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Langweilig, peinlich, egal

05. Nov 2007 09:13
Die Ärzte: 'Bitte lasst das Raubkopieren sein!'
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Die Ärzte veröffentlichen mit «Jazz ist anders» ihr «ungefähr zwanzigstes Album», wie es von der Band heißt. Es nervt mit Selbstironie und Selbstreferenz, meint Sascha Woltersdorf.

Man kann das neue Album der Ärzte für einen Affront halten. Nein, es geht nicht um irgendwelche Skandaltexte. Und schon gar nicht die Musik. Die ist so schlagerpunkig wie immer. Es ist die Machart. «Jazz ist anders» kommt in einer Pappschachtel, die mit rot-weiß-grüner Italo-Farbgestaltung und einem schnauzbärtigen, Kochmütze tragenden Pizza-Mario an das erinnert, worin normalerweise die Tomaten-Käse-Plus-X-Teiglinge vom Bringdienst geliefert werden.

Klappt man das «Cover» der Box auf, liegt darin liegt tatsächlich eine CD, die tatsächlich mit dem Foto einer Pizza bedruckt ist. Ganz frisch aus dem Ofen, da wirft der Holländer noch Blasen. Aber Achtung, versteckter Witz, unter dem arg verbrannten Käse steckt offensichtlich eine Botschaft. Man könnte sich fragen, wie viele Käufer diesen Käse schon in den digitalen Ofen, sprich in den CD-Brenner geschoben haben. Oha. Zu weit hergeholt?

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Nein. «Tu das nicht», das 14. Stück des Albums, erklärt den Hörern, man solle doch bitte das Raubkopieren sein lassen, weil sonst das «Herz» des Musikers – es singt Ärzte-Schlagzeuger Dirk «Bela B.» Felsenheimer – «zerbricht». Das ist natürlich pure Ironie und eine bitterböse Ätzkritik an den Popstars, die über illegale Raubkopien jammern. Felsenheimer verfällt sogar in den Duktus eines Berliner Bettelpunks und balinert einen unterwürfigen Dank für die Euros aus dem «salopp gesagt» Portemonnaie des ehrlichen Plattenkäufers. Als Musiker gehöre man schließlich einem lustigen, aber verschwenderischen Völkchen an. Bela: «Bitte gib reischlüsch, die Nacht is teuer, mein Freund.»

Obendrein blechert im Hintergrund des Geschnodders ein Sample («burn, baby burn» ), das wohl auf die schwarzen Krawalle gegen den Rassismus in den USA der sechziger Jahre anspielen soll. «Burn, baby burn» war jedenfalls ein Schlachtruf damals. Black Panther, ick hör dir trapsen und noch mal oha. Darf sich jetzt das heimlich im Internet saugende, weiße Mittelstandskind wie ein Revoluzzer fühlen, weil gerade ein paar Megabyte geklaute Musik durch das Ethernet-Kabel rauschen?

Black Panther, ick hör dir trapsen

Nur zum Hintergrund: Das neue, wie es heißt «ungefähr zwanzigste» Werk der Berliner ist zwar mit insgesamt 19 Stücken – drei davon auf einer Mini-Bonus-CD – nicht gerade kurz, kostet jedoch ein bisschen mehr als die meisten anderen Pop-Alben. Außerdem verdienen die Ärzte inzwischen wie viele andere Bands einen großen Teil ihres Geldes durch Live-Auftritte. Kurz: Der Spott der Altspaßpunks wäre überzeugender, wenn sie über das Fälschen von Konzertkarten singen würden.

'Jazz ist anders'
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Aber zurück zu «Jazz ist anders», das sich – davon mal ausgegangen – käuflich erworben bald in vielen CD-Spieler drehen oder von MP3-Player decodiert werden wird. Hier bekommt der Ärzte-Fan das, was sein Herz begehrt: Powerpop mit wie Schinkenspeck knuspernden Gitarren, cremigen Mitsingmelodien und Textzeilen von manchmal hohem Unterhaltungsnährwert.

Sehr schön und vor allem sehr unbeschwert eröffnet «Himmelblau» den Reigen. Ein paar vorspulbare Titel später kommt das beste Stück der Band: «Junge», eine Art Kondensat des Albums, dass zurecht als Single ausgekoppelt wurde. Hier offenbart Farin Urlaub seine Liebe zu den Beatles. Jedenfalls verbeugt sich «Junge» tief vor jenen kommentierenden Hintergrundgesängen, die McCartney und vor allem Lennon mit Songs wie «She’s Leaving Home» zur Popkunst erhoben haben. Und es zeigt die Fähigkeit der Ärzte, die abgesehen vom ewigen Neuling Rodrigo González (39) mitten in den Vierzigern stehen, immer noch eine jugendliche und rebellische Punkrock-Haltung einnehmen zu können. Diese Attitüde hallt noch ein bisschen nach in «Breit», dem Stück über Rausch als Töter der Langeweile. Der Refrain ist entsprechend schlicht: «Für immer breit!». Aber auch hier klingt schon der ironische Abstand zum titelgebenden Drogi durch, der sich stets für den coolsten im Zimmer hält.

Im Sumpf eines musikalischen Nichts

Den Rest des Albums kann man vergessen. «Lasse redn» ist Schlager. «Licht am Ende des Sarges», das Lied vom «lustigen Vampir», ist Karneval. Das funkige «Deine Freundin» ist einfach nur peinlich. Und «Nur einen Kuss» ist noch nicht einmal ein Füller. Dabei will dieser Gähner des Jahres eine Rache- und Mörderballade sein, versinkt aber trotz eines mal wieder beatlesmäßigen Kontra-Backgrounds («Ich glaubte trotzdem an die Liebe») im Sumpf eines musikalischen Nichts.

Ach ja, die Bonus-CD mit den drei Extrastücken «Wir sind die Besten», «Wir waren die Besten» und «Wir sind die Lustigsten»: Da gehen Selbstironie und Selbstreferenz endgültig mit sich selbst spazieren. Dabei hatte es doch ausgerechnet der krachlederne Felsenheimer schon mit dem zweiten Lied des Albums, seinem «Lied vom Scheitern», auf den Punkt gebracht: «Dein Spiegelbild ist anderen egal». Stimmt.

Die Ärzte: «Jazz ist anders» (Hot Action Records/Universal)


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