netzeitung.deAmy Winehouse: Das It-Girl des Kampftrinkertums

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Lupe Amy Winehouse: Das It-Girl des Kampftrinkertums

Die 23-jährige britische Soulsängerin Amy Winehouse verkauft sich als Schnapsdrossel. Und macht tolle Musik, findet Sascha Woltersdorf .

So wie meist bei grafisch aufbereiteten Statistiken sah das, was kürzlich vom britischen nationalen Statistikamt (ONS) vorgelegt wurde, ziemlich unscheinbar aus. Jeweils eine blaue («boys») und eine rosa («girls») Linie gaben das Trinkverhalten der Inselbürger unter 15 Jahren wieder. Und siehe da, beide Kurven steigen steil an und schmiegen sich inzwischen hübsch eng aneinander. Soll heißen: Die jungen Britinnen saufen heutzutage viel mehr als früher, nämlich ungefähr so viel wie die jungen Briten. Auch bei den 16- bis 24-Jährigen holen die Frauen auf. Bereits ein Viertel – bei den Männer ist es ein Drittel – praktiziert wenigstens einmal in der Woche das «heavy drinking». Das fängt beispielsweise bei einer Flasche Rotwein an. Und endet im Koma.

Was das alles mit dem neuen Album der 23-jährigen Amy Winehouse zu tun hat? Sie ist das It-Girl dieses Kampftrinkertums. Denn wenn es nicht um Liebe oder Sex geht, drehen sich die Songtexte ihres Zweitlings «Back To Black» vor allem um den Alkohol. Und das wollen die Briten hören. Der am Freitag in Deutschland veröffentlichte Tonträger wurde im Inselreich bisher 700.000 Mal verkauft, was für Doppelplatin und Platz Eins der UK-Charts gereicht hat.

In «Rehab», der Single und dem ersten Stück des Albums, wehrt sich die Brit-Award-Trägerin zum Beispiel dagegen, von ihrem Vater, ihrem Management und von wer weiß wem noch in den Entzug gesteckt zu werden. Ihr Argument: Werden mir dort Dinge beigebracht, die ich nicht auch aus der Vergangenheit lernen kann? Da bleib ich lieber zu Hause bei Ray. Damit dürfte Ray Charles gemeint sein, eines von Winehouses Idolen. Und das «Yesterday» in dieser Textzeile verschleift sie zu «yester halfaway». Donny Hathaway, ein depressiver Soul-Musiker der sechziger und siebziger Jahre, gilt ebenfalls als ihr Vorbild.

In Zwitscherlaune
Doch eine solche Kaffeesatzleserei im Backkatalog sollte nicht den Blick vernebeln für das Phänomen Winehouse, die PR-wirksam als Liebhaberin von Hochprozentigem verkauft wird. Ihren Lieblings-Cocktail, eine schlimme Geschmacksverwirrung namens «Rickstasy» mit Triple Vodka, Southern Comfort, Baileys und Bananenlikör, erwähnt die Pressemappe ebenso wie ihren Kommentar dazu: «Nach zwei Gläsern hiervon sollte man sich besser hinsetzen und unten bleiben, bis die Vögel anfangen zu zwitschern.» Das passende Jump'n'run-Spiel, in dem man eine Flaschen werfende Amy «vor der Betty-Ford-Klinik bewahren» soll, steht auch schon online unter www.voll-auf-entzug.de. Ein Alkoholproblem als Werbemaßnahme. Berichte, die von einer «Schnapsdrossel in Zwitscherlaune» (Die Welt) oder «trinkfesten Maid» (Kronen Zeitung) sprechen, sind da wohl einkalkuliert.

Selbstverständlich sorgt auch die musikalische Umverpackung für den Erfolg. Die elf Songs auf «Back To Black» singt Winehouse so stilvollendet soulig mit ihrer – na gut – Whiskey geschmirgelten Stimme, die all diesen Zucker der sechziger Jahre-Girlgroups in Pop von heute verwandelt. Blues, Soul und Jazz dieser Zeit runden den Mix geschmackvoll ab. Ein gelungenes Rezept, denn Amy erinnert sowieso eher an eine Aretha Franklin, als an Girlgroup-Girls wie Ronnie Spector oder Diana Ross. Kurz: Wer von Stücken wie «Back To Black» oder «Love Is A Loosing Game» nicht gerührt ist, hat die Seele beim letzten Musical-Besuch an der Garderobe abgegeben.

Amy Winehouse: «Back To Black» (Universal)