Neuer Feminismus oder alte Probleme?:
Wider das geistige Girlietum
14.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Mit einer ebenso fulminanten wie auch hörbar beleidigten Rede hat sich die Autorin und «Emma-Chefin» bei ihrer Auszeichnung mit dem Ludwig-Börne-Preis im boomenden Feminismus-Debattengeschäft wieder zurückgemeldet. Mit Ironie und Polemik attackierte die ausgerechnet von TV-Moderator Harald Schmidt prämierte 65-Jährige den «Wellness-Feminismus» der jungen Autorinnengeneration. Für diese (namentlich nicht genannten) «Post Girlies», die Pornos und Prostitution nicht sonderlich verwerflich fänden, wolle sie sich jedenfalls nicht einsetzen.
Die einen finden die exhibitionistische Lebensbeichte einer promisken und masturbationsfreudigen jungen Frau einfach nur unappetitlich, die anderen sehen entweder Literatur oder gar politische Aussage am Werke. Wahlweise eben jenen angeblich neuen Feminismus, dazu noch eine Rebellion gegen Perfektionszwang, weibliche Hygiene, mediale Schönheitsideal, ach, warum nicht gleich ganz die westliche Konsumgesellschaft. Wie auch immer Roches Buch hat ein gewaltiges Echo gefunden, das es, mangels Substanz, eigentlich nicht verdient hätte.
Vielleicht, weil auch ihre Bücher eine Art geistiges Girlietum atmen, dass Leserinnen von Frauenzeitungen, aber auch von betont Ich-bezogenen Zeitgeistpostillen wie «Neon» (der Zeitschrift für die «Generation Umhängetasche», wie die «taz» gerade erst ätzte) nur allzu vertraut sein dürfte. Dreh- und Angelpunkt dieser Weltsicht ist die gnadenlose Ich-Perspektive, angesiedelt ungefähr auf gefühlter Bauchnabelhöhe. Hensel und Rather etwa verschwenden einen Großteil ihrer über 200 Seiten Text auf die intime Schilderung ihrer diversen Liebschaften. Haaf, Klingner und Streidl wiederum haben sich eine Lebenshilfe-Prosa angeeignet, die aus Zeitschriften wie «Maxi» oder «Jolie» stammen könnte. Habt Mut, traut Euch, ihr seid okay, wir schaffen das schon all das wird verbunden mit durchaus ambitionierten Kurzabrissen über den «Alten Feminismus» (Mein Bauch gehört mir), Tipps für die Verhütung (Pille muss nicht immer sein) oder einem Appell für ein besseres, selbstbewussteres Körpergefühl («Schönheit macht unser Leben nicht besser, bringt uns keine Freundschaften und wird uns nicht glücklicher machen») entsteht so ein etwas betulich wirkendes Step-by-step-Programm.
Dort spürt die junge Kollegin erstmals am eigenen Leib jene gläserne Decke, die so vielen Frauen das Weiterkommen in der Arbeitswelt verwehrt. Die wichtigen Themengebiete vergeben. Die junge Kollegin allenfalls als Augenweide, als Date zum Essen oder als Lieferanten eines schon vorab verlachten Textes über eine Sexmesse (ha, ha) in der Hauptstadt zu gebrauchen.
Hensels Schilderung eines maskulin geprägten, ja machohaften Milieus durchaus einflussreicher, der Macht nahe stehender Meinungsmacher ist ebenso entlarvend wie deprimierend. Ja, schlimmer noch, ihr Beobachtung lässt sich auch auf andere Sphären der Berufswelt ausdehnen. «Wenn ich an viele meiner Freunde denke, die als Mediziner, Journalisten, Schauspieler, in Verlagen, in Agenturen, beim Film, bei Zeitungen und in Rundfunk- oder Fernsehsendern, in der Wirtschaft und in Forschungseinrichtungen frei oder angestellt arbeiten, dann sind alle diese Menschen froh, dass sie dazugehören. Man lässt sie mitspielen. Gleichzeitig berichten nicht wenige über einen frustrierenden Arbeitsalltag, den sie jedoch so schildern, als ließe sich nichts dran ändern (...)». Ein hohes Maß an Unzufriedenheit also, und das bei den Menschen, die doch eigentlich schon in den kreativen, qualifizierten selbstbestimmten Berufsfeldern arbeiten.
Solche potentiell schlechten Arbeitsbedingungen beschreibt bezeichnenderweise auch das neue Schlagwort von der «Feminisierung der Arbeit». Gemeint sind Teilzeitmodelle, flexible oder gar prekäre Arbeitsverhältnisse, die aus Sicht von Soziologen in Deutschland immer häufiger werden. Keine guten Aussichten also für die «Alphamädchen», die frisch von Schule oder Universität kommen. Aber, und auch das ist Gleichberechtigung, eben auch keine allzu guten Aussichten für die Männer mehr. Und nein, ein «Wellness-Feminismus» wird da nicht weiterhelfen. Eher schon ein gemeinsamer Vorstoß beider Geschlechter, hin zu einer Arbeitswelt, die allen Beteiligten lebenswertere Perspektiven bietet. Wie hieß es doch in der «old school» Frauenbewegung der 70er Jahre: «Frauenrechte sind Menschenrechte». Dem ist nichts hinzuzufügen.
Jana Hensel/Elisabeth Raether: Neue deutsche Mädchen, Rowohlt Verlag.
Meredith Haaf/Susanne Klingner/Barbara Streidl: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht, Hoffmann und Campe Verlag.

