17.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Stephan Remmler
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der ehemalige Trio-Sänger hat mit Thomas D, Deichkind und Heinz Strunk ein Album gemacht: Stephan Remmlers «1, 2, 3, 4».
Von Sascha WoltersdorfDeutschland-Klischees können so gemein sein: Weil zur Fußball-WM nur eine der beiden großen amerikanischen Cola-Marken Sponsor sein durfte, behalf sich die andere mit einem Fifa-freien Spot zum Thema Fußball in Deutschland. Man ahnt, was kommt: Gekickt wird im Bierzelt und in den Literhumpen schwappt natürlich die zu bewerbende schwarze Brause. Ähnlich gut gefüllt schwappen die Dirndl der Kellnerinnen durchs Bild und stramme Mannsbilder in Lederhosen passen sich derweil schuhplattlernd (!) den Ball zu das sogar mit Erfolg: Ronaldinho, Thierry Henry, David Beckham und Roberto Carlos kassieren völlig entgeistert das 0:1. Zumindest im Bierzelt gewinnen am Ende also noch immer diese crazy Germans.
Ach ja, eine Werbemusik gab es auch: Trios «Da Da Da» als Blaskapellenversion. Die Wahl sei auf das Stück gefallen, weil es so der ehemalige Trio-Sänger Stephan Remmler in den Augen des Cola-Herstellers beispielhaft für das WM-Gastgeberland stehe. Bierzelt, Dirndl, «Da Da Da» das ist also Deutschland. Aha, aha, aha.
Dabei hätte der Colabrauer gar nicht so weit zurückgreifen müssen, er hätte genauso gut Remmlers neues Album für den Werbespot nehmen können. «1,2,3,4» gehört zum Merkwürdigsten, was man sich derzeit auf den Plattenteller legen kann.
WurstbrotDie sechzehn Stücke des Albums transportieren Trio in die Jetztzeit mit allen Konsequenzen. In den achtziger Jahren dürften Trio-Singles für fünfzig Pfennig in den Jukeboxen sämtlicher Eckkneipen zwischen Neukölln und Schwabing anwählbar gewesen sein. Trotzdem war die Band immer auch irgendwie Punkrock. Unvergessen bleibt, wie Schlagzeuger Peter Behrens einst in der ZDF-Hitparade zum Voll-Playback von «Da Da Da» in aller Ruhe ein Wurstbrot aß. Das gehört bis heute zu den Höhepunkten der deutschen Popgeschichte.
«Broken Hearts For You And Me», eine alte Trio-Nummer eröffnet logischerweise das Album und zwar als gut abgelagerter TripHop aus der Dose. Und bei dieser musikalischen Verortung zwischen Simpel-Reggae, Spaß-Elektro und Alleinunterhalter-Techno bleibt es auch. Besonders avantgardistisch ist das nicht.
Liebe und GlückAber dafür liegt Remmler auch 2006 haarscharf auf des Messers Schneide zwischen Schnulze und Dadaismus. Der Mann singt in Kitschbildern von einem «Vogel der Nacht», der bis «hinauf zu dem Mond» fliegen und von «Liebe und Glück» zwitschern soll. Und gleichzeitig klingen die hochgepitchten Schlumpfstimmen im Hintergrund wie ein vom Teufel besessener Kinderchor kurz vor dem Exorzismus. Schlagerpop so seltsam und bizarr wie schuhplattlernde Fußballer. Und das kann wahrscheinlich keiner besser als Stephan Remmler.
Für «1, 2, 3, 4» konnte der geniale Banalytiker («Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei») außerdem ein paar interessante Mitspieler gewinnen: Zum Beispiel Deichkind (bei der «Kummer»-Neuauflage), Thomas D. («Gestern Abend») und die Telefonspaß-Truppe Studio Braun. Braun-Mitglied Heinz Strunk verfeinert «Frauen sind böse» mit seinen Humorbeobachtungen vom deutschen Beziehungsalltag zwischen Abendessen und Tagesschau.
Thomas D und Studio BraunUnd bei so viel populären Unterstützern kann man auch verstehen, warum Remmler («Einer muss der Beste sein») inzwischen glaubt, dass «Da Da Da» vor knapp 25 Jahren «auf der ganzen Welt Nummer eins war». Das Stück mag in den Charts vieler Länder ganz oben gelistet worden sein. Verbrieft sind zumindest die Schweiz und Österreich. In Deutschland hat es nur für Platz zwei gereicht.
Stephan Remmler: «1,2,3,4» (it sounds/ SonyBMG)