Kommentar zum TV-Aus der «Literaturpäpstin» : 

netzeitung.deEitelkeiten! Peinlichkeiten!

 Herausgeber: netzeitung.de

'Lesen!' vorm Rettungsring - sieht irgendwie symbolisch aus, oder? Elke Heidenreich, als sie noch beim ZDF moderierte (Foto: ZDF<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Lesen!' vorm Rettungsring - sieht irgendwie symbolisch aus, oder? Elke Heidenreich, als sie noch beim ZDF moderierte
Foto: ZDF
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Streit um die Qualität des Fernsehens hat ein Bauernopfer gefunden: Elke Heidenreich und ihre Sendung «Lesen!». Ein Befreiungsschlag der ZDF-Oberen, der letztlich sinnlos ist. Kerstin Rottmann sieht jedenfalls nur Verlierer, allüberall.

«Von mir aus schmeißt mich doch raus», hatte Elke Heidenreich vor noch nicht einmal zwei Wochen in Richtung ihres Arbeitgebers ZDF gerufen. Nun ist es soweit: Mit sofortiger Wirkung hat sich der Sender von der Moderatorin und ihrer Sendung «Lesen!» getrennt. Auslöser war offenbar nicht nur ihre Polemik in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» (FAS), in der Heidenreich sowohl die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises als auch ihren Sender massiv kritisiert hatte - ein Text, der in dem offenen Aufruf zum Rauswurf endete.

Auch in den vergangenen Tagen legte Heidenreich nach - teils sachlich, in einem ebenfalls in der «FAS» erschienenen Text, der deutlich machte, wie sehr die 65-Jährige um den Fortbestand und eine bessere Präsentation ihrer Literatursendung kämpfen musste. Gleichzeitig aber teilte die Moderatorin und Journalistin auch gegen ZDF-Gesicht Thomas Gottschalk («müder alter Mann») aus, und ließ durchblicken, dass sie die Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki an jenem denkwürdigen Abend im Kölner Coloneum lieber selbst gehalten hätte, und das, so ihr Unterton, natürlich vieeeel besser.

Muppet-Show der Kritiker
«Elke hat sich miserabel benommen, sie hat auch noch intrigiert», fiel daraufhin dann wieder Reich-Ranicki der selbst ernannten «Literaturpäpstin» in den Rücken, während im Hintergrund Thomas Gottschalk leise grantelte und sich selbst aus «Lesen!» wieder auslud. Und die TV-Zuschauer? Die fühlten sich spätestens nach dieser jüngsten verbalen Posse in die Muppet-Show versetzt, in der zwei grantelnde Alte von ihrem Balkon aus das Geschehen, das eigentlich längst an ihnen vorbei geht, umso verbitterter kommentieren.

Das ZDF hat nun einen kühnen Schnitt vollzogen: Auch die beiden noch ausstehenden Folgen der Buch-Sendung wurden gekippt. Dass der Sender sich auf diese Weise von Heidenreich trennt, ist einerseits verständlich und geradezu erlösend. Die so deutlich verkündete Trennung - «eine gedeihliche und sinnvolle Zusammenarbeit (ist) nicht mehr möglich» - soll offenbar ein Befreiungsschlag sein, der die leidige, seit Wochen andauernde Debatte über das Fernsehen und seine Protagonisten endlich beenden soll. An einem «Nachfolgeformat» werde bereits gearbeitet, so Programmdirektor Thomas Bellut. Alle Augen nach vorne und weiter so also? Wohl kaum. Nein, meine Damen und Herren Programmverantwortlichen, so einfach geht das nicht. Denn wohin man nach Tagen der Kontroverse blickt, es gibt nur Verlierer.
Wirrer MRR, eitler Gottschalk
Marcel Reich-Ranicki, der für seine viel beachtete «Wut-Rede» («Blödsinn») und die Ablehnung des Fernsehpreises erst viel Lob bekam, zerstört die Signalwirkung seiner Rede durch immer neue Wortmeldungen, letztlich wirkungslose TV-Auftritte und dann noch eine peinliche «ironische» Werbekampagne für die Telekom, von der er selbst offenbar nicht so genau zu wissen schien, warum er ihr überhaupt zugestimmt hat. Oder Thomas Gottschalk. Erst viel gelobt für sein spontanes Reagieren beim Deutschen Fernsehpreis, kehrte der TV-Titan im Laufe der Debatte jedoch schnellstmöglichst zu dem Thema zurück, dass ihn am meisten interessiert: Gottschalk, Gottschalk und nochmal Gottschalk. «Das Feuilleton tritt mich in die Tonne, aber die Klofrauen jubeln mir zu», schmollte Gottschalk in der ZDF-Versöhnungssendung «Aus gegebenen Anlass».
Der größte Verlierer? Wir Zuschauer
Dann natürlich Elke Heidenreich, die in einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Bedeutungshuberei sich offenbar selbst als letzten Leuchtturm in einem Meer von Schwachsinn wahrgenommen hat - aber offenbar doch immer wieder selbst gerne in die Fluten gesprungen ist, angeblich ja nur ob der Literatur und der vielen guten Bücher willen. Dann natürlich das ZDF, das nun eine seiner wenigen profilierten Kritikerinnen mundtot macht und Heidenreich so ungewollt auch noch zu einer Art Märtyrerin des gehobenen Anspruchs macht. Am meisten gelackmeiert aber sind ohnehin mal wieder die Zuschauer und GEZ-Zahler.

Die fühlten sich nämlich - das zeigt eine Flut von Leserbriefen und Zuschauerkommentaren, die sicherlich nicht nur die Netzeitung erhalten hat - nämlich durchaus ernstgenommen in der ursprünglichen Kritik Reich-Ranickis an Banalität und Blödheit im deutschen Fernsehen. Nun können sie sich zumindest auf eines verlassen: Ändern wird sich auch nach diesem Eklat gar nichts. Die Öffentlich-Rechtlichen, die ja durch ihre Gebührenfinnazierung in einer besonderen Pflicht stehen, werden weiterhin ein Programm präsentieren, dass sich an den TV-Erfolgsformaten der Privatsender und an dem Primat der Quote orientiert.

Und die wenigen, ja durchaus vorhandenen Qualitätprodukte? Die werden wie so häufig versendet, schlecht präsentiert, oder tief in die Nacht verschoben. Beispiel gefällig? Am 26. Oktober, einem Sonntag, zeigt die ARD erstmals George Clooneys oscarnominiertes Politdrama «Good Night and Good Luck». Nicht zur besten Sendezeit, nein, zur einer ausgesprochen schlechten. Um 0.05 Uhr beginnt der Film. Noch Fragen?