10.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Rap-Pimp und braver Papi: Snoop Dogg
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Snoop Dogg macht es auf «Ego Trippin» alleine ohne gestandene Produzenten-Buddys wie Pharell oder Dre. Das klappt nicht. Aber der alte Hund kann trotzdem beißen, weiß Sascha Woltersdorf .
So einen würde RTL mit Kusshand in den Dschungel schicken: Snoop Dogg, dieser klapperdürre Rapper aus Long Beach, Kalifornien, offenbart so viele grundverschiedene Formen von Selbstdarstellung, dass die Diagnose eigentlich multiple Persönlichkeitsstörung lauten müsste. Als Hauptfigur eines lange untergegangenen Musikgenres namens Gangsta Rap lässt er sich gern in Zusammenhang mit Drogen verhaften. Oder wegen Waffenbesitzes.
Merkwürdig nur: Etwa zur gleichen Zeit war er in einer Dokumentation des US-Fernsehens als Familienvater zu sehen, der auf Zehenspitzen durchs Haus schleicht, um die schlafenden Kinder nicht zu wecken. Oder: Als Schauspieler spielt er vorzugsweise sich selbst oder sonstige irre Typen aus dem Drogen- oder Loddelmilieu. Oder aus aus dem Drogen- UND Loddelmilieu. Als Moderator tritt er dagegen mit Gamsbart und bayerischen Lederhosen auf, wie im vergangenen Jahr bei der Verleihung der MTV Europe Music Awards in München. Interessant. Und als Musiker?
Lifestyle-Hölle ohne AuswegAch, wäre «Ego Trippin», das neue Album des Schnupperhundes, doch auch so vielfältig wie sein Erscheinungsbild in Presse, Funk und Fernsehen. Die meisten der 21 Stücke das immerhin ist eine stattliche Anzahl liefern nichts als das bekannte «G Thang»-Ding. Es geht um Mädels, Moneten sowie die Wumme in Hand oder Hose. Und um Substanzen, die Türen in der kleinen G-Welt öffnen, die dann aber doch wieder dorthin führen, wo es noch mehr Mädels, Moneten und so weiter gibt. Das hört sich jetzt an wie eine Lifestyle-Hölle ohne Ausweg. Als läge man auf der Sonnenbank und die Klappe ginge nie wieder auf. Aber in Wirklichkeit ist es der Weg in die Freiheit für einen einzigen, nämlich Calvin «Snoop Dogg» Broadus.
Nach 16 Jahren ist er der einzige Gangsta Rapper, der noch im Geschäft ist. Und wie. Siehe MTV und Hollywood. Da reicht es, mit jedem neuen Album sein Revier zu markieren. Knurr, wuff hört her, ich bin immer noch da. Selbst Tracks, deren Sounds auf den Sondermüll gehören, kann man sich unter solchen Umständen leisten. Dabei wäre «Sexual Eruption» mit seinem leiernden «Cher-Effekt» auf der Stimme, eigentlich eher etwas für Shakira.
Ordentlich Fleisch am KnochenSelbstverständlich klingt nicht alles schlecht auf «Ego Trippin». Allein Snoops gelangweilt-blasierter Rap-Stil ist ein Trademark. Das Husarenstück «Cool» sollte jemand mal Prince vorspielen, damit der Groove-Zwerg aus Minneapolis endlich wieder eine Vorstellung davon bekommt, wie man eine straffe Produktion hinbekommt. Mit «My Medicine», einer Huldigung an Johnny Cash, will Snoop sogar Country-Hörer für sich gewinnen. Netter Versuch. Es hat schon schlechtere Bluesrockstücke gegeben. Aber auch jede Menge bessere. Kurz: «Ego Trippin» dürfte insgesamt die schlechteste Produktion des «Doggfathers» sein. Einen Dr. Dre oder Pharell im Team zu haben, hilft eben.
Das ein oder andere Sample hat allerdings trotzdem ordentlich Fleisch am Knochen. «Deez Hollywood Nights» enthält zum Beispiel ein wundervolles Ragtime-Piano aus dem B-Movie «Hollywood Knights». In dem Film aus den frühen achtziger Jahren werden diverse Institution des US-Filmzentrums von einer halbstarken Gang aufs Korn genommen. Will sich Snoop damit etwa über die Filmemacher lustig machen, die ihn in den letzten Jahren gut beschäftigt haben? Alte Hunderegel: Nie die Hand beißen, die einen füttert. Und wenn doch - dann ist das eben cooler Doggy Style.
Snoop Dogg: «Ego Trippin» (Doggy Style / Geffen / Universal)
Snoop Dogg - «Ego Trippin»: