01.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Objekt des Anstoßes: die Umhängetasche
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Vortreten, Tasche zeigen, und dann all den kindischen Mist rauswerfen: Der Berliner Autor Martin Reichert hat mit «Wenn ich mal groß bin» ein provokantes Selbsthilfe-Buch für Langzeit-Adoleszenten geschrieben. Gehören Sie auch dazu? Mit Bilder-Test.
Lange nichts mehr vom Lieblingsthema der deutschen Medien, der leidigen Generationendebatte, gehört? Das könnte sich ändern. Nach der Generation X, der Generation Golf und der Generation Doof hat der Berliner Autor Martin Reichert nämlich wieder eine Altersgruppe ausgemacht: die «Generation Umhängetasche».
Die lässt sich praktischerweise sogar optisch einkreisen: Dazu gehören, so Reichert, (selbst übrigens Jahrgang 1973) vor allem solche Zeitgenossen: «Sie sind 34, tragen Drei-Tage-Bart am ganze Kopf, ein verwaschenes American-Apparel-Sweat-Shirt, Acne Jeans, eine Sonnenbrille, die größere Gläser hat, als Jacqueline Kennedy sich jemals hätte vorstellen könne und morgens nach dem Aufstehen tut ihnen der Rücken weh? Mir geht es ähnlich», schreibt der Autor.
Weg mit dem BallastLetzteres wiederum die Rückenschmerzen! - könnte an einer der großen Tasche liegen (vorzugsweise aus LKW-Planen gefertigt, schön robust, aber, ach, auch ein wenig schwer), in der der oder die moderne Urbanistin all jene Dinge mit sich herumschleppt, die eine veritable Existenz als Trendsetter, Ich-AG und digitaler Bohemien überhaupt erst möglich machen. Weg mit all' dem Ballast, fordert der studierte Historiker und «taz»-Redakteur». Reichert ermuntert seine Leser dazu, sich aus der ewigen Adoleszenz und ständigen Unverbindlichkeiten zu lösen.
Fokus ein bisschen hauptstadtlastigSeine Zielgruppe hat Reichert dabei vor allem bei Recherchen in Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg gefunden. In der Provinz sind die Vertreter des koketten Narzissmus a lá «Wir sollten eigentlich erwachsen werden» - wie er auch im Zentralorgan der «Generation Umhängetasche», der Zeitschrift «Neon» propagiert wird - zahlenmäßig deutlich seltener zu finden. Entscheidungen also sind angesagt, so sein Fazit. Vom Dauerpraktikantenstatus mit Iwmm-Syndrom «Mein Job? Irgendwas mit Medien wäre schön» sollten sich die heute 20 bis Nahe-Vierzigjährigen also endlich verabschieden, ebenso von der Unverbindlichkeit im Privaten. Klare Bekenntnisse sind gefragt, und die dekliniert Psycho-Onkel Reichert denn auch Schritt für Schritt durch.
Jedes seiner Kapitel ist nach einem anderen Gegenstand in der Umhängetasche benannt. Als da wären Laptop, MP3-Player, Energy-Drink und Harry-Potter-Buch, aber eben auch ganz alltägliche Gegenstände wie Zahnbürste, Socken, Kondome und Schlüsselbund. Ihnen allen ist gemein, dass sie auch etwas über die Lebenseinstellung ihres «Mitschleppers» verraten. Mit diesem einfachen Kunstgriff trägt der 35-jährige Autor gut beobachtete, flott geschriebene Alltagsminiaturen zusammen.
Kaufst Du noch oder lebst du schon?Mit bemerkenswerter Klarheit zeigt Reicherts Buch dabei auch, dass es mit der viel beschworenen Individualität manch junger Erwachsener eben doch nicht so weit her. Stichwort: Kaufst Du noch oder lebst Du schon? Der angeleitete Blick in die eigene Umhängetasche ob nun von Crumpler, Ortlieb, Freitag oder einfach nur NoName kann da ein heilsamer Schock sein. Ertappt, denkt sich dann der reuige Leser, denn irgendwie shoppen und tragen ja doch immer alle fast dasselbe, und kommen sich dabei trotzdem irgendwie voll speziell vor. Und ja, zumindestens aus konsumkritischer Sicht ist Reichert tatsächlich eine amüsantes Generationen-Porträt gelungen.
Martin Reichert: Wenn ich mal groß bin - Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche; Fischer-Verlag, 8,95 Euro.