02.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
The Killers: "Sam's Town"
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Mit ihrem zweiten Album «Sams Town» machen sich The Killers auf in die Welt der trashigen US-Casinos. Die Platte ist aber alles andere als Mittelmaß - eher Kingsize.
Von Sascha Woltersdorf«Sams Town» gibt es wirklich. Das Hotel-Casino wurde 1979 gebaut und hat 646 Zimmer, die rund um ein «Atrium» liegen. Dort kann man sich in einem Park zwischen künstlichen Wasserfällen entspannen, wenn man genügend Geld beim Blackjack, Poker oder an den mehr als 2800 Slotmachines verloren oder gewonnen hat. Aber welcher Spielteufel mag die Killers geritten haben, ihr zweites Album nach diesem Casino zu benennen?
Diese Betonburg, die architektonisch irgendwo zwischen Kitsch und USA-Klassizismus angesiedelt ist, kommt gerade einmal auf eine Qualitätseinstufung von drei Sternen. Und der Strip, Las Vegas' zentrale Meile, liegt zehn Kilometer entfernt. Für dementsprechend sparsame 90 Euro ist die Übernachtung zu haben. Hat man ein Näschen für Angebote, bekommt man es vielleicht sogar billiger. Mit einem Wort: Das «Sams Town» ist Mittelmaß. Selbst in seinen schlechtesten Zeiten wäre Elvis Presley wohl nie in einem solchen Schuppen aufgetreten.
Natürlich sind die Killers ebenfalls jeden Morgen an diesem Casino vorbeigefahren, denn ihr neues Album haben sie im Zentrum ihrer Heimatstadt Las Vegas aufgenommen. Und zwar im «Palms», das auch ein Casino ist, aber größer, besser, schöner. Das Mediokre ist eben nicht die Sache der Killers, der ehemals britischsten Band, die nicht aus Großbritannien stammt. Auch diesmal sollte es Kingsize sein und zwar nach US-Maßstäben gemessen.
«Es ist gut, dass sie da sind»Im Intro «Enterlude» grüßt Frontmann Brandon Flowers zwar noch zu schlichten Pianoakkorden nach Art eines Hotel-Concierge: «Wir hoffen, dass Ihnen der Aufenthalt gefällt. Es gut, dass Sie da seid. Auch wenn es nur für einen Tag ist.» Aber das darf man getrost als Treppenwitz abbuchen.
Denn noch vor dem Intro steht das Titelstück, eine mit Trommelwirbel beginnende Rock-Operette, die sich durch einem Trick ein bisschen schlanker machen will: Zuerst liefert ein Haufen Streicher genug Dramatik, um die Schlüsselszene eines Melodrams auszufüllen. Dann geht es mit normalem Bombast weiter, damit der Song vergleichsweise knackig und direkt klingt.
Wiederbelebung alter USA-MythenAber so leicht sollte man sich nicht täuschen lassen. Die Killers tragen dick auf. Kleinigkeiten wie das Casino «Sams Town» lässt man links liegen, da fährt man dran vorbei. Das Album «Sams Town» fährt dagegen die ganz große Kulisse auf: Gitarrengebirge, Bassschluchten und Gewitter-Schlagzeug. Springsteen wird nachgebaut, seine beiden «Born»-Stücke «To Run» und «In The U.S.A.» echoen in «When You Were Young» nach, dem übrigens besten Stück der Platte.
Aber große Gitarren, große Gefühle und Glockenspiel geht das heute überhaupt noch ernsthaft? Interessiert sich das alte Europa dafür, dass der Sänger einen Bruder haben will, der am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, geboren sein soll? Auch sonst werden die uramerikanischen Mythen wie Büffelherden durch die Songs getrieben. Es wimmelt von Highways, Wüstenregen, weiten Horizonten, den Lichtern der Großstadt und dem ewig lockenden Teufel in Drogengestalt.
Das Verstörendste an «Sams Town» ist aber der schmerzfreie Umgang mit den gruseligsten Überresten des Dinosaurier-Rock. Kastratenchöre, die seit Queen niemand mehr ernsthaft gewagt hat, treffen auf Klimbim-Synthies, die auch übereinander getürmt nichts von ihrer Künstlichkeit verlieren. Da kann man nur bass erstaunt zurücktreten und sich wundern, dass so etwas heute überhaupt noch möglich ist. Oder wieder. Vielleicht erleben wir ähnlich einer Supernova mit den Killers das letzte Aufblühen oder Aufblähen der Rockmusik, bevor sie in sich zusammenfällt. Groß genug dafür wäre das Album ja.
The Killers: «Sams Town» (Universal)