netzeitung.deDer Betty Page-Effekt

 Herausgeber: netzeitung.de

Queens of the Stone Age (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Queens of the Stone Age
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Era Vulgaris» klingt wesentlich moderner als die bisherigen Alben von Queens Of The Stone Age, meint Sascha Woltersdorf . Und das liegt am «Pow, pow, pow, pow, pow».

Irgendwie nett kaputt sehen sie aus, die beiden Comic-Glühbirnchen auf dem Cover. Die Gelbe pafft eine Zigarette und scheint sich so gar nicht an ihrem eingeschlagenen Kolbenschädel zu stören. Die Grüne trägt einen Piratenhut, stützt sich lässig auf ihr kleines Holzbein und hat richtig Spaß. Beide erinnern mit ihrem unbeschwerten Grinsen ein wenig an Sponge Bob, wäre der ein paar Jahre älter und wurde am Tresen der örtlichen Punkrockbar seiner Unterwasserheimatstadt Bikini Bottom abhängen.

Glühbirnen also. Das ist zumindest etwas anderes als die monochromen und mit eher schlichten Symbolen wie der Teufelsgabel versehen älteren Alben der Queens Of The Stone Age. Ist da Jemandem ein Licht aufgegangen? Jedenfalls sollen die beiden schnuckeligen Kaputt-Gestalten für die Werbe-Ästhetik der fünfziger Jahre stehen, heißt es von der Band. Also für eine direkte, heute eher als schräg empfundene Ansprache. Klappt man das Booklet auf, wird man erst einmal durch Werbung für schwarze Spitzenwäsche im Stil fünfziger Jahre angesprochen. Betty Page hätte ihren Spaß daran gehabt. Alte Schlüpfer gibt es trotzdem nicht auf dem neuen Album. Im Gegenteil. «Era Vulgaris» bricht mit den Vorgängeralben.

«Pow, pow, pow, pow, pow» – so beschreibt Chef-Rocker Josh Homme die neue Band-Philosophie. Schließlich bestehe die Welt aus «kurzzeitigen Explosionen und Eindrücken». «Man muss jemanden gleich in den ersten zwei Sekunden erreichen. Man muss ihm das, was man loswerden will, direkt und unvermittelt eintrichtern.» Es ist wohl vorbei mit den schweren, ins Riesenhafte geschraubten Gitarren-Riffs, die langsam in Schwung kommen und sich dann wie in einer Endlosschleife zwischen Wüstenhimmel und Wüstensand drehen. Die aus den legendären Kyuss hervorgegangenen Superstars des Stoner Rock haben für «Era Vulgaris» – damit ist tatsächlich diese Häppchenkultur und Hektik der Zeit gemeint – Produktionstechniken genutzt, die man von elektronischer Musik kennt.

«Sick Sick Sick»
Die Krch-Krch-Krch-Gitarren der Single «Sick Sick Sick» klingen zum Beispiel wie mit dem Sampler zusammengeschnitten. Und Julian Casablancas von den Strokes steuert mit einem Casio-Keyboard Sounds bei, die sich anhören, als würden gerade bei einem großen Konzertflügel die Saiten mit einer Zange durchgekniffen. Wenn das Hard Rock ist, dann steckt er im Körper von Tony Iommy - in Wirklichkeit Trent Reznor.

«I’m Designer», das dritte der insgesamt zwölf Stücke, geht sogar noch weiter. Hier klingen die Gitarren so eckig wie von einem Roboter gespielt. Homme beginnt wie ein seichter Crooner der Tin Pan Alley-Ära, kippt dann ins Rockige, dann kippt das Ganze ins Psychedelische und Joshua der beseelte singt wie es auch ein George Harrison in der Endphase der Beatles nicht entrückter und erleuchteter hinbekommen hätte.

Natürlich enthält das Album immer noch große Anteile an klassischem schwerem Rock. «3's & 7's» zum Beispiel schwebt sehr gelungen zwischen Garagen Rock und Monster Magnet, garniert mit einem Led Zeppelin-Gitarrensolo. Viele andere Stücke sind allerdings maschineller und kälter, manchmal härter und präziser – und immer eine Spur moderner als bisher. Das ist neu. Und das ist spannend, das ist reizvoll, das springt einen an. Wie die schwarze Unterwäsche von Betty Page.

Queens Of The Stone Age: «Era Vulgaris» (Universal)

Tourtermine

22.06.2007 Scheeßel, Hurricane Festivalgelände
23.06.2007 Neuhausen ob Eck, Southside Festivalgelände
28.06.2007 Köln, E-Werk
04.07.2007 Berlin, Columbiahalle