netzeitung.deThom Yorke: Solo Angst

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An der Grenze zum Verschwinden: Cover von Thom Yorkes 'The Eraser' (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe An der Grenze zum Verschwinden: Cover von Thom Yorkes 'The Eraser'
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mit Synthesizer und Sampler hat Radiohead-Frontmann Thom Yorke ein Soloalbum zusammengebraut. Es ist sparsam, einsam - und die Essenz seiner Band.

Von Sascha Woltersdorf

Geschichten zufolge, die durch die Netzwelt schwirren, soll Thom Yorke eine Menge E-Mails an Fan-Seiten und Foren geschickt haben, in denen er Kraftwort-bewehrt darauf besteht, dass er kein Soloalbum gemacht habe.

Okay, glauben wir es. «The Eraser» ist kein Soloalbum. Es gibt Radiohead noch. Es gibt sogar nicht einmal Gerüchte über einen Split. Jedenfalls keine, die Thom Yorke selbst in die Welt gesetzt hätte. Aber glücklicherweise – oder unglücklicherweise? – stecken noch ein paar andere Bedeutungen in dem Wort «solo». Einsam zum Beispiel.

Gespenstisch anziehend und schwermütig
Doch zurück in die neunziger Jahre, zu deren Gemütslage Radiohead mit «Creep» einen ähnlich weit verbreiteten Song gemacht haben, wie es Pink Floyd mit «Wish You Were Here» für die Siebziger getan haben. Was zwangsläufig zum Stadionrock hätte führen müssen, wenn sich die Band dem nicht durch experimentellere und später elektronifizierte Alben wie «OK Computer» (1997) und «Kid A» (2000) entzogen hätte. Dass Radiohead bis heute trotzdem in den Verkaufslisten ganz oben stehen und in den ganz dicken Lettern auf Festivalplakate gedruckt werden, grenzt an ein Kuriosum. Oder – angemessen freundlich formuliert – an ein schönes Wunder.

Mit «The Eraser» kommt nun nichts weniger als ein mit Synthesizer und Sampler zusammengebrautes Konzentrat, das zeigt, was Radiohead bisher immer von Nachläufern wie Coldplay oder Keane abgegrenzt hat. Allein das gibt dem Soloalbum Sinn. Zudem sind die neun Songs aus dem heimischen Elektronik-Baukasten des Thom Yorke auch noch gespenstisch anziehend, hypnotisierend und schwermütig bis zur Unerträglichkeit. Man sieht diesen «Paranoid Android» und an Heimweh leidenden Alien förmlich in seinem düsteren Kämmerchen vor dem bleichen Bildschirm seines Laptop sitzen. Und draußen hinter den Fenstern droht die Welt.

An der Grenze zum Verschwinden
«The Eraser» beginnt mit dem Titeltrack und mit einem verrauschten, immer an der Grenze zum Verschwinden geloopten Piano. «The more you try to erase me, the more that I appear», singt Yorke in einer eiskalten Seufzerarie aus dem Weltraum. So klingt der Kampf gegen die totale Selbstauflösung. Und wie als ironische Wendung bekommt der Song gegen Ende einen Break, in dem das Piano hochgepitcht wird, wie man es von frühen Housetracks kennt, von den Verwehungen der Ekstase längst vergangener Zeiten. Eine traurige Erinnerung. Keine Frage, Thom Yorke ist der Major Tom der unendlichen Melancholie.

Wer es nicht glaubt, kann unter «www.theeraser.net» nachsurfen. Dort steht Yorkes «card index archival mistake retrieval filing system», ein virtueller Aktenschrank mit gescannten Ideen- und Textfragmenten, zum Teil auf Schmierpapier ausgedruckt. Manchmal scheint die Rückseite noch durch. «Kürzere Gefängnisstrafen für Mörder?» steht zum Beispiel auf der Rückseite eines Scans. Man mag das für einen zur Schau gestellten Teil des Gesamtkunstwerks Thom Yorke halten. Aber wer will schon für einen Papiersparer gehalten zu werden?

Schoßhund mit Selbstironie
Auf der Vorderseite hat sich Yorke Notizen gemacht, die Keyboards auf «Eraser» sollen klingen wie durch billige Minispeaker mit fast leeren Batterien geschickt. Eine durchaus zutreffende Beschreibung für ein Album, das von gebrochenen Beats und kranken Sounds geradezu infiziert ist. «The Clock» verstört mit einem hängen gebliebenen Beat, der an Schüttelbewegungen von autistischen Käfigtigern erinnert.

Der Bass und die wie eine Sitar klirrende Gitarre könnten direkt von deutschen Krautrock-Bands wie Can stammen. «Black Swan» wiederum würde auch ein Radiohead-Album bereichern mit seinem federnden Indierock. Und «Skip Divided» glänzt gar mit einer Variante des «Creep»-Themas: «I’m a dog, dog, dog, a lapdog, your lapdog.»

Thom Yorke als Schoßhündchen. Wer hätte das gedacht: Das Zentrum des Weltschmerz hat sogar Selbstironie.

Thom Yorke: «The Eraser»
(XL / Beggars / Indigo)