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Keine "sanftmütige Muttersau": Judith Holofernes (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Keine "sanftmütige Muttersau": Judith Holofernes
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Muttersau» Judith Holofernes gelingt mit dem dritten Wir sind Helden-Album «Soundso» etwas Paradoxes, nämlich cleverer Mainstream-Rock, findet Sascha Woltersdorf .

Es war überall zu lesen. Judith Holofernes ist Mutter geworden. Friedrich heißt der Knabe, der gleich die komplette Band zu Eltern gemacht habe, wie die Wir sind Helden-Sängerin findet. Das klingt ein wenig nach weiblicher Egozentrik, eben nach dem Glauben, dass sich die Welt doch bitte um den eigenen hübschen Bauchnabel drehen möge. Aber sie hat natürlich recht. Aus Wir sind Helden ist Wir sind Eltern geworden. Und das hört man dem neuen Album an.

Es klingt – vor allem im Vergleich mit dem melancholischen und von Unsicherheit bestimmten «Von hier an blind» – nach einer neu gefundenen, entspannten Souveränität. Mit «Soundso», der dritten Platte, also dem dritten Baby, wenn man so will, nimmt die Band jene Rolle an, die ihr sowieso immer zugedacht war: Das Megafon des jungen linken Mainstream zu sein. Sozusagen die grönemeyersche Konsensbildung bei den unter 40-Jährigen. Herberts universeller Hang zur Knödeligkeit in Text, Musik und Gesang fehlt dankenswerterweise.
Die Letzten werden die Ersten sein
Im Gegenteil: Holofernes, die man sich laut Plattenfirma keinesfalls als «sanftmütige Muttersau» vorstellen dürfe, strahlt jene Direktheit, Klarheit, Sicherheit, manchmal auch die Schlichtheit aus, die es braucht, um ein musikalisches Paradox hinzukriegen: cleveren Mainstream-Rock für ganz oben in den Charts. Dort ist der Platz für «Soundso». Alles andere wäre eine Überraschung. Eine unverdiente Überraschung.

Natürlich darf man mit geschmäcklerischer Erbsenzählerei gar nicht erst anfangen. Zum Beispiel, wenn im Titelstück seltsame Hair-Metal-Gitarren auftauchen. Oder wenn manche Textstellen hart an der Kalauergrenze kratzen. Zum Beispiel «Verletzte sollen die Ärzte sein» («The Geek Shall Inherit»), dass sich anlehnt an das Bibelwort von den Letzten, die bekanntermaßen die Ersten sein werden.

Oder wenn in «Ode an die Arbeit» die «Ode» mit dem Begriff «öde» in eine Reimzeile gezwungen wird. Dass muss man nicht mögen, das findet man blöde. Aber es geht ja auch um etwas anderes. «Sowieso» malt ein Deutschlandbild für die in den siebziger und frühen achtziger Jahren Geborenen, für die postlinken Kinder der 68er. Deren Leben wird rundherum ausgeleuchtet vom privaten Mikrokosmos bis zur derzeitigen makroökonomischen Lage.

Lockerungsübung zum Aufwärmen
Schon das erste Stück handelt von dem Überthema Arbeit, daddelt aber ziemlich albern auf dem Begriff herum. Das war wohl als kleine Lockerungsübung zum Aufwärmen gedacht, bevor es richtig los geht. «Die Konkurrenz» packt jedenfalls härter zu und fragt – «sag’s mir, Hippie-Kind, sag’s mir, kleiner Punk!» – ob die Ellenbogengesellschaft am Ende nicht jeden zu jemandem macht, der alle anderen alle machen will.

«Für nichts garantieren», übrigens ein Duett mit Tele-Sänger Francesco Wilking, dreht sich um Bindungsängste und die Frage, ob jeder nicht nur das Bild liebt, das man sich vom jeweils anderen macht. Und «Kaputt» stellt fest, dass so manch eine Trümmergestalt seit viel zu langer Zeit die Wunden der Eltern unter den Mullbinden herumträgt. Wenigstens, erklärt die 1976 geborene und Sängerin mit herzerwärmender Zuversicht, spiegele sich in all den Scherben auch das Licht. Sie empfiehlt behutsame Aufräumarbeiten: «Wenn du die Scherben aufhebst, zieh dir Handschuhe an.»

Der aufgekratzte NDW-Sound schimmert selten durch
Viele Baustellen also. Aber wer glaubt, dass hier zwölf Stücke aus tausend Tränendrüsen troffen, irrt gewaltig. Die Stimmung ist gelassen, die Produktion ist beschwingt. Nur selten schimmert der zackige, aufgekratzte NDW-Sound durch, mit dem die Band bekannt geworden ist. Oft drücken statt dessen Bläser die Stücke auf Höchstgeschwindigkeit, die Gitarren tuckern derweil rund im Hintergrund oder sorgen für einen angenehm schengeligen, manchmal funkigen Klangteppich.

Darin steckt kein Widerspruch, sondern das ausgeklügelte Prinzip von «Soundso». Das Album trägt die richtigen Fragen in die Herzen und Köpfe der Pophörer. Andere mögen klügere Fragen stellen und noch klügere Antworten geben. Nur gehört werden eher nicht. Wir sind Helden dagegen schon.

Wir Sind Helden: «Soundso» (Labels)