07.08.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Der Stefan Raab in Jan Delay
Mit maximalem Pop will Jan Delay für mehr Haltung und Style in Deutschland sorgen. Das klappt aber nicht immer.
Von Sascha Woltersdorf«Manche Leute haben Nerven dick wie Stahlseile/ andere wiederum nur Nerven dünn wie Zahnseide.» Klar, zu welcher Seite sich Jan Delay zählt. Er war immer bei den Guten. Bei den Beginnern, die dem deutschen HipHop bisher eine Zierde waren. Oder mit seinen Soloalben, die der «Wechselpseudonymer Nummer Eins» – so Schorsch Kamerun – mit a.k.a.s von Eizi Eiz bis Delay Lama jedes Mal im Herzen der Kritik platziert hat.
Aber was darf sich jemand, der «Stahlseile» auf «Zahnseide» reimt und solche begnadeten Zweizeiler gleich salvenweise in die deutsche Poplandschaft feuert, eigentlich leisten, ohne dass man sagen muss, er hat ein schlechtes Album gemacht? Viel, wie «Mercedes Dance» beweist. Ohne Eißfeldts Lyrics wäre es ein Scheißalbum.
Gedacht ist es als eine Art Tanzplatte, die «einmal alles in Schutt und Asche legen» soll, buchstabiert jedenfalls der Ankündigungstext in aller Verheißungsvollendung. Im Albumintro dichtet es sich Jan Phillip Eißfeldt so zusammen: Die Haltung vom Punk, der Style vom Jazz, die Bässe vom Reggae und die Beats vom Rap. Klingt toll. Ist es aber nicht. Jedenfalls nicht immer.
Klaus Lage statt MarleyDie Beats kommen einige Male eher aus dem Schlagzeug-Lernvideo. Und Keyboards, Synthies und Bässe hören sich mitunter an, als seien sie mit irgendeinem aktuellen Alleinunterhalter-Keyboard direkt in die Soundkarte gespielt. Und zwar ohne Lust am Trash, sondern einfach nur, weil auf diese Weise alles schön standardmäßig bleibt. Viele Produzenten nennen das wahrscheinlich «Hochglanz» oder «amtlichen Sound». Und sogar funktionieren kann das: Die Single «Klar» ist feinstes Autoradiofutter. Als wäre Funkpop in Hamburg, Deutschland erfunden worden. Und wenn «Hochglanz» oder «amtlich» bedeutet, dass nachts bei Vollgas die Mittelstreifen im Halogenlicht der Scheinwerfer mitgrooven – dann her damit. «Klar» ist der beste Song auf dem Album. Ein Treffer.
Mit «Kartoffeln» folgt im nächsten Stück die Abrechnung mit dem Dumpfen, dem Stoffeligen, dem Braunen, das immer noch in unseren deutschen Seelen steckt und bestraft gehört. Deshalb haben wir Klaus Lage und keinen Bob Marley, Miles Davis oder wenigstens Frank Sinatra, meint Jan Delay. Bombe.
Wie von Stefan Raab ausgedachtDer vierte Track «Kirchturmkandidaten» schlappt langsam ab, noch später wird es so seicht und lau wie die Babybecken im Freibad. «Für immer und dich» ist als altes Rio-Reiser-Stück sowieso nicht kaputt zu kriegen. Der Rest ist Reggae, Soul und Funk, wie ihn sich auch Stefan Raab ausdenken würde. Ein merkwürdiger Zwiespalt, denn Jan Delay hat «Mercedes Dance» selbst produziert.
Sicher soll der geschmirgelte Pop auf dem Album als Trägerrakete funktionieren, um den Meisterstyler und beste Haltungsnoten-Absahner Eißfeldt auch nach ganz oben in die Charts zu katapultieren. Aber manchmal schießt er eben über das Ziel hinaus. Und dann ist der ganze coole Scheiß gar nicht mehr so cool.
Jan Delay: «Mercedes Dance» (Buback / Universal)