CD der Woche: 

netzeitung.deVersuchung an den Straßenecken

 Herausgeber: netzeitung.de

Nick Cave (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Nick Cave
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Bluesig und bibelfest: Nick Cave rockt auf seinem 14. Album «Dig, Lazarus, Dig!!!» endlich wieder gottbegnadet, findet Sascha Woltersdorf .

Machen alte Helden neue Songs und sind diese nicht gerade von schlechten Eltern, fällt schnell das Wort von der «Wiedergeburt». Bei Nick Cave ist dieser abgenutzte Vergleich mit der Wiedergeburt allerdings so unausweichlich wie der Schuss in den Barspiegel während einer Saloon-Ballerei. Der gute Nicholas Edward Cave hat sich nämlich über die Jahre eine imposante Bibelfestigkeit erarbeitet. Und außerdem heißt das neue Album der Bad Seeds «Dig, Lazarus, Dig!!!».

Lazarus, das wissen Kenner des Neuen Testaments, wurde von Jesus wieder ins Leben zurückgerufen, nachdem er – vermutlich – von der Lepra weggerafft worden war. Aber was fängt man an mit so einem geschenkten Leben? Gut geht das auch nicht immer aus, wie Cave im Titelstück des Albums erzählt. Ach was, erzählt – predigt! Da sausen die Worte wie Flammenschwerter nieder, bis sich Larry, der moderne Lazarus, mitsamt dem Geschenk des Lebens wieder zurück in das tiefe schwarze Loch unter der Erde gebuddelt hat. Wiedergeburt rückwärts. Und Cave – wer könnte das besser als er? – bringt die Geschichte, die dem US-Schriftsteller Larry Sloman gewidmet ist, mit der notwendigen Hitze und Gnadenlosigkeit für diesen undankbaren Mann. Er, Larry, hatte schließlich nie darum gebeten, aus der Gruft zurückgeholt zu werden.

Das Ende vom Lied: Schlange vor der Suppenküche, Knast, Irrenhaus, Grab. Armer Larry. Dazu singt der Chor der Bad Seeds so unerbittlich wie gut bezahlte Scharfrichter. Und die Band rockt klirrend wie Sträflinge, die an ihren Ketten zerren. Unzweifelhaft beginnt das Album mit einem sensationellen Song.

Die Essenz des Blues
Und es hält diese Höhe mit dem fiebrigen «Today’s Lesson», dem düster schwankenden «Moonland» und dem hypnotischen «Night Of The Lotus Eaters». Das Letztere fällt zwar wegen der fehlenden elektrischen Gitarre und der Konzentration auf einen, na gut, gebetsmühlenartigen Loop aus dem Rahmen. Aber selbst hier ist die Essenz des Blues zu hören. Diese zu Unrecht als altbacken verschrieene Musik wurde von Cave und seinen Bad Seeds mit dem Doppelalbum «Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus» (2004) noch einmal neu entdeckt. «Lazarus» ist nun voll und ganz getränkt vom düsteren Blues und von ungezügeltem Rock. Man sei halt in den Keller gegangen und habe losgebrüllt, bringt es Cave auf den Punkt.

Die schwelgerischen und gospelnden Heilsversprechen des 2004er Doppelalbums vermisst man auch nicht. Denn statt dessen lauert die teuflische Versuchung an den Straßenecken. Zum Beispiel in Form eines Frauenkörpers wie in «Lie Down Here», das gegen Ende kaum verhohlen auf Iggy Pops «Lust For Live»-Phase anspielt.

Kein Wunder, dass sich Cave danach mit «Jesus Of The Moon», der übrigens einzigen Klavierballade auf dem Album, etwas sittsamer und geläuterter zeigt. «Songs schreiben», sagt der inzwischen 50-Jährige, «ist etwas, was mich auf dem Pfad der Tugend hält.» Man will ihm noch viele Versuchungen wünschen ...

Nick Cave & The Bad Seeds: «Dig, Lazarus, Dig!!!» (Mute / EMI)

Nick Cave & The Bad Seeds - «Dig, Lazarus, Dig!!!»: