Der unermüdliche Aktivist Holdt: «Wo geht’s zum nächsten Slum?«09. Jul 2008 13:02, ergänzt 11. Jul 2008 10:18  |  Jacob Holdt | Foto: Jacob Holdt/Website |
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In den 70ern reiste Jacob Holdt durch die USA und dokumentierte, was er sah. Über 15.000 Fotos entstanden so, teils schockierend intime Bilder von Armut und Gewalt. Mittlerweile gilt seine Arbeit als Kunst. Dem 61-jährigen Dänen ist das gar nicht recht, erfuhr Kerstin Rottmann.
Alt ist er geworden, doch das weiß gewordene Haar trägt er noch immer lang und offen über die Schultern. Auch der geflochtene Bart, Jacob Holdts Markenzeichen, ist noch da. Ein entwaffnendes Äußeres, eines, das das Gegenüber sofort als Signal empfindet: Hier kommt ein ganz friedfertiger Zeitgenosse. Dabei ist mit Jacob Holdt nicht zu scherzen. Dieser Mann, und das merken auch die Zuhörer bei seiner Vorlesung im Berliner Postfuhramt, hat eine Mission. Auf drei Stunden ist die «Lecture» anlässlich der Fotoausstellung zum Fotografiepreis der «Deutschen Börse» in der Galerie c/o Berlin angelegt, doch schon nach den ersten Minuten merkt man: Hey, das könnte noch ein bisschen länger dauern.
Revolution im kleinen
«Amerikanische Geschichte, fotografisch porträtiert durch meine Freunde während der vergangenen 30 bis 36 Jahre» – so wirft der Foto- Beamer das Thema des Nachmittags als Satz an die Wand. Grundlage seines Vortrages, ja Grundlage all seiner Aktivitäten in den vergangenen Jahren sind eben diese Fotos, die Holdt bereits 1977 unter dem Titel «American Pictures 1970 – 1975» in einem viel beachteten Buch veröffentlicht hat. Mit Anfang 20 war der Sohn einer gutbürgerlichen dänischen Familie (Vater und Großvater hatten Ministerämter inne) von Kopenhagen nach Südamerika aufgebrochen, um dort in Chile für Allendes Revolution zu kämpfen.
«Wie haben Sie das gemacht?»
Dort kam er nicht an. Stattdessen trampte Holdt fünf Jahre lang fast mittellos durch die USA, schlüpfte bei den Ärmsten der Armen unter, und das oft auch in den gefährlichsten Gegenden der Stadt. Über 15.000 Fotos entstanden mit seiner kleinen Canon-Pocketkamera im Laufe der Jahre. Das Geld für seine Filme finanzierte sich Holdt durch Blutspenden, zwei mal die Woche musste er für zwei Rollen spenden. Seine Aufnahmen gerieten intim und eindrucksvoll, zeigen Mörder, Prostituierte, Transsexuelle, Obdachlose, aber auch lebenslustige Playboys und Mitglieder des Rockefeller-Clans, vor allem aber immer wieder farbige US-Amerikaner, die in oft schockierender Armut leben. «Wie haben Sie das gemacht?», werde er noch heute gefragt, erzählt Holdt, sichtlich amüsiert, und beginnt mit seinem legendären, schon tausendfach gezeigten Dia-Vortrag.
Zwanzig Jahre später, gleiches Motiv
 |  | Foto: Jacob Holdt bei c/oBerlin |
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Nun geht es Schlag auf Schlag, Bild auf Bild. Hunger in Amerika, 1975, Bethel, North Carolina, steht auf einer Aufnahme. Zu sehen ist ein kleines Mädchen vor einem verdreckten, fast leeren Kühlschrank. Klick, nächste Aufnahme: zwanzig Jahre später, anderes Mädchen, gleiches Motiv. «So sieht Hunger auch noch heute aus», erklärt der mittlerweile 61-Jährige. Bis heute pflegt er den Kontakt mit den Menschen auf seinen Bildern, fotografiert sie auch immer wieder. Einige positive Geschichten hat er zu erzählen, aber, so Holdt, auch jedes Jahr neue Damen zu vermelden. «Jedes Mal, wenn ich meine Freunde in den USA besuche, erfahre ich von einem neuen Mord» (im Bekanntenkreis), erzählt er. Selbstmorde, Krankheiten, Alkoholismus und eben immer wieder Morde – das Leben spielt seinen Freunden hart mit.
Dennoch, und darauf legt Holdt großen Wert, habe er in all den Jahren viel Liebe und Zuneigung erlebt und selbst erfahren. Das, so der Sozialaktivist, der das Wort Künstler für sich vehement ablehnt, sei auch die wichtigste Botschaft der Antirassismus-Workshops, die er anhand seiner Fotos (übertitelt: Fotografien für den sozialen Wandel) noch heute abhält. «Habt keine Angst vor den Leuten», lautet seine Botschaft, denn Gangster, Mörder oder Junkies verhielten sich dann eben auch so, als müsste man vor ihnen Angst haben. In den ersten zwei Jahren seiner Tramperzeit sei er deshalb mehrfach überfallen, mit der Waffe bedroht und zusammengeschlagen worden. Seitdem «nie mehr», versichert er, und: «Ich fühle mich auch im tiefsten Ghetto total sicher.» Bis heute gehe er gezielt in die «schlimmsten Gegenden» eines jeden Landes, in das er neu reise und frage gar die lokale Polizei: «Wo ist der schlimmste Slum?.» Dort lebe er dann und «ich liebe es». Wieso das klappt?
Hommage an Mugabe
 |  | Foto: Jacob Holdt über c/oBerlin |
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Ganz einfach: «Du bist gut! Ich kann Dir vertrauen!», das sei seine Botschaft an die Menschen gewesen, und die hätten sich, so der Mann mit der wallenden Mähne, genauso verhalten. Gut, manchmal sei er mit seinem Enthusiasmus vielleicht ein wenig zu weit gegangen. Damals, Anfang der Achtziger in Simbabwe etwa, als Holdt den neu gewählten Premierminister so sehr bewunderte, dass er sogar seinen neu geborenen Sohn nach ihm nennen wollte: Mugabe. Gut, dass daraus dann doch nichts geworden ist, sagt er grinsend. Auch seine Ehe mit einer Farbigen, der jungen Annie, habe nicht geklappt. Selbstkritisch und wie immer radikal offen erklärt Holdt dem staunenden Berliner Publikum: «Ich habe mehr Zeit mit den Negern im Ghetto als mit ihr verbracht. Letztlich habe ich sie genauso allein gelassen wie viele farbige Männer ihre Frauen.»Besser funktioniert haben seine ungewöhnlichen Therapieansätze: Bis heute, so Holdt, bringe er in den USA Mitglieder des Ku-Klux-Clans mit Farbigen zusammen – Klick: hier ist der Fotobeweis – und zeige auch den wohlhabenden weißen Studenten – Klick: Bilder aus den Seminaren – wie sehr sie der alltägliche Rassismus in den USA im Griff habe. Ansonsten aber, und auch darauf legt Holdt großen Wert, liebe er Amerika. Ein großartiges Land sei das! Aber in der Diskriminierung der Schwarzen, der Armen, der Frauen eben genauso wie alle anderen Länder der Erde. Die Solidarität mit armen Weißen hingegen, die «habe ich erst lernen müssen», gibt Holdt denn auch zu. In der Neuauflage seines «American Pictures», die im Steidl-Verlag erschienen ist (und ihm, neben drei anderen Kandidaten, auch die Nominierung für den diesjährigen «Deutsche Börse Photography Prize» einbrachte), nehmen die Aufnahmen der dekadenten Oberschicht denn auch mehr Raum ein.
«Ich kann nichts dafür!»
 |  | Foto: Buchcover |
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Holdt selbst nimmt das nicht leicht. Immer wieder grantelt er gegen «diese Steidl-Leute» und ihre Bildauswahl («Warum das im Buch ist?» Klick – junge Frau beim Hummeressen – Klick, weg damit – «Ich weiß es wirklich nicht!») Der Betrachter aber ahnt, warum. Es sind Bilder, die von ihrer Ästhetik an die Bilder von Nan Goldin erinnern, aber auch an die heutzutage noch immer angesagte Werbeoptik eines rauen, fast schäbigen Chic. Jacob Holdt mag sich damit nicht abfinden. Klick: «Hier, das einzige Foto, für das ich je einen Preis bekommen habe», sagt er und zeigt das Bild eines jungen schwarzen Mädchens aus Georgia, das durch ein zerrissenes Fliegengitter blickt. «Ich kann nichts dafür», beeilt er sich zu sagen. Das Bild stamme von seiner Homepage, einer ebenso unübersichtlichen wie reichhaltigen Webpräsenz, und sei ohne sein Wissen eingereicht worden. Dass es gewonnen habe, sei fast schon bitter, sagt Holdt und schüttelt den Kopf, das sein Zopf nur so fliegt, und sagt beinah verzeifelt. «Ich weiß nämlich gar nichts über dieses Mädchen!». Ein ganz untypischer Holdt also – für ihn zählt stets der Mensch, nicht ein auch noch so gelungenes Motiv. Gut also, dass er auch diesmal leer ausgegangen ist – den «Deutsche Börse Photography Prize 2008» erhielt Esko Männikkö. Die Ausstellung von Jacob Holdt ist noch bis 13. Juli, täglich 11 bis 20 Uhr, bei C/O Berlin zu sehen.
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