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Rainer Langhans im Gespräch: 

«Sexualität findet nicht zwischen den Beinen statt»

07. Mai 2008 07:59
'Statt unten was rauszuknallen, es nach oben und innen ziehen'
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Im zweiten Teil des NZ-Interviews erzählt Rainer Langhans von seinem Kampf mit der Enthaltsamkeit, und davon, was Pornos mit freier Liebe zu tun haben. Außerdem verrät er Julia Wilczok, warum er nicht als Guru gesehen werden will.

Netzeitung.de: Nachdem es mit der Kommune vorbei war, haben Sie sich dem Rückzug ins Innere gewidmet. Wie wichtig ist Spiritualität heute für Sie? Sind Sie eigentlich noch bei ihrem spirituellen Meister?

Langhans: Das ist tatsächlich mein Lebenskern, ohne den ich gar nicht existieren könnte. Ohne das wäre ich nicht mehr in diesem Körper. Wenn man diese spirituelle Seite nicht entwickelt, wird man ein ziemlich erbärmliches Alter erleben. Was soll man sonst machen, wenn sich der Körper von einem zurückzieht? Für Frauen ist das ja noch viel schlimmer, denn sie setzen noch mehr auf ihren Körper als wir Männer. Ich sehe das an meinem so genannten Harem. Die Frauen, obwohl sie alle noch wirklich gut beieinander sind, fühlen sich schon so sauschlecht und denken, mit ihren älteren Körpern nicht mehr konkurrenzfähig zu sein, eigentlich gar nicht mehr zu existieren. Was glauben Sie, wie furchtbar schwer es ihnen fällt, das zu erleben? Sie sind verzweifelt darüber. Da einen Weg zu finden, das ist sehr wichtig. Aber für uns Männer gilt das letztlich auch.

Die spirituelle Seite kann sich erst richtig entwickeln, wenn der Körper sich von uns zurückzieht, wir uns vom Körper zurückziehen. Das ist ja zum Beispiel auch bei Drogen so. Der Körper wird stiller gestellt, und dadurch kann sich der Geist entfalten. Das gleiche passiert übrigens auch bei peak experiences, jemand, der sich absichtlich in Todesnähe bringt, mit dem Motorrad fährt oder sich ins Bein schießt. Durch all diese Dinge wird der Geist befreit und so erlebt man ganz Fantastisches. Wenn ich mich an den Körper, der immer weiter vergeht, klammere, geht es mir bald so schlecht wie ihm. Wenn ich dagegen genießen kann, dass mein Körper sich zurückzieht und mein Geist dadurch immer weiter aufblüht, dann wird er umso jünger, je älter ich körperlich werde. Auch die jungen Leute heute sind auf einem guten Weg dahin. Das Leben im Internet ist ohnehin geistiger als das materielle. Das Netz ist ein gutes Trainingsfeld für Spiritualität. Wir sind nicht wirklich Tiere, wir sind Geist. Wir müssen nicht mehr so sehr um das körperliche Überleben kämpfen, also können wir zu unserem Geist kommen. Ich freue mich, dass ich heute leben darf, wo das fast alle Menschen tun können.

Netzeitung.de: Praktizieren Sie eigentlich immer noch die vergeistigte Sexualität?

Langhans: Es ist auch da wieder ein Entwickeln des geistigen Miteinander und der geistigen Erfahrung mit sich selbst. Indem ich die körperliche Seite von Intimität mit gewissen Techniken zurückdränge, erlebe ich eine ganz andere Form von Nähe. Übrigens ein sehr viel höheres Gefühl, das ich mit dieser ganzen Körpergeschichte nie habe erreichen können. Es ist fantastisch, dass man das in einer ansonsten körperlichen Sexualität erleben kann. Es heißt ja auch: Sexualität findet nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren statt.

Netzeitung.de: Jetzt mal ehrlich, Sie hatten seit 40 Jahren keinen Sex?

Langhans: Ich habe zunächst mit totaler Enthaltsamkeit experimentiert. Ich habe dann gesehen, dass ich das nicht kann, weil zu viel Energie, zu viel Identifikation noch in dieser körperlich-sexuellen Erlebensmöglichkeit steckt. Ich musste diese körperliche Erlebensmöglichkeit befreien und in geistige Erlebensformen überführen. Man kann die Energie immer weiter von da nach dort transferieren. So steht es auch in meinem Buch: Statt unten was rauszuknallen, es nach oben und innen ziehen. Das muss man üben. Ich kann sagen, es ist sehr schwierig und wer es versucht, wird merken, dass es so gut wie aussichtslos scheint. Scheint! Auch ein Grund, warum die großen Religionen den Sex gleich ganz verdammen. Dieses Üben ist von unglaublich vielen Versagens- und Zusammenbrucherfahrungen begleitet, aber man kommt voran und dann ist es sehr gut. Normale Sexualität finde ich inzwischen intimitäts- oder lustfeindlich. Sie ist nicht so lustvoll wie diese feinere Form. Also trotz des äußeren Anscheins: ja, kein ‚Sex’.

Netzeitung.de: Was sagen denn Ihre Frauen dazu?

Langhans: Für sie ist es besonders hart. Sie sagen immer wieder: «Das ist doch gar nichts im Vergleich zu dem anderen». Dabei sind Frauen zuerst durchaus mehr für dieses innere, dieses feinere Erleben als Männer. Doch wenn es noch weiter gehen soll, werden sie giftig und tun sich wahnsinnig schwer, ihren Körper wirklich loszulassen. Sie sagen: «Du willst mich als Weibchen auslöschen und wenn du das tust, dann gibt es mich nicht mehr». Und sie wissen ja auch, dass sie einiges tun können, um Männer mit ihren körperlichen Reizen, ihren psychischen Fähigkeiten zu verführen. Wenn sie das nicht hinkriegen wie bei mir, dann entsteht ein Hass, der sich gewaschen hat. Das ist der Hass des körperlichen Weibchens gegen ein Wesen, das ihnen diese Weiblichkeit nicht bestätigt, sie ihnen vielleicht sogar nimmt. Sie fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. Da habe ich Sachen erlebt, das glaubt man nicht. Dabei ist es doch klüger, das zu trainieren, was ich sonst leidvoll durch Krankheit, Depression oder ähnliches aufgezwungen bekäme.

Netzeitung.de: Den 68ern wird ja die Übersexualisierung der heutigen Gesellschaft vorgeworfen…

Langhans: Das ist einerseits richtig, andererseits auch falsch. Richtig ist es, weil wir damals in der Kommune gesagt haben: «Wir sind frei. Wir können alles tun». Das war aber gar nicht unsere Absicht. Wir wollten das ganze Leben in uns befreien und nicht bloß das bisschen Sexualität. Wir haben das laut gesagt und auch vorgelebt. Daraufhin sind Presse und Besucher gekommen und haben gesagt: «Was, ihr haltet euch an keine Regeln? Man darf alles?» Und was fällt denen dann bis heute immer nur ein - eben auch bei dieser sogenannten Harems-Situation? Sex. Den verklemmten Körpern ging und geht es immer nur um Sex. Dabei ging es uns um viel mehr. Sie dachten, Freiheit heißt immer Orgien, Bumsen und «Wer zweimal mit derselben pennt», dieser ganze Scheiß. Wir haben dann gedacht, wir können uns einen Wolf erklären, die schreiben doch bloß das eine. Also haben wir gesagt, schreibt was ihr wollt. Sie haben eben unsere Erfahrungen nicht gemacht. Heute werden die Menschen immer älter und es wird mehr Frauen geben als Männer. In diesen ‚Harems’ werden die 68er leben, denn sie werden nicht so einsam verrecken wie unsere Eltern. Was denkt die Presse dann wieder? Harem gleich Sex.

Netzeitung.de: Vielleicht würde es helfen, da einen anderen Begriff zu finden.

Langhans: Gut, die Jungen nennen sich heute Community, das ist ja im Grunde genommen nichts anderes. Sie nennen es nicht Harem, aber sie sind ja auch noch jung.

Netzeitung.de: Was halten Sie von Porno-Communities wie «Youporn»? Eine Weiterführung der freien Liebe von damals?

Langhans: Klar, so was wird natürlich auch freigesetzt, wenn jeder darf. Wir haben damals auch angefangen, so was zu machen: Pornos in unser Buch einzulegen, auch wenn das damals noch verboten war. Für einige Menschen, die sehr verklemmt waren, und sich mehr Liebesmöglichkeiten nicht trauten, war das offenbar die einzige Möglichkeit. Pornografie hat für diese Menschen etwas sehr Befreiendes. Im Netz ist da ja einiges los.

Netzeitung.de: Sie haben selbst mal an einem Porno mitgewirkt, dies später aber bereut. Wie kam es dazu?

Langhans: Bereut nicht, aber ich habe eine seltsame Einstellung dazu gehabt. Ich wollte damals Regie lernen, um Regisseur zu werden. Also habe ich bei vier Fassbinder-Filmen Regieassistenz gemacht und dann hat mich Ulli Lommel, mit dem ich befreundet war, als Regieassistent angefragt. Dann ist er damit rausgerückt, dass er so eine Art Kunstporno machen will. Ich fand das ganz grässlich. Es war zu spekulativ und es war nicht wirklich Kunst - eine ganz komische Sache. Aber ich hab eben gedacht, gut, wenn ich das lernen will, dann kann ich es vielleicht auch dabei. Wissen Sie, ich bin ja auch in die Bundeswehr gegangen, das ist ein anderer Porno. Man lernt sehr viel dabei. Gerade wenn man Dinge nicht besonders gut kann oder verabscheut, sollte man in extreme Lernsituationen gehen, wie es auch die Kommune war. Auch die Bundeswehr war eine extreme Kommune. Oder auch das Internat, auf dem ich war. Da lernt man sehr viel über sich, gerade mit anderen Menschen. Anscheinend habe ich immer wieder das Bedürfnis gehabt, mich in solche Begegnungs- und Lernsituationen zu begeben, weil ich kommunikationsgestört war. So ist auch der Harem eine intensive Form der Kommune, in der wir lernen, alt zu werden, zu sterben , indem wir uns selbst erkennen, spirituell werden. Ich möchte einfach viel lernen in diesem Leben, viel herausfinden, viel erkennen. So bin ich wohl auch in extreme Situationen wie diesen Pornodreh geraten. Ich fand schon die Drehs bei Fassbinder schwierig, weil die bisweilen seelenpornografisch waren. Diese Schwulenfamilie um Fassbinder war übrigens auch eine extreme Kommune.

Netzeitung.de: In den Medien werden Sie ja gerne als Macho dargestellt. Sehen Sie sich selbst so?

Langhans: Das resultiert aus dieser Sexgeschichte. Die Leute können sich die Sache mit dem Harem einfach nicht anders vorstellen. Dass so eine Gruppe wie wir, also vier Frauen und ein Mann, zusammenleben, ohne dass der Mann diese Frauen besitzt. Das ist eben dieses sexuell-normale Denken, bei dem es immer heißt, der Mann dominiert und wenn er sogar fünf hat, dann ist er der Obermacho.

Netzeitung.de: Es heißt immer, die heutige Jugend habe nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Wofür würden Sie heute kämpfen?

Langhans: Ich habe es schon damals gesehen: Man kann gar nicht mit anderen Leuten für äußere Dinge kämpfen, weil man dadurch nur sich selbst schädigt. Ein Grund, warum ich damals nicht in den Terrorismus gegangen bin. Ich denke, dass ihr Jüngeren sehr genau gesehen habt, was wir für Erfahrungen gemacht haben. Mit Kampf erreicht man letztlich nichts. Man erreicht nur etwas, wenn man das Bessere tut, nicht, wenn man gegen das Schlechtere kämpft. Und das tut ihr. Ihr lebt in diesem Netz und denkt gar nicht mehr daran, euch in irgendwelche Kriege und Kämpfe ziehen zu lassen. Wozu auch? Man verliert nur dabei. Ich selbst übrigens auch. Der Kampf steht gegen das gute Leben. Deswegen gibt es keinen Kampf für den Frieden, keinen Kampf für die Liebe. Das ist ein Widerspruch an sich. Man kann, man darf nur gegen seine eigene Schwäche ‚kämpfen’, aber auch dort ist es eigentlich nicht ein Kampf gegen meine Schwäche, meine Bewusstlosigkeit, sondern es ist eher ein Versuch, Kontakt aufzunehmen mit meiner Seele.

Netzeitung.de: Glauben Sie, das für sich erreicht zu haben?

Langhans: Oh nein! [lacht] Ich bin jemand, der sehr weit von großartigen Erfahrungen entfernt ist. Ich würde mich noch kaum als Schüler meines Meisters [Anm. d. Red. der indische Guru Kirpal Singh] bezeichnen, weil ich so dumpf, so lernunwillig und so träge bin, dass ich mich mit diesem inneren Kontakt noch wahnsinnig schwer tue. Insofern musste ich irgendwann von meinem hohen Ross heruntersteigen. Ich schaffe viel weniger, als ich früher mal von mir geglaubt habe zu schaffen. Da nimmt viel eher das Gefühl zu, was ich noch alles nicht kann und nicht bin. Manche Leute sagen: «Du bist doch ein Guru!» Diese Rolle nehme ich aber nicht an, weil ich zu wenig weiß und ein Lernender bleiben möchte. Lehrer lernen nicht.

Netzeitung.de: Wenn Sie so zurückblicken, worauf sind Sie stolz?

Langhans: Worauf soll ich stolz sein? Ich bemühe mich, würde ich sagen. Stolz sein hieße ja, dass ich einiges erreicht hätte und das kann ich nicht sagen. Ich finde eher, dass ich so viel noch nicht erreicht habe. Und wenn man stolz ist, dann ruht man sich vielleicht auf etwas aus.

Netzeitung.de: Gibt es auch etwas, das Sie rückblickend bereuen?

Langhans: Wie ich schon sagte, eigentlich nicht. Ich glaube doch, dass ich versucht habe, aus allen Fehlern ausreichend zu lernen. Ich kann ja nicht bereuen, dass ich so stumpfsinnig bin, nur so langsam lerne, weil ich mir ja irgendwann diese merkwürdige Existenz ausgesucht habe. Ich kann mich nicht selber bereuen.

Im letzten Teil des NZ-Interviews spricht Rainer Langhans über die große Kommune Internet, die Gefahren des Web 2.0 und die Beziehung zu Uschi Obermaier.

Rainer Langhans: «Ich bin's - Die ersten 68 Jahre», Blumenbar, 253 Seiten, 19,90 Euro.

Rainer Langhans und Christa Ritter: «K1 - Das Bilderbuch der Kommune», Blumenbar, 196 Seiten, 24,90 Euro.

 
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