23. Okt 2006 07:42
Raus aus der Pop-Folterkammer will Robbie Williams mit seinem neuen Album «Rudebox». Dass er sich neuerdings als Rapper sieht, hilft dabei allerdings wenig.
Von Sascha WoltersdorfKann man das glauben? Diesmal, also diesmal wirklich, zeige er auf dem neuen Album sein wahres Ich. «Rudebox» heißt das Wunderwerk, mit dem Robbie Williams nach eigener Aussage «schlichtweg zu sich selbst gefunden hat». Das ist ein Problem.
Es geht immerhin um einen der größten Popstars der Jahrtausendwende, der so schön wie kein anderer an den Zwängen des Musik- und Medien-Business leiden konnte. Und dies öffentlich, weltweit und – im Gegensatz zu einem am Pop-System zerschellten Kurt Cobain – ebenso lebensfroh wie schillernd und unterhaltsam. Zum Beispiel mit «Karma Killer» vom Album «I've Been Expecting You»: In dem Stück rechnet Williams durchaus handfest mit dem damaligen Manager von Take That ab. Der möge doch bitte ersticken an seinem «coke and gin».
Ähnlich funktioniert die Up-Tempo-Ballade «No Regrets» vom gleichen Album, die Williams mit Hilfe seines langjährigen Songschreibers Guy Chambers und Neil Tennant von den Pet Shop Boys zu einem Pop-Juwel schleifen konnte.Nun will sich der 32-Jährige aus der vielbesungenen Pop-Folterkammer – es muss ein furchtbar qualvoller Ort sein – befreit haben. Es gebe keine musikalischen Daumenschrauben mehr, keine Persönlichkeitsverbiegungen aus «Gefallsucht» gegenüber einem großen Publikum. Nach 50 Millionen verkauften Platte könne er nun endlich selber die Songs schreiben und den «schrägen Pop» machen, den er «eigentlich schon immer machen wollte.» Das Ergebnis ist leider ernüchternd. «Rudebox» ist insgesamt mäßig, manches ist jämmerlich.
Dabei verfolgt das Album das eigentlich lobenswerte Ziel, eine Zeit zu beackern, die als musikalisches Brachland gilt: die achtziger Jahre. Diesem Jahrzehnt ist sogar ein ganzer Song mit dem programmatischen Titel «The 80's» gewidmet.Es geht natürlich um Robbie Williams, um seine «80's». Man erfährt, dass er als Kind heimlich geraucht hat, eigentlich Rapper werden wollte und in Schule Dickerchen genannt wurde. Obendrein weiß man jetzt, wie es dazu kam, dass der spätere Boybandstar eines Morgens die Sonne über Stoke on Trent als Mann aufgehen sah. Ach ja, «virginity» reimt sich auf «Ann-Marie». Das zumindest ist praktisch und reicht immerhin für einen Zweizeiler, denn mit «Rudebox» will sich Williams seinen den Kindheitstraum erfüllen und endlich Rapper sein – was ihm, Originalton Robbie, «aber die Welt nicht erlaubt». Vielleicht hat die Welt da gar nicht so unrecht ...
In «Rudebox» steckt natürlich auch viel Gutes wie das Coverstück «Bongo Bong». Das Original von Manu Chao bekommt Dank des zusätzlichen Beatbox- und Bläsereinsatz eine erhöhte Durchschlagskraft – ein reizvoller Kontrast zu Robbies schläfrig-zungenschweren Raps. «Lovelight» und «Kiss Me» stehen auf verschiedene Weise für den Pop der achtziger Jahre, dem eigentlichen Thema. In «Lovelight» verglimmen die letzten, aus den Siebzigern herübergeschwappten Feuerwellen des Soul und Disco. «Kiss Me» ist angetrieben vom Synthiepop mit seinen künstlichen Neonwelten und klingt wunderbar nach Cocktails unter Plastikpalmen. Nebenbei, in beiden Stücken rapt Robbie nicht, er singt.Und das macht er angenehm unprätentiös und songdienlich. Beide Stück sind übrigens ebenfalls Coverversionen, einige andere tragen stark die Handschrift ihrer Co-Autoren. Und das wiederum ist ziemlich beschämend für Williams, der seinen langjährigen Songschreiber Chambers rausgeschmissen hat, um selbst zum Songwriter zu werden.
Robbie Williams: «Rudebox» (EMI)