Distelmeyers Fragezeichen
Ansichtskarten, vor allem die aus den viel besuchten, normalerweise sogar pauschal buchbaren Reisezielen, können so verräterisch sein. Vorne drauf ein buntes Allerlei von Bergen bis Meeren, hinten eine Zustandsbeschreibung, die oft mit Worten beginnt wie «Ich sitze hier in einem schönen Café, die Sonne scheint, und ich habe endlich Zeit, dir ein paar Zeilen zu schreiben» und so weiter.
Das sind Botschaften, die dem Empfänger der Karte Sorgen bereiten können. Haben Sonne und Sangria das Hirn des Schreibers auf Rosinengröße schrumpfen lassen? Erlebt dieser Mensch gerade so eine Art Implosions-Nirvana, dass, wenn man einfach ein paar Wochen gar nichts macht, so unerbittlich runtersausen kann wie die Guillotine?
Im ersten Stück steht Bandkopf Jochen Distelmeyer am Fenster und betrachtet den frisch gefallenen Schnee, der wie ein «Blatt Papier» vor ihm liegt. Ein offenbar höchst inspirierendes Winterbild, wie die nächsten Zeilen enthüllen: «Ich mache mir meinen Reim und singe was ich sehe.» Ich sitze hier und schreibe dir... Später verweht es noch blühende Eisblumen auf des Sängers Textblatt, ein Fluss scheint still zu stehen, eine Krähe fliegt durchs Bild, und die Glocken läuten, bis oh welch Laune der Natur das über Nacht vom «Himmelszelt» gerieselte «weiße Kleid» zu tauen beginnt.
Es ist ein Naturalbum, ein Bilderbuch voller Menschen, Tiere und Pflanzen. Tapsende Igel, tollende Füchse und züngelnde Schlangen («Tiere um uns») bevölkern die 13 Songs, Goldwolfsmilch und Alpenveilchen, Hyazinthen und Vergissmeinicht sprießen aus den Zeilen («April»).
Und natürlich bleiben auch diverse menschliche Kulturerrungenschaften nicht unerwähnt: Ein «Apfelmann» baut Äpfel an und das bei Wind, Wetter und orchestriert von einem Blumfeldschen Boogie-Woogie, zu dem sicher auch Samson in der «Sesamstraße» gerne tanzen möchte. Überhaupt geht es musikalisch noch tiefer in Richtung sanfter Folk-Pop, Piano und akustische Gitarre dominieren. Kurz: «Verbotene Früchte» könnte man verstehen als altersmilden Blick in die Welt rundum. Den alten intellektuellen Kaiser Distelmeyer, den manche per Diskurs-Pop sozialisierte Zeitgenossen gerne wieder haben wollen, gibt es jedenfalls nicht mehr.
Viele Fragezeichen, auf die Distelmeyer selbst keine Antworten gibt, erst recht nicht in Interviews. Mit zunehmenden Alter haben das Autoren meistens so gehalten.
Blumfeld: «Verbotene Früchte» (Sony)

