einen Gewinn von 100.000 Euro freuen. Eine echte, langfristige Lösung für seine Probleme dürfte aber auch das nicht sein, wie auch schon die «Bild»-Zeitung weiß. Denn da wären alte Gläubiger (Hirte hat laut dem Blatt Schulden), die Noch-Ehefrau («Auch mir steht ein Teil des Preisgeldes zu», zitiert sie die Zeitung), der Staat (ob der Gewinn besteuert werden muss, ist noch offen) und natürlich das Amt: Hirtes Hartz-IV-Bezüge von 351 Euro im Monat dürften mit sofortiger Wirkung gestrichen werden, oder aber es drohen Rückzahlungen. Viel übrig bleiben könnte von der zunächst so groß anmutenden Summe letztlich also nicht.
 |  Michael Hirtes erstes Album | Foto: Promo |
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Und anders als bei seinem «Kollegen» Thomas Godoj, der, damals ebenfalls ein Hartz-IV-Empfänger, im Sommer die RTL-Show «Deutschland sucht den Superstar» gewann, war mit dem Gewinn des «Supertalents» kein Plattenvertrag verbunden. Den allerdings hat Hirte trotzdem bekommen. Ende der Woche erscheint via Sony BMG Hirtes erstes Album, mit dem Titel «Der Mann mit der Mundharmonika». Bei Amazon steht sie via die Vorbestellung der Fans schon ganz oben in den Charts, und somit auch vor dem Tenor Paul Potts, der britischen Variante des «Hartz-IV»-Künstlers. Nun also hat die Solidargemeinschaft der «Supertalent»-Fans Hirtes Schicksal in den Händen. Bitte losgehen und alle kaufen, würde Dieter Bohlen wohl sagen.
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