21.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Chan Marshall alias Cat Power
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Jukebox» von Cat Power ist ein außergewöhnlich eigenständiges Cover-Album, das manche Originale ziemlich alt aussehen lässt. So auch Sinatras Schmetterfetzen «New York, New York», meint Sascha Woltersdorf .
Das Cover, dieses nachgespielte Stück Musik, steigt oder fällt mit der Größe des Covernden. Nicht mit seinem Bekanntheitsgrad. Oder ihrem, wie im Fall von Chan Marshall, die auch nicht so ganz unbekannt ist. Jedenfalls nicht unter ihrem Künstlernamen Cat Power. Die im Süden der USA geborene und später nach New York umgesiedelte Folk-Musikerin verkaufte vom ihrem vorherigen Album «The Greatest» (2006) zwei Millionen Stück. Das brachte ihr allerdings nicht nur den Durchbruch, sondern auch einen Nervenzusammenbruch.
Ironische UntertreibungDoch zurück zum Covern, denn Cat Power hat mit «Jukebox» ein Album eingespielt, dass neben zwei eigenen Werken zehn neu interpretierte Folk-, Rock-, Soul- und Blues-Klassiker enthält. Eine verdächtige Mischung. Will sich die 36-Jährige auf diese Weise einen Stuhl in Ruhmeshalle stellen, in der sich James Brown, Janis Joplin, Billie Holiday und Hank Williams ihre Zigaretten drehen und die geistigen Getränke einschenken? Marshall versteht ihre Auswahl als «Ehrerbietung». Den Albumtitel «Jukebox» darf man also getrost als ironische Untertreibung verstehen. Es geht nicht um die paar Münzen Kleingeld, mit denen man sich einen Song kaufen kann, sondern um das große Ganze in der Popmusik und wie man sich das zu eigen macht. Wie das geht, zeigt das zurecht auf Platz Nummer eins der Tracklist stehende «New York», im Original von Frank Sinatra.
Schon der gestutzte und auf das wesentliche reduzierte Titel eigentlich heißt es ja «New York, New York» deutet an, wie Chan Marshall mit dem Ausgangsmaterial umgeht. In Sinatras großspurigem Schmetterfetzen spiegelt sich der Lichterglanz der Großstadt, der Großstadt, in der er, Frankie Boy, es geschafft hat. Und nun posaunt der selbstgefällige Sack seinen Erfolg im Big-Band-Arrangement heraus: Wer es hier schafft, schafft es überall. Tätää!
Die Stadt, die angeblich nie schläftCat Power dreht das Stück ins genaue Gegenteil, nämlich in eine nachtschwarze Ballade ohne triumphale Bläser. Statt dessen rumpelt das Schlagzeug. Und das Piano fließt gemeinsam mit der Gitarre so unaufhaltsam dahin, wie es nun mal der Lauf der Dinge tut. Dazu singt Chan hingebungsvoll, ehrfürchtig und fast schon unsicher von der Stadt, die angeblich nie schläft und die wie ein Gott aus Stein über alles entscheidet, was kommen mag. Ganz im Sinn der letzten Textzeile: «Its up to you, New York».
Auch wenn allein das Sinatra-Cover schon das komplette Album rechtfertigt, sind die übrigen elf Titel auch nicht von schlechten Eltern. Allen gemeinsam ist ein sparsam-akustisches Arrangement und Cat Powers immer leicht verwehter Gesang, der tatsächlich an die expressiven großen Momente einer Janis, Joni oder Billie erinnert. Und natürlich erinnern soll. Aber das ist das einzige, was man dem Album vorwerfen könnte.
Liebevolle RespektsbezeugungUnd damit zu den beiden Cat-Power-Titeln, dem Selbst-Cover «Metal Heart», das schon vor zehn Jahren auf dem Album «Moon Pix» veröffentlicht wurde und dem neuen «Song For Bobby». Ersteres funktioniert wie alle anderen Stücke. Es klingt anders, eben neu interpretiert, als ob die Cat Power von heute und die vor zehn Jahren kaum noch etwas miteinander zu tun hätten.
Das Zweite, der «Song für Bobby» ist eine seltsame, aber irgendwie rührende, weil liebevolle Respektsbezeugung an Bob Dylan. Chan kopiert sogar das gedehnte Rumgenöle von King Bob. Wie süß. Und wie ehrfurchtsvoll. Den für Dylan reservierten Stuhl in der Ruhmeshalle will Cat Power also bestimmt nicht haben.
Cat Power: «Jukebox» (Matador / BE / Indigo)