Weltschmerz eines Eichhörnchens26. Feb 2007 08:11  |  Cover 'Zimmer 483' | Foto: PR |
|
Warum Erwachsene das Teenie-Phänomen Tokio Hotel auch beim zweiten Album nicht verstehen können, und was Nirvana und David Bowie damit zu tun haben, erklärt Sascha Woltersdorf.
Sich mit der Musik von Tokio Hotel auseinanderzusetzen, ist beileibe kein Spaß. Es ist offen gesprochen eine ziemlich schaurige Angelegenheit und fühlt sich an, als ob man in einem Müllberg wühlt oder Leichensäcke aufschneiden muss. Denn «Zimmer 483», das zweite Album der Teenie-Band, exhumiert ein Klangmodell, das von einem gewissen Kurt Cobain mit seiner Band Nirvana und deren Produzenten Butch Vig erfunden wurde. Vig verwertete später die Abfallprodukte solcher Produktionen mit einer eigenen Band, die den so treffenden wie sarkastischen Namen Garbage trug. Wenn all das heute, etwa 18 Jahre nach Nirvana, noch einmal aus der Tonne gekramt wird, muss es nach dem klingen, was es ist: Nach Abfallverwertung dritter Ordnung.
Mehr in der Netzeitung: Tokio Hotel im 39-Fragen-Interview |
|
Aber um Musik geht es bei den vier Jungs aus dem bei Magdeburg liegenden 600-Seelen-Dorf Loitsche gar nicht. Ihr Sänger Bill Kaulitz teilt allein durch sein Aussehen die Meinung der Nation in zwei Hälften. Die einen sehen ein dürres und blutarmes Eichhörnchen, das allerdings kein rostbraunes Fellkleid trägt, sondern eine Punkrock-Perücke aus dem Festartikelbereich. Fußnote: «Bill Kaulitz» war eine beliebte Verkleidung im Kölner Karneval. Die anderen glauben, in das perfekte Gesicht einer jungen Liz Taylor zu blicken, bewundern seine «androgyne Erotik» und ergötzen sich am Ärger des «Macho-Nachwuchs» über Bills Schminktipps, die er angeblich grinsend im «Bravo»-Interview gegeben haben soll.Erstaunlich: Deutschland diskutiert die Frisur und das Make-up eines 17-jährigen Provinz-Boys. Und die ewige Teenie-Postille, diese Heimat von Mega-Starschnitt und Dr. Sommer, liefert dem Feuilleton die Argumentationshilfen. Wann hat es das schon einmal gegeben? Kaulitz selbst soll zu seinem «Look» gefunden haben, als er David Bowie in der Rolle des zottelhaarigen Koboldkönig «Jareth» in dem Film «Die Reise ins Labyrinth» sah. Er war damals elf, und sein Vorbild persiflierte mit der Rolle sein eigenes, androgynes Rockerimage der frühen siebziger Jahre. Das mag man als Treppenwitz verstehen. Aber auf seine Fans wirkt Bills wildes Rock’n’Roll- Kindchenschema ebenfalls wie von einem anderen Stern. Als wäre Ziggy Stardust noch einmal vom Himmel gefallen, und zwar diesmal direkt in den Farbtopf eines Manga-Zeichners.
Schminktipps vom Götterjungen Natürlich trennen Bowie und Kaulitz ungefähr die Welten, die auch zwischen dem London zu Beginn der Siebziger und dem Loitsche der Nach-Wende-Ära liegen. Aber der 1989 geborene Bill trägt das Gesicht der Jugend – und zwar so übersteigert, unwirklich, fast schon grotesk, wie dies kein anderer deutscher Popstar schafft. Gerade die weiblichen Fans werden das Gefühl kennen, einem angestrebten Aussehensideal nahe kommen zu wollen. Und dann gibt einem dieser Götterjunge sogar noch Schminktipps. Wow! Über die 1,5 Millionen Verkaufseinheiten des «Zimmer 483-Vorgängers »Schrei« braucht man sich dann nicht mehr wundern. Man ahnt es, man sieht es auf Konzerten: Die meisten »Schrei«-Käufer waren Käuferinnen, Mädchen zwischen neun und 16. Allen war – und ist – der Muff-Rock der vier Ostdeutschen mit Sicherheit egal. Ebenso die manchmal unfreiwillige Komik ihres stachelhaarigen Sängers, etwa wenn Kaulitz in einem der zahlreichen Liebeskummer-Lieder behauptet, alles ausprobiert »zu ham«. Oder wenn Schluss mit der Freundin ist, und er deshalb in der ihm eigenen trotzigen Leidenslyrik »nach dir kommt nichts« schwört. Der Junge ist 17. Mehr muss man nicht sagen.
 |  Bill Kaulitz | Foto: dpa |
|
Aber Tokio Hotel werden tatsächlich ernst genommen, denn so sind nun einmal die Vorrechte der Jugend: Gefühlsüberschwang, Weltschmerz, Ungenauigkeit und – jawohl – Bewegungsdrang. Wer würde zum Beispiel alten Schmerbauch-Rockern eine Textzeile wie »Achtung, fertig, los und lauf!« abnehmen? Bei Tokio Hotel wird dagegen gerannt, geschrieen und gesprungen, was das Zeug hält. Außerdem zerfallen in den zwölf Stücken massenweise Träume in Trümmer, Himmel und Meer brechen auf, und irgendwie geht es immer um die ganze Welt. Teenie-Tagebücher sind voll von dieser Poesie. Seit Generationen. Geschadet hat es nie, und das dürfte beim Tagebuch-Punkrock von Tokio Hotel auch nicht anders sein. Verstehen müssen das Erwachsene nicht. Und auch das war bei Nirvana nicht anders.Tokio Hotel: »Zimmer 483« (Universal)
|