13.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Gottschalk hört sich die Schelte Reich-Ranickis an
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Beifall, Jubel, aber auch Kritik und Unverständnis hat die Wut-Rede von Marcel Reich-Ranicki ausgelöst. Auch im Netz wird debattiert. Und MRR selbst? Der rechtfertigte sich ebenfalls noch einmal. Mit Video.
«Ganz und gar spontan» sei sein Ausbruch gewesen, so Marcel Reich-Ranicki zur «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» nach seiner viel beachteten Wut-Rede bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises. Unter ihm ein «harter Stuhl», vor ihm «erbärmliche Darbietungen» und «zwischendurch immer wieder Köche, nichts als Köche», so der 88-Jährige, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte, den Preis dann aber gar nicht annehmen wollte.
Sind die Köche schuld?«Das hat Sie so aufgebracht? Die Köche?», fragt die «Frankfurter Allgemeine» etwas konsterniert, und bekommt zu hören: «Ja, natürlich, die auch. Aber vor allem: Es war alles so unglaublich langweilig», barmte der Literaturkritiker. So sah das offenbar auch TV-Kritikerin Elke Heidenreich, die, ebenfalls für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» eine Gesamtschau des Abends lieferte. Auch die ist nicht frei von Eitelkeit, holt aber vor allem ebenfalls zum Totalverriss aus: «wie jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich», schreibt sie unter der Zeile: «Reich-Ranickis gerechter Zorn».
Eine «Zumutung» sei die Gala für den 88-Jährigen gewesen, zumal solche «Simpel» wie etwa Atze Schröder ihre «Possen» reißen durften. Gut, vielleicht war es keine ganz so gute Idee, ausgerechnet die diesmal ohnehin umstrittene Preiskrönung der «Besten Show» mit den Kandidaten «Germany's Next Topmodel» und «Deutschland sucht den Superstar» vor den Augen des Meisters zu zelebrieren. Als dann die Casting-Show von RTl auch noch gewann, war es immerhin Atze Schröder, der angesichts des leicht überforderten Moderators Marco Schreyl, der den Preis entgegennahm, noch so etwas wie Schlagfertigkeit bewies: «Vor'n paar Jahren stand hier noch (der mittlerweile nahezu vergessene, d. Red.) Carsten Spengemann», lästerte er trocken. Unterstützung bekam Schröder, der in Kapitänsuniform kam, wohl, um seinen neuen Film «U 900» zu bewerben, von Bastian Pastewka.
Doch nicht alles Blödsinn?Der fand den Auftritt von Reich-Ranicki «rätselhaft» und sieht einen «Anfall von Überforderung» bei dem 88-Jährigen. Zumal die Anzahl der Comedians auf der Bühne in diesem Jahr sehr reduziert gewesen sei: «(...) Atze Schröder, Ingolf Lück, Ralf Schmitz und das Schweizer Duo »Ohne Rolf« liefen auf und machten ihre Sache allesamt bestens», schreibt Pastewka auf Fernsehlexikon.de. Es sei «falsch», den Abend als «Blödsinn» abzustempeln, denn damit tue man den Nominierten, den Reportern und Cuttern unrecht. Ein «trauriger Höhepunkt» von Reich-Ranickis Schaffen sei der Ausbruch gewesen, der, so Pastewka weiter, nicht auch noch mit einer eigenen TV-Sendung belohnt werden dürfe. Die hatte Moderator Thomas Gottschalk dem Zürnenden nämlich angeboten - ein Angebot, bei dem «MRR» natürlich nicht nein sagte. Die Kommentare wiederum auf Pastewkas Zwischenruf hin sind gemischt: ein Johannes etwa schreibt auf Fernsehlexikon.de: «»immerhin ist jetzt eine Diskussion ausgebrochen, die dem Fernsehpreis hoffentlich nur gut tun kann«. »Meistermochi« sekundiert ebenfalls dem Alt-Kritiker: »er hat doch recht. heute wird mit dreck quote gemacht. (...) wo soll das hinführen?«
Reaktionen gab es am Rande der Verleihung auch von anderen TV-Prominenten. Der «Express» etwa zitiert Barbara Schöneberger: «Eine Sternstunde des Fernsehpreises, der beste den ich je erlebt habe. Wie die ganzen Fernsehmacher geschaut haben, war einfach köstlich.» Ähnlich alert reagiert auch Ex-RTL-Chef Helmut Thoma, der sagte: «Das war großartige Stand-up-Comedy. Ich schlage Reich-Ranicki für den nächsten Comedypreis vor.» Auch «Emma»-Herausgeberin Alice Schwarzer schwärmte: «Fantastisch! Ein Bruch mit den Spielregeln. Reich-Ranicki hat dagegen demonstriert, dass das Fernsehen uns Perfektion vorgaukelt.» So wurde die System-Kritik gleich wieder als Show-Element einverleibt. Weit weniger begeisterte Gesichter hingegen hatten die Kameras am Samstagabend eingefangen. Entsprechend äußern wollte sich hinterher offenbar keiner der TV-Prominenten. (nz)
Die Wut-Rede bei YouTube