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Kettcar: Mach mir den Bruce

21. Apr 2008 09:13
Sozialkritik ohne Holzfällerhemd: Kettcar
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Mit ihrem dritten Album «Sylt» rockt die Hamburger Band Kettcar die gesellschaftlichen Verhältnisse. Endlich jemand, der in Deutschland den Job von Bruce Springsteen macht, findet Sascha Woltersdorf.

Da muss man erst einmal drauf kommen, ein Indie-Rock-Album «Sylt» zu nennen. Schließlich handelt es sich bei dieser schmalen Nordseeinsel um so etwas wie die Ferienwohnanlage jener Deutschen, die anscheinend glauben, dass es normal ist, wenn Rolex-Uhren in Schaufenstern von Inseldörfchen ausliegen, in denen oft nur ein paar hundert Seelen leben. Krabben puhlen halten diese Schampus-Gestalten wahrscheinlich nicht für einen Job, sondern für einen hübschen traditionellen Brauch. Eine Art Spaß. Klar, dass die Doppelhaushälfte auf Sylt nach Informationen der «Süddeutschen Zeitung» gerne mal 3,8 Millionen Euro kostet. Standesgemäßere Zweit- oder Drittwohnsitze schlagen mit dem Drei- bis Vierfachen zu Buche.

Hoppla, klingt das nach Sozialneid? Die ersten Zeilen von Kettcars neuem Album mit eben jenem Titel «Sylt» lassen auch nicht gerade auf Hartz IV schließen: Schon in «Graceland», dem ersten Song des Albums, geht es um eine Party in einem Altbau, vierter Stock. Die Feier wird «über den Westflügel» betreten. Nicht schlecht.

Aber so eine Wohnung sei ein «Graceland», singt Kettcars Frontmann Marcus Wiebusch. Nur zur Erinnerung: Das war das Refugium des späten, dicken Elvis, der dort pillensüchtig auf dem Klo starb. Außerdem war Graceland eines der Vorbilder der Neverland-Ranch, dem Home und Castle des jugendwahnsinnigsten Popstars ever: Michael Jackson. «Jung oder tot» lautet dementsprechend das - Zitat Wiebusch - «verlogene» Motto seiner Generation. Der Mann ist übrigens was um die Vierzig.

Dicht konzentrierte Metapher für das Glück

Das Thema des Albums ist aber nicht das Altern, sondern die Frage, warum man mit einer gewissen Anzahl von Jahren auf dem Buckel immer noch rumrennen muss wie die - noch ein Zitat - «kleine dicken Kinder auf der Suche nach Kuchen». Hallo Elvis, hallo Deutschland, hallo ihr dreißig- bis vierzigjährigen, nicht alt werden wollenden, mittelgeschichteten Glücksucher. So ein Eigenheim, ob Graceland oder der renovierte Altbau mit den dazugehörigen Kindern nebst Wachsmalstiften, werden zur dicht konzentrierten Metapher für das Glück. Oder die Implosion, die unausweichlich ist, wenn das, was einst Glück war, sich doch nicht als das wahre Glück erwies.

Solche Geschichten gibt es in eigentlich jedem Song von «Sylt», dem erst dritten Album einer eigentlich noch jungen Band. In den Texten geht es zum Beispiel darum, dass die Liebe dem neuen Job in einer anderen großen Stadt weichen muss. Oder um Arbeitsverhältnisse und den Rausschmiss, der am Ende steht, wie in «Geringfügig, Befristet, Raus». Nicht rausgeschmissen werden, reicht dann schon für Zufriedenheit. «So fühlt es sich an, wenn man es geschafft hat: Vollbeschäftigt, unbefristet, glücklich.»

Melancholie und Intellekt

Ein Indie-Album namens 'Sylt'?
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Es gibt nicht viele deutsche Bands, die Rockstücke - im Fall von Kettcar sind es manchmal sogar Hits - über Themen wie Jobverlust oder soziale Unterschiede, die Freundschaften zerstören («Am Tisch») schreiben können, ohne den Muff gewerkschaftlicher Großveranstaltungen zu geraten.

Neu ist das alles nicht, aber es musste mal gesagt werden. In den USA gibt es dafür einen Bruce Springsteen, in Deutschland war diese Arbeitsstelle bisher vakant. Wiebusch passt in das Stellenprofil und das ist vollkommen ironiefrei gemeint. Der raue bis zerrissene und krachig-schwungvolle Indie Rock der Platte kommt natürlich weniger holzfällerhemdsärmlig daher, als man es von einem Springsteen gewohnt ist. Zudem ist Wiebusch melancholischer, intellektueller und hinterfragender als Bruce. Trotzdem: Diese zwölf Stücke mussten einfach mal gesagt werden. Hoffentlich gehen sie steil in die Charts.

Ach ja, Sylt: Die Insel verliert Jahr für Jahr viele Meter ihrer Sandküste. Man könnte sagen, sie versinkt im Meer. Das ist schade für dieses Stückchen Land.

Kettcar: «Sylt» (Grand Hotel van Cleef / Indigo)

Kettcar - «Graceland»:


 
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