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Blumfeld 'Verbotene Früchte' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Blumfeld 'Verbotene Früchte'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Blumfeld irritieren auf ihrem neuen Album mit Blümchen-Lyrik. Fans sind schockiert oder begeistert. Dazwischen gibt es nichts.

Von Sascha Woltersdorf

Ansichtskarten, vor allem die aus den viel besuchten, normalerweise sogar pauschal buchbaren Reisezielen, können so verräterisch sein. Vorne drauf ein buntes Allerlei von Bergen bis Meeren, hinten eine Zustandsbeschreibung, die oft mit Worten beginnt wie «Ich sitze hier in einem schönen Café, die Sonne scheint, und ich habe endlich Zeit, dir ein paar Zeilen zu schreiben» – und so weiter.

Das sind Botschaften, die dem Empfänger der Karte Sorgen bereiten können. Haben Sonne und Sangria das Hirn des Schreibers auf Rosinengröße schrumpfen lassen? Erlebt dieser Mensch gerade so eine Art Implosions-Nirvana, dass, wenn man einfach ein paar Wochen gar nichts macht, so unerbittlich runtersausen kann wie die Guillotine?

Gerade haben nun allerorten die Plattenläden so eine Postkarte erhalten und zwar in Form des sechsten Albums von Blumfeld.

Im ersten Stück steht Bandkopf Jochen Distelmeyer am Fenster und betrachtet den frisch gefallenen Schnee, der wie ein «Blatt Papier» vor ihm liegt. Ein offenbar höchst inspirierendes Winterbild, wie die nächsten Zeilen enthüllen: «Ich mache mir meinen Reim und singe was ich sehe.» Ich sitze hier und schreibe dir... Später verweht es noch blühende Eisblumen auf des Sängers Textblatt, ein Fluss scheint still zu stehen, eine Krähe fliegt durchs Bild, und die Glocken läuten, bis – oh welch Laune der Natur – das über Nacht vom «Himmelszelt» gerieselte «weiße Kleid» zu tauen beginnt.

«Tiere um uns»
Einmal abgesehen davon, dass dermaßen abgenagtes Wortgeflügel auf den Komposthaufen der Pop-Lyrik gehört, haben Blumfeld mit «Verbotene Früchte» ein Album abgeliefert, das stellenweise mehr mit naiver Malerei zu tun hat als mit dem Diskurs-Pop von «Ich-Maschine» oder «L'état et moi».

Es ist ein Naturalbum, ein Bilderbuch voller Menschen, Tiere und Pflanzen. Tapsende Igel, tollende Füchse und züngelnde Schlangen («Tiere um uns») bevölkern die 13 Songs, Goldwolfsmilch und Alpenveilchen, Hyazinthen und Vergissmeinicht sprießen aus den Zeilen («April»).

Und natürlich bleiben auch diverse menschliche Kulturerrungenschaften nicht unerwähnt: Ein «Apfelmann» baut Äpfel an und das bei Wind, Wetter und orchestriert von einem Blumfeldschen Boogie-Woogie, zu dem sicher auch Samson in der «Sesamstraße» gerne tanzen möchte. Überhaupt geht es musikalisch noch tiefer in Richtung sanfter Folk-Pop, Piano und akustische Gitarre dominieren. Kurz: «Verbotene Früchte» könnte man verstehen als altersmilden Blick in die Welt rundum. Den alten intellektuellen Kaiser Distelmeyer, den manche per Diskurs-Pop sozialisierte Zeitgenossen gerne wieder haben wollen, gibt es jedenfalls nicht mehr.

Diktatur der Angepassten?
Trotzdem lässt sich mit Blick auf die vom Pop-Linken Distelmeyer bestellten politischen Felder ein wenig tiefer in den Songs schürfen. Warum auch nicht, manche Menschen gehen ja auch in den Wald, um Steinpilze, Pfifferlinge und Kräuterseitlinge zu suchen. Ist «Tiere um uns» am Ende ein Loblied auf die Artenvielfalt und damit eine Art Umkehrung der Diktatur der Angepassten? Steckt hinter dem Apfelmann ein fleißiger Heger und Pfleger der Erkenntnis? Einer, der nicht anders kann, als seine laut Bibel verbotenen Früchte unter das Volk zu bringen? Und malt selbst «Schnee» ein – zugegebenermaßen – naives Bild vom eins sein mit der Natur?

Viele Fragezeichen, auf die Distelmeyer selbst keine Antworten gibt, erst recht nicht in Interviews. Mit zunehmenden Alter haben das Autoren meistens so gehalten.

Blumfeld: «Verbotene Früchte» (Sony)