netzeitung.deDie Sterne: Pop und Zweifel

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Blöder Titel, spannende Platte: Die Sterne, 'Räuber und Gedärm' (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Blöder Titel, spannende Platte: Die Sterne, 'Räuber und Gedärm'
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mit «Räuber und Gedärm» zeigen die Sterne, warum sie so hilfreich für die Popmusik sind - trotz des blöden Album-Titels.

von Sascha Woltersdorf

Die Piano-Akkorde hüpfen wie Kinder beim Gummitwist, der Beat marschiert eins-zwo-drei-vier, der Bass umtanzt das Piano, ein wenig ungelenk zwar, aber gut gelaunt. Die ersten Sekunden des neuen Sterne-Albums klingen wie das Versprechen einer großen Zeit, der erste laue Frühlingsabend, der Sommer kommt bestimmt.

Dann ist alles vorbei. Harmoniewechsel, der Bass halbiert das Tempo, ein eiskalter Synthie legt den Deckel drüber. «Es könnte qualmen oder so. Oder sich selbst zerstören», singt Frank Spilker. Es könnte. Oder so. Tut es aber nicht. Noch.

«Es hat alles sein Gutes» heißt das Titelstück. Aber: «Ich will mehr, es könnte noch mehr knallen», ergänzt Spilker den Titel im Refrain. «Räuber und Gedärm» – nebenbei bemerkt ein ziemlich blöder Titel – ist die Zerrissenheit in Vollendung: Ein Einerseits-Andererseits-Album, ein Tour-Tagebuch von irgendwo unterwegs auf halber Strecke. Und diese goldene Mitte ist ein großer, stinkender Haufen Mist. Oder vielleicht doch nicht? «Aber Andererseits», klärt uns das zweite Stück auf: «Man ist nie wirklich sauber und kein Zustand ist perfekt.»

«Wenn ich realistisch bin, geh ich nicht raus»
«Räuber und Gedärm» ist sicher nicht die erste Sterne-Platte, die so klingt. Trotzdem – das achte Album ist dafür ein gebührender Anlass – sollte noch einmal darauf verwiesen werden, dass die Band um den sich sowieso häufig genug selbst differenzierenden Spilker viel gesunden Zweifel in die Popmusik säht. Viele beherrschen dieses Kunststück nicht.

Denn kann es etwas unglamouröseres und damit pop-unkompatibleres geben, als diesen nagenden, hinterfragenden, anstrengenden Zweifel? Dankenswerterweise gibt es auch noch mit «Wenn ich realistisch bin» ein utopie-freundliches Gegengewicht auf dem Album. «Wenn ich realistisch bin, verlasse ich grundsätzlich nicht das Haus», heißt es in dem Stück. Man geht natürlich trotzdem raus. Wer klebt schon Tag und Nacht am Küchentisch?

Musikalisch bewegt sich «Räuber und Gedärm» übrigens im weiten Sterne-Weltall aus funky Schrammel-Rock mit Sprenkeln aus Dub und Kraut. Die passende Verortung liefert die ansonsten wenig gehaltlose Angabe, wo die Sterne vor den Aufnahmen geprobt haben: In Fresenhagen, auf dem ehemaligen Landsitz von Ton Steine Scherben, irgendwo auf halber Strecke zwischen Flensburg und der Nordsee.

Die Sterne: „Räuber und Gedärm“
(V2/Rough Trade)